Autor Thema: Die Freie Gnade  (Gelesen 1770 mal)

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Offline Jose

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Die Freie Gnade
« am: 02 Mai 2012, 20:59:02 »
Weiß jemand, wann der Begriff "Freie Gnade" erstmalig in der Kirchengeschichte erwähnt wurde und wie die ursprüngliche Verwendung war? Ich habe den Eindruck gewonnen, dass irgendwann der Begriff "Freie Gnade" verschieden und widersprüchlich definiert wurde.

Es ist z.B. unumstritten, dass die Verwendung des Begriffes Gnade im Calvinismus, dessen Wurzeln in den Lehren des Augustinus zu suchen sind (siehe z.B. hier die Änlichkeiten mit den Lehren des Augustinus: Aurelius Augustinus - Die Gnadenlehre), nichts mit der egentlichen Bedeutung von Gnade zu tun hat. Aber wie können wir zu einem einheitlichen und fundierten Verständnis der Gnade gelangen?

Es gibt soviele Unterschiede in den Glaubensauffassungen und ich frage mich, wie können zumindest die, welche doch vorgeben sich aufrichtig nach der Wahrheit auszustrecken, aufeinander zugehen? Vieleicht ist das Thema Gnade dazu geeignet, denn wir sind alle von Gnade abhängig.

Gottes Segen,
José
« Letzte Änderung: 03 Mai 2012, 18:09:29 von Jose »

Offline Jose

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Re: Die Freie Gnade
« Antwort #1 am: 25 Mai 2012, 22:07:10 »
Was mein Verständnis von Gnade anbetrifft, wie ich es in der Bibel finde, so bin ich mit den nachfolgenden Aussagen aus dem BROCKHAUS einverstanden, wobei es für mich keine Sakramente gibt.

Zitat
Letztere ist freie Gabe Gottes; der Mensch kann sie sich nicht verdienen, weil sie jedoch zur Rechtfertigung notwendig ist, wird sie allen Menschen von der Kirche in den Gnadenmitteln (Wort Gottes und Sakramente) angeboten.

Zitat
Auf dieser Grundlage betonte das Konzil von Trient im Rechtfertigungsdekret (1547) die Mitwirkung des Menschen als unerlässlich für seine Rechtfertigung.

Gerade die Aussage "Letztere ist die freie Gabe Gottes", stellt die Verbindung zu dem Thema "Die freie Gnade" her. Das ist das wunderbare, dass im neuen Bund die Gnade Gottes frei alle Menschen gilt und nicht nur einem auserwählten Volk oder besonders auserwählten Menschen.


Hier noch der vollständige Auszug aus dem BROCKHAUS:
Zitat

Gnade
[althochdeutsch ginada »(göttliches) Erbarmen«, eigentlich »Hilfe«, »Schutz«], Religionswissenschaft: die Hilfe (eines) Gottes; in den prophetischen Religionen (z.B. Judentum, Christentum, Islam) vornehmlich die Zuwendung Gottes zu den Menschen und unverdiente Vergebung menschlicher Sünde; in den Religionen indischer Herkunft in erster Linie die Erlösung aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten. - Im Alten Testament erfährt Israel Gottes Gnade vor allem in der grundlosen Auserwählung zum Bundesvolk und in der alle Gerechtigkeit überbietenden Treue, die Gott auch seinem untreuen Volk gegenüber beweist. - Im Neuen Testament bezeugt Jesus selbst in den Gleichnissen und in seinem Verhalten den gnädigen Vatergott. Das Evangelium der Gnade (Charis) steht im Mittelpunkt der paulinischen Theologie. Der Sünder wird nach Paulus (Römerbrief 3,24) allein durch Gottes Gnade ohne eigenes Verdienst gerechtfertigt und mit neuem Leben beschenkt.

