Autor Thema: Neuoffenbarung  (Gelesen 1639 mal)

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Neuoffenbarung
« am: 13 Januar 2007, 23:30:08 »
Wurde die Neuoffenbarung zur Bibel anerkannt? Ich komme
damit nicht zurecht, lebe zur Zeit mit einem Mann der diese Neuoffenbarung
als Bibelersatz liest und mir sagt die Bibel sei unwahr und veraltet.Wo
stehet in der Bibel, dass Maria in den Himmel gefahren ist?
Die Brüder Jesus wurden die nach Jesus geboren? Oder sind sie Kinder
von Josef die er schon hatte also Halbgeschwister?Danke für Ihre Antwort
im Voraus..

Offline Roland

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Re: Neuoffenbarung
« Antwort #1 am: 14 Januar 2007, 00:17:28 »
Neuoffenbarung (auch: direkte Offenbarung) ist eine Offenbarung, die über die im Wort GOTTES vorhandene Offenbarung hinausgeht und die diese ersetzen, ergänzen oder korrigieren möchte.


Beispiele:

Neuoffenbarungsbewegungen sind sämtliche auf neue "Propheten" (falsche Propheten) und Apostel zurückgehenden Sekten, die zur Bibel etwas hinzufügen, z.B. Mormonen, Christliche Wissenschaft, Neuapostolische Kirche, Anthroposophie, Universelles Leben, Lorberianer, manche "Einzelpropheten" in der Pfingst- und Charismatischen Bewegung und unzählige andere. Die Behauptung einer "direkten Offenbarung" findet sich in verschiedenen Formen bei den Mystik ern und religiösen Spiritualisten aller Zeiten. Bereits die Mitglieder der um 156/157 n. Chr. entstandenen Sekte des Montanus (Montanisten) beanspruchten, in ekstatischen Zuständen und Visionen direkte, über die Bibel hinausgehende "Offenbarungen" von Gott zu erhalten. Der Kirchenhistoriker Euseb bezeichnete sie als "Falschpropheten" und schrieb über ihren Begründer: "Andere aber ließen sich durch ihn verführen, als spräche aus ihm ein heiliger Geist und als besäße er ein prophetisches Charisma" (Kirchengeschichte V,16,8). Verschiedene gnostische Gruppen (griech. gnosis = "Erkenntnis") zur Zeit der Alten Kirche unterschieden zwischen Hylikern (grob materiell Gesinnten). Psychikern (den gewöhnlichen Gläubigen, die sich auf die biblische Offenbarung stützen) und Pneumatikern (den eigentlichen Gnostikern, die "Geist" und übersinnliche Erkenntnis besitzen). Die Gnostiker empfangen angeblich immer neue "Offenbarungen". Diese Linien setzten sich am Rande oder außerhalb der Kirche bis ins Mittelalter, die Reformationszeit und die Gegenwart hinein fort. Meister Eck(e)hart (ca. 1270-1328) und andere Mystik er des Mittelalters strebten die Vereinigung der Seele mit dem Göttlichen (unio mystica) an. Ist diese eingetreten, dann wird ein "inneres Licht" entzündet, eine "Erleuchtung" findet statt. Der, der "in sich den Gott gefunden" hat, bedarf "für ein rechtes, göttliches Leben keines äußeren Gesetzes, keiner menschlichen Weisung, keiner Belehrung aus Büchern, welche sagen, was einstens war: Gott selbst ist in ihm gegenwärtig und gibt ihm Lehre und Weisung. Er ist selbst ein Offenbarungsquell für andere, die noch nicht den Gott in sich gefunden" (Meister Eckehart, Schriften, 1934, 2). Unter den zahlreichen "Schwärmern" der Reformationszeit trat besonders Thomas Müntzer (gefallen 1525) hervor. Müntzer nahm an, dass das durch den Bibeltext nicht vollkommen erfasste "Wort Gottes" im menschlichen Herzen als "übernatürliche Erleuchtung, Vision usw." wirkt. Die Müntzerische Theologie steht im engen Zusammenhang mit der Mystik, z.B. seine Polemik gegen den "heiligen Buchstaben". Auch J. v. Fiores Lehre vom "ewigen Evangelium" war Müntzer bekannt. Wir können unseren historischen Exkurs hier abbrechen, weil der immer gleichbleibende Zug in der Lehre von der "direkten Offenbarung" bereits deutlich hervorgetreten ist: Es wird ein direkter Offenbarungsempfang durch Träume, Visionen, "höhere Erkenntnisse", "Vereinigung mit dem Göttlichen" usw. behauptet, der das geschriebene Bibelwort als Offenbarungsmittler an die zweite Stelle rückt.


