Autor Thema: Erfülltes Leben  (Gelesen 950 mal)

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Offline Jose

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Erfülltes Leben
« am: 22 Juni 2012, 23:31:09 »
Erfülltes Leben
Ein Gleichnis von E. Newcombe

VORBEMERKUNG: Auf den Hügeln des Kucheng-Distrikts in China sieht man oft, daß besonders schöne und wertvolle Bambusstämme mit dem Namen des Eigentümers gezeichnet sind. Kanäle aus solch langen Bambusrohren sind vielfach die einzige Möglichkeit, das so nötige Wasser von den Hügelquellen in die Dörfer zu leiten. Manche dieser Rohre sind 10-12 cm im Durchmesser.

Ein einzigartig schöner Baum war es, der unter vielen anderen an einem der lieblichen Hügel stand. Sein Rohr war dunkel und glatt, und seine fein gefiederten Zweige bewegten sich sanft in der Abendkühle.

Als ich vor ihm stand und ihn bewunderte in all seiner Schönheit, fing er an, mir etwas zu erzählen.

„Du bewunderst meinen starken Stamm und meine kräftigen Zweige; nichts von alledem, was du siehst, wurde aus mir selber. Alles, was ich besitze, kam mir aus der liebenden Fürsorge meines Herrn. Er war es, der mich an diesen fruchtbaren Hügel pflanzte, wo meine Wurzeln hinabreichen können zu den verborgenen Quellen, von deren lebendigem Wasser ich beständig trinke, von denen ich meine Nahrung erhalle, meine Schönheit und Kraft. Sieh jene Bäume an der anderen Seite dort, wie dürr sind sie! Ihre Wurzeln reichen nicht hinab bis zu den lebendigen Quellen. Seit ich die verborgenen Wasser fand, mangelte mir nichts mehr.

Du suchst die Schriftzeichen an meinem Rohr zu entziffern? Komm nahe und sieh, sie sind eingeschnitzt. Dies Werk war schmerzhaft, und bis es geschehen war, galt es zu leiden. Es war jedoch meines Herrn eigene Hand, die das Messer führte, und als die Arbeit getan war, erkannte ich mit unaussprechlicher Freude, daß es sein eigener Name war, den er mir eingeschnitten hatte. Von da ab wußte ich es mit Gewißheit: Er liebt mich und will es jeden wissen lassen, daß ich sein Eigentum bin. Ja, das ist mein Ruhm, einen solchen Herrn zu haben!“

Während der Baum mir dies alles erzählte, sah  ich mich um, und siehe da, der Herr selbst stand hinter mir. Voll Liebe betrachtete er seinen Baum. In der Hand hielt er eine scharfe Axt. „Ich brauche dich“, sagte er, „willst du dich mir zur Verfügung stellen?“

„Herr“, antwortete der Baum, „mit allem, was ich habe, bin ich dein; aber wozu sollte ich dir nützen?“

„Ich brauche dich“, erwiderte der Herr, „um mein lebenspendendes Wasser dahin zu bringen, wo nur trockenes, dürres Land und kein Wasser zu finden ist.“

„Aber, Herr, wie kann ich dazu brauchbar sein? Hier bei den lebendigen Quellen kann ich Wasser haben zu meinem eigenen Bedarf. Meine Zweige halte ich gen Himmel und werde erfrischt von den Schauem, die herniedergehen. Stark und schön werden kann ich und mich freuen, daß mir Kraft und Schönheit von oben kommen. Allen Vorübergehenden kann ich sagen, welch ein guter Herr du mir bist. Aber wie soll ich anderen Lebenswasser weitergeben?“

Des Herrn Stimme wurde seltsam weich, als er antwortete: „Ich kann dich wohl gebrauchen, wenn du nur willig bist. Ich müßte dich aber dazu umhauen und dir alle deine Zweige nehmen, dich nackt und bloß machen. Dann würde ich dich fortbringen von hier, weit weg, zu einer einsamen Stelle auf einen fernen Berg, wo nur Gras, Unkraut und Dorngesträuch wächst. Und selbst dort müßte ich mein schmerzendes Messer benützen, denn jedes Hindernis in deinem Inneren muß einzeln weggeschnitten werden, bis freier Durchgang für mein Lebenswasser geschaffen ist.