Geschichte der Gnadenlehre:
Für die Kirchenväter des Ostens bedeutete Gnade vor allem Vergöttlichung des Menschen. Im lateinischen Westen trat mehr das anthropologische Problem von Gnade und Freiheit in den Vordergrund des Interesses. Die mittelalterliche Theologie suchte mithilfe der aristotelischen Philosophie das Wesen der Gnade als übernatürlichen Habitus der Seele zu bestimmen. Seit der Scholastik unterscheidet die katholische Theologie zwischen der ungeschaffenen Gnade (gratia increata) als der Gnade Gottes und der geschaffenen Gnade (gratia creata) oder wirkenden Gnade (gratia actualis) als den Gaben und Wirkungen, die die Gnade Gottes im Menschen zur Folge hat. Letztere ist freie Gabe Gottes; der Mensch kann sie sich nicht verdienen, weil sie jedoch zur Rechtfertigung notwendig ist, wird sie allen Menschen von der Kirche in den Gnadenmitteln (Wort Gottes und Sakramente) angeboten. Durch seine Mitwirkung (die im Glauben vollzogene Annahme des Gnadenangebots Gottes) gewinnt der Mensch die heilig machende Gnade (gratia habitualis sanctificans); theologisch beschrieben als neue bleibende Beschaffenheit (habitus) der Seele, gekennzeichnet durch Sündenvergebung (>Sünde) und >Heiligung. Auf dieser Grundlage betonte das Konzil von Trient im Rechtfertigungsdekret (1547) die Mitwirkung des Menschen als unerlässlich für seine Rechtfertigung. Versuche der nachtridentinischen Theologie, das Verhältnis von Gnade und Freiheit genauer zu bestimmen, führten zum sogenannten Gnadenstreit. Luther griff in seiner Gnadenauffassung unmittelbar auf den biblisch-paulinischen Gnadenbegriff als der unverdienten Rechtfertigung der Sünder durch Gott zurück: Rechtfertigung erfolgt allein aus Gnade (sola gratia). Ausgeformt zur Rechtfertigungslehre ist dieses Gnadenverständnis zum Charakteristikum reformatorischer Theologie geworden (>Rechtfertigung).

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Gottes segne uns und schenke uns das rechte Verständnis über Seine Gnade.
José

Offline Jose

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Die Gnade ist erschienen
« Antwort #2 am: 14 Juli 2012, 13:53:41 »
Die frei zugängliche Gnade

In dem Buch: Gottes Generäle III - Die großen Erweckungsprediger, habe ich gelesen, wie es John und Charles Wesley wichtig wurde, dass die Gnade Gottes eine frei zugängliche Gnade ist. Der Zugang zu dieser Erkenntnis war für die Gläubigen, unter der starken Prägung des Calvinismus, nicht einfach. Aber es gibt auch in anderen Lehrbereichen Themen, über die es unterschiedliche Auffassungen und Erkenntnisse gibt.

Wie wunderbar ist es daher zu lesen, dass die Gnade Gottes erschienen ist (Titus 2,11), heilbringend allen Menschen. Welch eine gewaltige Botschaft und wie schwer war es für die Pharisäer damals und allen gesetzestreuen Juden diese Wahrheit zu erfassen. Selbst die an Christus Gläubige aus dem Judentum benötigten noch lange, um z.B. auf die Beschneidung zu verzichten (Apg 15,1). Manches benötigt etwas länger, bis es in unsere Herzen dringt und wir es erfassen.

Der Mensch aber, bis heute, möchte gerne etwas zu seinem Heil beitragen, denn alles was äußerlich seinen Glaubensstand bestätigt, - wie er meint-, beruhigt ihn. Wie töricht sind hier viele Menschen, als ob Gott zuallererst auf unser Äußeres achten würde. Wenn eine äußere Anpassung alleine zu unserem Heil ausgereicht hätte, hätte Gott nicht Seinen geliebten Sohn opfern müssen, als Sühnung für die Sünden der ganzen Welt.

Seine Gnade hatte Gott bereits im Alten Testament angekündigt, z.B. in den bewegenden Worten in Jesaja 53, aber Sein Ratschluss stand bereits vor Grundlegung der Welt fest (Apg. 2,23, 1. Petrus 1,20). In Jesus Christus wurde Gottes Gnade dann in unermesslicher Weise für alle sichtbar, am Kreuz auf Golgatha, wo Gott die Gläubigen vom Fluch des Gesetzes befreite (Gal 3,13). Lange hat der Feind versucht, diese Wahrheit wieder zu verdunkeln, und wir können gar nicht genug dankbar dafür sein, dass die Gnade, insbesondere seit Luther, wieder ganz deutlich verkündigt wird. Dafür haben viele ihr Leben auf den Scheiterhaufen gelassen. So grausam ist der Feind der Seelen.

Gott hat sich nicht geändert und bereits im Alten Bund war Gott gnädig. Einer, der für mich wunderbarsten Zeugnisse diesbezüglich, finden wir im Prophet Jona: "Und Gott sah ihre Taten, dass sie von ihrem bösen Weg umkehrten. Und Gott ließ sich das Unheil gereuen, das er ihnen zu tun angesagt hatte, und er tat es nicht " Jona 3,10. Die Stadt Ninive tat Buße, nachdem die Menschen darin die Gerichtsbotschaft Gottes durch Jona vernommen hatten.