Beurteilung:
Aus theologischer Sicht sind an alle Bewegungen und "Propheten", die sich auf Neuoffenbarungen berufen, zwei grundsätzliche Fragen zu richten:

a) Lassen die im biblischen Kanon zusammengestellten Schriften von ihrem Selbstverständnis her die Möglichkeit neuer, über sie hinausgehender Offenbarungen zu?
b) Wenn ja: Stehen die Neuoffenbarungen in inhaltlicher Kontinuität zu den Aussagen der Bibel – oder werden Widersprüche sichtbar?

Aus der Betrachtung der biblischen Heilsgeschichte (z. B. der Berufung der Propheten) ergibt sich: Der persönliche Gott der Bibel offenbart sich souverän: wo, wann, wem und wie er will. Obwohl somit der – für manche Strömungen charakteristische – Versuch zum Scheitern verurteilt ist, auf methodischem Wege Zugang zu höheren, "göttlichen" Offenbarungen zu gewinnen, bleibt dennoch die Möglichkeit neuer Offenbarungen zunächst nicht ausgeschlossen. Denn gerade weil Gott souverän ist und sich offenbaren kann, wo, wann, wem und wie er will – gerade deshalb kann er sich auch nach Abschluss des biblischen Kanons (auch in der Gegenwart) offenbaren. Wer könnte oder wollte Gottes Wirken begrenzen, wer – außer Gott selber? Damit aber sind wir am entscheidenden Punkt angelangt: Gott selbst hat seine Offenbarung begrenzt – und zwar, indem er ihr heilbringende Eindeutigkeit verliehen und sie an das biblische Wort gebunden hat. Gott hat sich als der eine und alleinige Gott geoffenbart, gegenüber dem alle anderen Götter Nichtse sind  (2. Mose 20,2f.; 5 Mose 6,4: Jes 44,6ff. u. ö.). Er hat seinen Sohn Jesus Christus als den einzigen Weg zum Vater, als einzigen Heilsmittler in die Welt gesandt (Joh 14,6; Apg 4,12; 1. Tim 2,5 u.ö.). Dementsprechend hat er seinen Boten ein einziges Evangelium aufgetragen und diejenigen sogar mit seinem Fluch belegt, die   ein anderes Evangelium verkündigen (2. Kor 11,3f.: Gal 1,6ff.). Dieses eine und einzige Evangelium nun mit seiner Verkündigung des einzigen Gottes und Heilsweges ist die Richtschnur, an der alle neuen Offenbarungen, alle "anderen Evangelien" zu messen sind. Und dieses Evangelium ist an das   in Ewigkeit bleibende Wort Gottes gebunden (Jes 40,8; 1. Petr 1,25).

Während die Spiritualisten aller Zeiten den Geist vom Wort lösen wollen (sie setzen im Gefolge einer Fehldeutung des Origenes das Bibelwort mit dem "Buchstaben" in 2. Kor 3,6 gleich; s. Spirituelle Interpretation), sind Wort und Geist in biblisch-theologischer Sicht eine Einheit. Wort und Geist können nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern "Gott gibt seinen Geist nicht anders als so, dass das äußere Wort vorangeht; also nicht unmittelbar, sondern mittelbar" (P. Althaus, Die Theologie Martin Luthers, 1980, 43). Wäre der Geist nicht mehr an das äußere Bibelwort gebunden, dann wäre der Willkür, der Uneindeutigkeit und damit der Heillosigkeit Tür und Tor geöffnet. Gott aber will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen  (1. Tim 2.4) – und das kann nur ermöglicht werden, wenn die Offenbarung Gottes innerlich klar und eindeutig ist. Nicht umsonst warnt Paulus die nach höherer Erkenntnis  und Menschenweisheit  (1. Kor 1f.) strebenden Korinther, nicht über das hinauszugehen, was geschrieben steht  (1. Kor 4,6; vgl. 2 Joh 9f.; Offb 22,18 f.).

