Autor Thema: Jünger  (Gelesen 1453 mal)

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Offline Roland

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Jünger
« am: 16 Dezember 2007, 19:38:03 »
Per eMail wurde mir folgende Frage zugestellt:

was bedeutet jünger
Besser ein Patient CHRISTI als ein Doktor der Theologie!

Offline Roland

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Re: Jünger
« Antwort #1 am: 16 Dezember 2007, 19:45:49 »
Der Begriff des Jüngers im ntl. Sinne (Nachfolger Jesu) hat keine Vorgänger und keine Parallelen, weder im profanen griech. Sprachgebrauch noch in den heidnischen Religionen noch im AT noch im spätjüd. Rabbinentum.
In der griech. Welt bedeutet das im NT für «J.» gebrauchte Wort mathetŠs den Handwerkslehrling oder auch das Mitglied einer Philosophenschule, z.B. der Stoa, wobei es jedoch lediglich um eine ideell begründete Gemeinschaft zwischen geistig Gebenden und Nehmenden geht, nicht aber um Lebensnachfolge wie bei den Jüngern Jesu. Im AT fehlt der Begriff und das Wesen des J. so gut wie ganz.
Die LXX hat das Wort mathetŠs überhaupt nicht, und das in spätjüd. Zeit für die Rabbinenschüler gebrauchte hebr. Wort talmid erscheint im ganzen AT nur ein einziges Mal (1. Chr 25,8).
Das im AT manchmal anzutreffende besondere Verhältnis zwischen einem Gottesmann und seinem Begleiter (Josua bei Mose, Elisa bei Elia, Baruch bei Jeremia usw.) darf nicht mit einem Jüngertum verwechselt werden; diese Begleiter üben durchweg die Rolle eines Dieners, Adjutanten oder Sekretärs aus, nichts anderes.
Und das schöne Wort des Gottesknechts in Jes 50,4 («eine Zunge, wie sie Jünger haben») und erst recht das von den «Jüngern des Herrn» (Jes 54,13) hat nichts mit der Nachfolge eines bestimmten Meisters zu tun, sondern damit, daß aus der Volksgemeinde Israels sich eine Glaubensgemeinde (von «J.n») herausgeschält hat.
 
Im Unterschied zum AT kommt das hebr. Wort für «J.», talmid, in der spätjüd. Literatur, also auch z.Zt. Jesu, überaus häufig vor.
Mindestens von den großen Rabbinen hatte jeder seine eigene «Schule» mit eigenen «J.n».
Der talmid stand dabei auf der untersten Stufe zum Rabbi; die nächste Stufe nahm der talmid-chakam ein, der «weise Jünger».
Der einfache talmid durfte nur Fragen stellen; der talmid-chakam stellte auch noch Fragen, durfte aber auch schon anderen Menschen Antworten geben.
Die Zugehörigkeit zur Schule begann auf Grund eines Entschlusses des künftigen J.; er meldete sich als talmid an und gehörte dann bis zur Erlangung seines Ausbildungszieles der jeweiligen Rabbinenschule an.
Dabei bildete der Schüler mit dem Meister eine Lehr- und Lerngemeinschaft, jedoch keine geistliche und menschliche Lebensgemeinschaft.
 
Ganz anders die Jesus-Jüngerschaft. Sie ist nicht Wissenserlangung durch einen großen Meister, sondern lebenslange Nachfolge des einen Meisters Jesus.
Im NT wird dies sachgemäßerweise nur in den Ev.n dargelegt, wenn man von einigen unschwer einzuordnenden Stellen in der Apg zunächst absieht.
Fast ausnahmslos werden solche Männer als J. bezeichnet, die dem Ruf Jesu in eine vorbehaltlose Gemeinschaft der Nachfolge gefolgt sind.
Unter den Evangelisten ist es bes. Lukas, der den Ausdruck mathetŠs oft gebraucht, auch in seinem Sondergut (s. LUKAS) wie z.B. Lk 11,1 (das Gebet der J.!), 14,26ff. usw.
 
Ein weiteres Kernmerkmal des J. Jesu ist, daß er zur Jüngerschaft berufen werden muß: Mt 4,19; Mk 1,17; 2,14; Lk 5,1ff.; Joh 1, 35-43 usw.
Der angehende talmid muß sich bei seinem Meister um Aufnahme bewerben, bei Jesus wird ein Mensch aus allen seinen seitherigen Bindungen heraus (Mt 4,19; 9,9) in die Nachfolge gerufen.
Ob es auch ernsthafte eigene Initiativen von Anhängern Jesu gab, zum J. zu werden (vgl. Mt 19,16-22; Lk 9,57-62), geht aus den Berichten nicht eindeutig genug hervor.
In jedem Fall handelt es sich hier um Ausnahmen, offenbar v.a. in der ersten Zeit des Wirkens Jesu.
Bei den Berufenen aber ist es offensichtlich der unmittelbare persönliche Eindruck der Person Jesu, der die fast unbegreifliche Spontaneität der Nachfolge auslöste.
Er ist der Herr (kyrios), der J. der Knecht (doulos). Anders als beim talmid ist der Eintritt in den Jüngerstand nicht der Anfang einer verheißungsvollen Laufbahn, sondern die Erfüllung einer Lebensbestimmung.
 