Jona predigte der Stadt Ninive, aber er teilte Gottes Anliegen offenbar nicht wirklich, denn nachdem Ninive Buße getan hatte und Gott das Gericht nicht mehr kommen ließ, lesen wir: "Und es missfiel Jona sehr, und er wurde zornig" Jona 4,1. Wahrscheinlich wurde Jona allgemein auf die ganze für ihn unfassbare Situation zornig, weil er damit nicht klar kam, da er noch unter dem Gesetz stand und die Absichten Gottes durch die Gnade noch nicht erfasst hatte. "Und er betete zum HERRN und sagte: Ach, HERR! War das nicht meine Rede, als ich noch in meinem Land war? Deshalb floh ich schnell nach Tarsis! Denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langsam zum Zorn und groß an Güte, und einer, der sich das Unheil gereuen lässt" Jona 4,2. Dieses Geständnis Jonas entsetzt mich immer wieder. Er wusste darum, dass Gott ein gnädiger Gott ist, aber er wollte diese Gnade nicht anderen, die seiner Meinung nach es wohl nicht wert waren, zugestehen. Wie gut für ihn, dass Gott ihm selber in Seiner Gnade nachging und ihn zu Recht brachte. Wir alle diese zu Recht bringende Gnade auch immer wieder nötig. Meint ihr es nicht auch?

Ich möchte aus diesem Zeugnis der Schrift lernen, dass Gott ein gnädiger und barmherziger Gott ist. Jesus bestätigte diese Begebenheit an mehreren Stellen und insbesondere beschäftigen mich Seine Worte: "Männer von Ninive werden aufstehen im Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen, denn sie taten Buße auf die Predigt Jonas; und siehe, mehr als Jona ist hier" Mt 12,41. Die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend allen Menschen, sie ist für alle frei zugänglich. Dem Herrn sei Dank dafür.

José

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Fest und treu: Eine Prise Salz und ein Topf voll Frieden
« Antwort #3 am: 08 Dezember 2013, 16:36:25 »
Vorhin habe ich das Nachfolgende gelesen und fand es sehr schön ausgeführt:

Zitat:

„Wahrheitssucht“ und „Wahrheitsflucht“
Wahrheit und Frieden in ausgewogener Harmonie scheint auch unter uns Christen, die wir uns gerne als „bibeltreu“ bezeichnen, Seltenheitswert zu haben.
Da gibt es solche, die von einer Art unnüchterner „Wahrheitssucht“ befallen sind und ihr Verständnis von der Wahrheit für das allein richtige halten. Andere wiederum scheinen von einer „Wahrheitsflucht“ getrieben zu werden. Sie meiden jede theologische Auseinandersetzung und Konfrontation, weil sie diese für die Ursache von Disharmonie in den Gemeinden halten.
Die einen scheinen sich über jede Gelegenheit zu freuen, um vermeintliche Irrtümer bei „Anderen“ zu entdecken und dann kübelweise Salz zu streuen. Auf der anderen Seite ist man empört, wenn es jemand wagt, in theologischen Auseinandersetzungen „Ross und Reiter“ zu nennen.
Bestimmte Seiten im Internet sind voll mit gesalzenen Urteilen über Geschwister, die eine andere Seite der „Wahrheit“ betonen oder vertreten und es wird nicht an gepfefferten Ausdrücken gespart, die man in der Kommunikation unter Christen ganz sicher nicht vermuten würde.
Sogenannte „Arminianer“ dreschen auf sogenannte „Hyper-Semi- oder Neo-Calvinisten“ ein und umgekehrt genau so.
Da macht man „Lordship-Salvation“ oder „Freie Gnade“ zum Streit-Thema, als hätten wir nichts Besseres zu tun.
„Missionale“ und „emergente“ Lehren und Praktiken werden propagiert und bekämpft – oft ohne die Begriffe und die damit verbundenen Gefahren verstanden, definiert und erklärt zu haben. Nur selten suchen die Kontrahenten die Begegnung und das Gespräch. Oft benutzen sie die Medien, um im Schreibtisch-Sessel sitzend die Klingen zu kreuzen.
„Salz in sich“ zu haben und trotzdem in „Frieden miteinander“ zu leben – geht das überhaupt, oder ist es eine Utopie?