Nun stellen sich die Fragen: Was steht denn geschrieben? Ist der biblische Kanon abgeschlossen? Oder gibt es nicht doch eine "fortschreitende Offenbarung" aus geistigen Welten, die dann ebenfalls zum "äußeren Wort" wird? Um diese Fragen zu beantworten, betrachten wir die Hauptkriterien, die in der Alten Kirche zur Festlegung des biblischen Kanons geführt haben (wir beschränken uns dabei auf den – zeitlich näher liegenden – neutestamentlichen Kanon):

a) Apostolizität oder Urkirchlichkeit: Die Schrift soll sachlich, geschichtlich und – im Optimalfall – auch literarisch von den Aposteln herstammen. Sie soll den Ereignissen, von denen sie berichtet, zeitlich möglichst nahe stehen (vgl. 1. Joh 1,1ff. u.ö.).
 
b) Geschichtlichkeit: Die Schrift soll "nicht erdichtet sein, keine Fabeleien oder Mythen enthalten", sondern die Tatsachen oder die Wahrheit wiedergeben  (vgl. 2. Petr 1,16 u.ö). Gegen die Häretiker wird der "Vorwurf der Ungeschichtlichkeit ihrer Schriften" erhoben (K.-H. Ohlig, Die theologische Begründung des neutestamentlichen Kanons in der Alten Kirche, 1972, 164ff).
 
c) Übereinstimmung mit der Glaubensregel: Die Schrift soll mit der Glaubensregel, d. h. der lehrmäßigen Zusammenfassung der bereits rezipierten Schriften (v. a. Evangelien und Paulusbriefe; vor diesen das Alte Testament ohne Apokryphen), übereinstimmen. Die Glaubensregel ist "nicht ein selbständiges Prinzip und norma normans neben der Schrift ..., sondern nichts anderes als die Anwendung dessen, was man an den schon rezipierten Schriften an Inhalten erkannte, auch die noch umstrittenen" (ebd., 174).
Betrachten wir diese Hauptkriterien der Alten Kirche, so sehen wir, dass hier in äußerst vorsichtiger und sorgfältiger Weise – unter Leitung des Heiligen Geistes – das älteste und authentischste Traditionsgut des christlichen Glaubens gesammelt und zum neutestamentlichen Kanon vereinigt wurde. Dieser Kanon ist nun in der Tat die "Richtschnur" – und in seiner jetzt vorliegenden Gesamtheit die "Glaubensregel" -, an der alle neu auftretenden "Offenbarungen" zu messen sind. Er ist auch die Richtschnur, die Auskunft darüber erteilt, ob eine fortschreitende Offenbarung überhaupt gegeben ist.

Obwohl spiritualistische Ausleger den biblischen Kanon nicht als ausschlaggebendes Kriterium zur Beurteilung neuer Offenbarungen ansehen, wollen sie ihn in ihrer Argumentation dennoch nicht übergehen. So versuchen sie, ihre Behauptung einer "fortschreitenden Offenbarung" durch den Rekurs auf einzelne Bibelstellen abzustützen. Die Frage ist nun aber, ob die Bibelstellen, die sie heranziehen, tatsächlich von einer fortschreitenden Offenbarung, vom Christentum als einem "immer wachsenden" sprechen – oder ob diese Deutung ihrerseits durch eine Art von "allegoristischer Eisegese" zustande kommt. Wir betrachten dazu die immer wieder herangezogenen "Hauptbelegstellen" im einzelnen. Dabei handelt es sich u. a. um Joh 16,12 und das Pfingstereignis (Apg 2). Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht tragen  (Joh 16,12) – diesen Satz spricht Jesus zu seinen Jüngern in einer ganz bestimmten Situation, nämlich vor Antritt seines Leidens- und Herrlichkeitsweges und vor der Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten. Zu diesem Zeitpunkt kann die Welt – und können auch die Jünger – den Weg und das Wesen Jesu Christi noch nicht wirklich verstehen (Joh 16,10f.). Erst an Pfingsten kommt der Geist der Wahrheit, der die Jünger in alle Wahrheit leiten  wird (Joh 16,13). Charakteristisch für das Wirken des Geistes ist vor allem dreierlei:

a) Er verherrlicht Gott (Apg 2,11) und Jesus als Sohn Gottes, als Herrn und Messias (Joh 16,14; Apg 2,22ff.36).
 
b) Er zeugt von Jesus (Joh 15,26). Zu diesem Zweck bevollmächtigt er die Jünger, die von Anfang an  bei Jesus gewesen sind (Joh 15,27; Apg 1,21ff.) und gebraucht sie als Zeugen, um der Welt die Augen aufzutun  über das Wesen und den Weg Jesu (Joh 16,8ff.; Apg 2).
 