Rein äußerlich mag sich Jesus wenig von den Thoralehrern seiner Zeit unterschieden haben; der grundlegende Unterschied wird an der uneingeschränkten Lebensnachfolge Jesu durch die J. sichtbar.
Diese Nachfolge bedeutet das Ja zur Ausschließlichkeit Jesu Christi (Mt 23,8-10)-ein Gedanke, der den Rabbinen schon wegen der Vielzahl ihrer Schulen fremd war.
Die Jüngerschaft orientiert sich allein am Wort des Herrn (Mt 5,2; Joh 8,31.32; 17,8) und schließt den weltweiten Zeugendienst ein (Mt 28,18-20; Mk 16,15; Lk 24,46-48; Joh 20,21).
Nicht zuletzt ist Jüngerschaft die Bereitschaft zu einem Leben im Schatten des Kreuzes, also des Leidens (Mt 16,24.25; Mk 8,34.35; Lk 9,23.24; Apg 4,5-22; 5,17-41; 7,54-60; 2. Kor 11,23-33 u.a.).
Zugleich will sie ein Leben in der Liebe zum Nächsten nach dem Vorbild Jesu sein (Mt 5,43-48; Lk 6,36; Joh 13,1-17.34.35 usw.).
Zum J. gehört auch die Vollmacht zur Vergebung der Sünden im Namen Jesu Christi (Mt 18,18; Joh 20,23).
 
Der Begriff «J.» ist nicht identisch mit dem des Apostels oder der «Zwölf» (Mt 26,14; Mk 14,20; Joh 6,70; vgl. 1. Kor 15,5).
Eine Unterscheidung wird im NT nirgends definiert, ergibt sich aber aus den Texten.
Eindeutig umschrieben ist zunächst einmal der Kreis der «Zwölf» (vgl. die Liste Lk 6,13ff.; vgl. auch die Zwölfzahl in Offb 21,12.14.21).
Sie sind der von Christus erwählte engste Kreis, auf den außer der persönlichen Berufung durch Jesus selbst noch weitere Kriterien zutreffen müssen, die in Apg 1,21.22 genannt werden.
 
Ein Apostel kann im NT dem Zwölferkreis angehören, muß es aber nicht, wie das Beispiel des Paulus zeigt, der eindeutig zum Apostel berufen war (1. Kor 9,1; Gal 1,1 usw.).
Es wäre falsch, wollte man Paulus zum «wahren 12. Apostel» umstilisieren, der die Stelle des (jedenfalls in der Apg) farblos bleibenden Matthias (Apg 1,23-26) eingenommen hätte; Paulus war vielmehr ein Apostel eigener, separater Berufung durch Christus (Apg 9,3-19).
Die Frage, ob und wie das auch für Barnabas zutrifft, falls die Apostelbezeichnung in Apg 14,14 auch für ihn zutreffen soll, beantwortet das NT nicht ausdrücklich.
Sicher ist, daß es keine Nachfolger der Apostel im Apostelamt gegeben hat, z.B. für den unter Herodes Agrippa I. hingerichteten Jakobus (Apg 12,1.2).
Mit den berufenen Aposteln des NT ist das Apostelamt in der christl. Kirche unwiederholbar abgeschlossen.
 
Viel weiter gefaßt ist der Kreis der J. Der Begriff wird in den Ev.n durchaus nicht nur auf die Zwölf angewandt; vgl. etwa Mt 13,52; 28,19; Lk 14,26; Joh 4,1; 6,66; 8,31. Gemeint sind hier keineswegs bloße Sympathisanten oder zeitweilige Aktivisten, sondern hingegebene Nachfolger Jesu.
In diesem Sinne spricht dann auch die Apg von J.n, z.B. bei der Beschreibung der Urgemeinde (Apg 6,1.2; 9,1), bei den Christen in Damaskus, die Saulus aufnahmen (9,10-26), den Heidenchristen in Antiochia (11,26.29), der Jüngerin Tabita (9,36) und den Christen in den ersten Missionsgemeinden (13,52; 14,20; 15,10; 16,1; 19,30; 21,4 u.a.).
Man kann argumentieren, daß der Begriff J. im Laufe der Zeit eine gewisse Abschleifung und Ausweitung erfahren hat, was auch nicht ungewöhnlich wäre.
Wichtiger ist jedoch der folgende Gesichtspunkt: Die Apg ist das Buch des Hl.
Geistes (1,8; 2,1-12; 6,5; 8,15-17; 10,44; 13,2; 15,28; 20,28 u.a.), und was in den Ev.n Jesus bewirkt, damit aus einem Menschen ein J. wird, das wirkt in der Apg der Hl. Geist.
Er beruft Menschen zu J.n, genau wie Jesus sie am See Genezareth und anderswo berufen hat.
Luther sagt in seiner Erklärung zum 3. Glaubensartikel: «...sondern der heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen...» Eine Anmerkung zu Apg 9,25: Paulus hat keine J. berufen.
Darum ist diese Stelle nur so erklärbar, daß unter dem Eindruck der Bekehrung des Paulus seine mit ihm nach Damaskus angereisten Begleiter ebenfalls Christen, also J. Jesu Christi geworden waren.

Shalom
Roland

Quelle: Jerusalemer Bibellexikon
Besser ein Patient CHRISTI als ein Doktor der Theologie!