Ein Prediger, der in keine Schublade passte
Gott sei Dank gibt es auch Ausnahmen! Manchmal muss man allerdings in der Kirchengeschichte nach Vorbildern suchen …
In einem Buch von John Piper unter dem Titel „Beharrlich in Geduld“ wird das Leben eines Mannes skizziert, der in unseren Breitengraden fast unbekannt ist: Charles Simeon.
Er lebte in der Zeit der „Großen Erweckung“ in England, in welcher gleichzeitig der alte und immer neue Kampf der „Calvinisten“ gegen die „Arminianer“ heftig tobte. Die Freunde John Wesley und George Whitefield waren Wortführer der beiden „gegnerischen“ Lager und auch damals fehlte es nicht an heftigen und beleidigenden Streitgesprächen, schriftlichen Stellungsnahmen und Gegendarstellungen.
Charles Simeon aber suchte die Begegnung und das Gespräch. Piper schreibt über ihn: »Er wollte weder als Calvinist noch als Arminianer bezeichnet werden, sondern der Bibel von Grund auf treu sein und jedem Text seinen ihm gebührenden Platz einräumen – ganz gleich, ob er Arminianern oder Calvinisten die besseren Argumente zu liefern schien. Bekannt war er aber als evangelikaler Calvinist, und das zu Recht …
Für unbarmherzige Calvinisten hatte er jedoch wenig Sympathie. In einer Predigt über Römer 9,16 sagte er:
„Es gibt viele, die diese Wahrheiten [die Lehren von der Souveränität Gottes] nicht sehen können, obwohl sie ein Leben führen, das Gott wahrhaftig erfreut.
Ja, es gibt viele, zu deren Füßen die Besten von uns im Himmel nur allzu gern sitzen würden.
Es ist ein großes Übel, wenn diese Lehren ein Grund zur Spaltung zwischen uns werden und die Befürworter unterschiedlicher Systeme sich gegenseitig verurteilen. […]
In Bezug auf Wahrheiten, worüber so viel Unklarheit herrscht wie über die Lehren der Souveränität Gottes, sind gegenseitige Freundlichkeit und Zugeständnisse weitaus besser als scharfe Auseinandersetzungen und lieblose Diskussionen.“

Das Gespräch mit John Wesley
Ein Beispiel dafür, wie er seinen eigenen Rat in die Praxis umsetzte, finden wir in einem
Gespräch mit dem greisen John Wesley. Er erzählt die Begebenheit selbst:
„Sir, ich verstehe, dass Sie als Arminianer bezeichnet werden; und ich wurde gelegentlich Calvinist genannt. Deshalb, so nehme ich an, könnten wir leicht aneinandergeraten.
Doch bevor ich mich zum Kampf bereit erkläre, möchte ich Ihnen mit Ihrer Erlaubnis einige Fragen stellen. …
Damit zur ersten Frage, Sir: Fühlen Sie sich als verdorbenes Geschöpf, und zwar so verdorben, dass Sie nie daran gedacht hätten, sich zu Gott hinzuwenden, wenn er Ihnen diese Absicht nicht zuvor ins Herz gelegt hätte?“ – „Ja, natürlich.“
„Und haben Sie jegliche Hoffnung aufgegeben, dass Sie sich vor Gott mit irgendeiner Ihrer Taten empfehlen können? Blicken Sie hinsichtlich Ihres Heils einzig und allein auf Christi Blut und Gerechtigkeit?“ – „Ja, ausschließlich auf Christus.“
„Aber, Sir, nehmen wir an, Sie wurden anfänglich von Christus errettet. Versuchen Sie dann jetzt nicht, sich irgendwie durch eigene Werke selbst zu retten?“ – „Nein, ich muss von Anfang bis Ende von Christus errettet werden.“
„Erlauben Sie es dann als zuerst durch die Gnade Gottes Umgestalteter, sich auf die eine oder andere Weise durch eigene Kraft im Glauben zu halten?“ – „Nein.“
„Werden Sie also jede Stunde und jeden Augenblick von Gott gehalten, so wie ein Säugling in den Armen seiner Mutter?“ – „Ja, ganz und gar.“
„Und hoffen Sie von ganzem Herzen darauf, dass Gott Sie in seiner Gnade und Barmherzigkeit bewahren wird, bis Sie in sein himmlisches Reich kommen?“ – „Ja, außer ihm habe ich keine Hoffnung.“
„Dann, Sir, werde ich mit Ihrer Erlaubnis den Kampf nicht aufnehmen, denn all dies kennzeichnet meinen Calvinismus. Es ist meine Erwählung, meine Rechtfertigung durch Glauben, mein Ausharren bis zum Ende: Es ist im Kern alles, woran ich festhalte und das ich vertrete.
Und deshalb, wenn Sie gestatten, werden wir uns von ganzem Herzen in den Dingen zusammenschließen, worin wir übereinstimmen, statt Begriffe und Wendungen aufzuspüren, die Streit zwischen uns verursachen.“

Quelle: Fest und treu – Eine Prise Salz und ein Topf voll Frieden


Ohne die Gnade Gottes kommen wir m.E. auch im Ringen nach der Einheit im Geist nicht weiter. Der Herr schenke sie uns vermehrt.

Gottes Segen,
José