c) Zu Zeugen macht der Geist die Jünger, indem er sie alles lehrt und an all das erinnert, was Jesus ihnen gesagt hat (Joh 14,26). Deshalb – so sagt Jesus – wird der Geist nicht aus sich selbst reden; sondern was er hören wird, das wird er reden  (Joh 16,13). Er wird's von dem Meinen nehmen und euch verkündigen  (Joh 16,15).
Daraus wird deutlich: Der Heilige Geist bringt keine vom Wort Jesu losgelösten "neuen Offenbarungen", sondern vergegenwärtigt, bestätigt, erklärt und entfaltet das von Jesus Gesagte und Gewirkte. Das geschieht ganz konkret in den geistgehauchten  (2. Tim 3,16) Schriften des Alten und Neuen Testaments, welche die drei Funktionen des Erinnerns (Joh 14,25), des Lehrens (ebd.) und der Verkündigung des Zukünftigen (Joh 16,13) beinhalten. Das Erinnern an das Leben Jesu geschieht v. a. in den Evangelien, das Lehren v. a. in den Briefen und die Verkündigung des Zukünftigen v. a. in der Apokalypse. Nach dem biblischen Schriftverständnis gibt es somit keine fortschreitende Offenbarung, die über das im Kanon Gesagte hinausginge. In den Schriften der Bibel ist der gesamte Verlauf der Heilsgeschichte – von der Weltschöpfung (1. Mose 1) bis zur Weltvollendung (Apk 22) – dargestellt. Diese Offenbarung ist mit der Sendung und Verkündigung Jesu Christi zu ihrem Höhepunkt und Abschluss gekommen (Hebr 1,1; Apk 22,13.16-21). Insbesondere jedoch ist in den Schriften der Bibel alles enthalten, was für das Heil und ewige Leben des Menschen notwendig ist. Deshalb kommt es den biblischen Autoren gar nicht so sehr auf eine lückenlose Schilderung der Ereignisse an, sondern es genügt die Darstellung dessen, was zur Weckung und Stärkung des rettenden Glaubens führt: Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor den Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, dass ihr glaubt: Jesus ist der Christus. der Sohn Gottes, und dass ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen  (Joh 20,30 f.).

Der einzige objektive Maßstab zur Prüfung neuer Vorstellungen oder "Offenbarungen", wo immer diese herkommen mögen, ist und bleibt der biblische Kanon selbst, und zwar der Kanon in seinem Gesamtzusammenhang und Literalsinn. Dabei steht von vornherein fest, dass heutige neue "Offenbarungen" allein schon wegen des Zeitabstandes zum biblisch überlieferten Geschehen das grundlegende Kriterium der Apostolizität bzw. Urkirchlichkeit nicht erfüllen können. Sie sind somit der in der Bibel bezeugten Offenbarung nicht gleich-, sondern unterzuordnen. Nicht die Bibel ist solchen neuen "Offenbarungen" allegorisch anzupassen, sondern diese "Offenbarungen" sind nach ihrer Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit dem biblischen Kanon (als "Glaubensregel") zu befragen.


Ergebnis:

Die Bibel ist zwar in Zeit und Raum entstanden, aber sie ist nicht zeitbedingt und relativ. Sie vermittelt das in Ewigkeit bleibende und die gesamte Heilsgeschichte umfassende göttliche Wort. Gott hat sich durch seinen Geist an dieses Wort gebunden und damit dessen Gültigkeit bleibend festgelegt, um die Eindeutigkeit des Heilsweges zu gewährleisten. Wort und Geist sind eine Einheit. Wer eine "Offenbarung des Geistes" empfängt, die inhaltlich über das biblische Wort hinausgeht, es relativiert oder gar in Widerspruch zu ihm tritt, kann sich damit nicht auf das biblische Schriftverständnis berufen. Nach dem biblischen Schriftverständnis gibt es keine "direkte Offenbarung" von Gott ohne Grundlage im biblischen Wort. Auch die "fortschreitende Offenbarung" ist mit der Kanonisierung des Neuen Testaments zum Abschluss gelangt, weil nun (mit dem Kommen Jesu Christi) für die Zeit von der Weltschöpfung bis zur Weltvollendung alles Heilsnotwendige gesagt ist. Wer sich dennoch auf neue Offenbarungen – etwa in Gestalt von Träumen und Visionen – beruft, muss bereit sein, sie an der "Glaubensregel", d.h. am vorliegenden biblischen Kanon in seinem Wortsinn und Gesamtkontext messen zu lassen.

Shalom
Roland


Quelle: Lothar Gassmann



Besser ein Patient CHRISTI als ein Doktor der Theologie!