Du denkst nun: Daran werde ich sterben! Ja, du wirst sterben, aber mein Lebenswasser wird dann ungehemmt durch dich strömen können. Deine Schönheit wirst du lassen müssen, niemand wird dich mehr bewundem, deine Frische und Kraft rühmen - aber viele werden sich niederbeugen und trinken aus dem lebenspendenden Strom, der ihnen durch dich zufließt. Dich werden sie allerdings nicht beachten, aber deinen Herrn werden sie rühmen, der ihnen durch dich Wasser zum Leben gab. Bist du um diesen Preis willig, zu sterben?“

Ich hielt den Atem an, um die Antwort des Baumes zu vernehmen. „Mein Herr, alles, was ich habe und bin, kam mir von dir! Wenn du mich wirklich gebrauchen, wenn du durch meine Hingabe andern dein Wasser zum Leben bringen kannst, so gebe ich mich gern dir hin. Nimm und gebrauche mich, wie du willst, mein Herr.“

Des Meisters Blick wurde noch liebender. Darauf nahm er die scharfe Axt, und mit einigen Schlägen legte er den Baum um. Dieser widersetzte sich nicht, jedem Schlag gab er nach: „Mein Herr, wie du willst.“ Immer weiter arbeitete die Axt, bis die Herrlichkeit des Baumes - seine Krone - getrennt lag vom Stamm und damit für immer für ihn verloren war. Nun war er wirklich nackt und bloß. Mit unendlicher Zartheit aber nahm der Herr den Stamm auf die Schultern und trug ihn weg - weit weg über die Berge.

An einer einsamen Stelle hielt er an. Nochmals nahm er ein schrecklich aussehendes Werkzeug zur Hand mit einer scharf geschliffenen Klinge. Diese stieß er direkt ins Mark des Stammes und höhlte ihn aus. Einen Kanal im Innern wollte er damit schaffen für das Wasser, damit es wie durch eine Röhre ungehindert fließen könnte in wasserloses Land.

Der Stamm widersetzte sich nicht, er hauchte nur: „Mein Herr, dein Wille geschehe“. Voll Mitgefühl tat er dies Werk, bis jedes Hindernis aus dem Weg geräumt war, bis das Innere des Baumes durchhöhlt war von einem Ende bis zum andern. Danach richtete er ihn auf und trug ihn vorsichtig zu der Stelle, an der eine lebendige Wasserquelle, klar wie Kristall, hervorsprudelte. Dort legte er ihn nieder, das eine Ende gerade an die Stelle, an der das Wasser hervorkam. Es floß in ihn ein, durch ihn hindurch, eben die Bahn entlang, die unter großen Schmerzen entstanden war. Wie ein Strom Floß das Wasser, geräuschlos, stetig, nie versiegend. Und der Herr freute sich und war befriedigt.

Wiederum machte sich der Herr auf, um noch andere Bäume zu suchen. Einige, die er wählte, schreckten zurück und fürchteten den Preis; andere jedoch gaben sich ihm willig hin, indem sie sprachen: „Herr, wir vertrauen dir, tue mit uns, was du willst!“ Auf derselben Leidensstraße brachte er dann einen nach dem andern zu jener Stelle und legte sie nieder, Ende an Ende. Als jeder Stamm an seinem Platz war, ergoß sich der lebendige Strom hinein, frisch, klar, direkt aus der Quelle. Immer länger wurde die von den Stämmen überbrückte Strecke, bis schließlich das dürre Land erreicht war und dürstende Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die lange geschmachtet hatten, kommen und trinken konnten. Danach eilten sie, die gute Botschaft auch anderen zu bringen, indem sie sprachen: „Das Wasser ist doch noch gekommen, die lange Zeit der Not ist um, kommt und trinkt!“ Da kamen sie, .tranken und wurden belebt. - Der Herr aber sah es, und sein Herz war beglückt. Danach kehrte er zu seinem Baum zurück und fragte ihn: „Siehst du noch immer die Einsamkeit und all die Schmerzen, die ich dir zufügte? War der Preis zu hoch, um der Welt lebendiges Wasser zu verschaffen?“ Darauf erwiderte der Baum: „O nein, mein Herr, und hätte ich tausend Leben, gern würde ich sie dir überlassen um das beglückende Wissen, daß ich helfen konnte, dich froh zu machen und Dürstenden ihren Durst zu stillen!“

„Glücklich der Mensch, dessen Stärke in dir ist, in dessen Herzen gebahnte Wege sind für Gott! Durch das Tränental gehend, machen die Glaubenden es zu einem Ort der Segensquellen; ja mit Segnungen von oben bedeckt der Frühregen das Tränental.“



Quelle: Verteilschrift „Erfülltes Leben“, Schriftemnission und Verlag des Diakonissenmutterhauses Aidlingen/Württ, B 109

« Letzte Änderung: 23 Juni 2012, 13:35:20 von Jose »