Autor Thema: Grundtexte für Bibelübersetzungen  (Gelesen 26585 mal)

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Offline Jose

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Bibelübersetzung und Textkritik
« Antwort #15 am: 15 August 2012, 11:15:27 »
Fand ich sehr interessant zu lesen, auch wenn der Beitrag schon einige Jahre zurückliegt.



Bibelübersetzung und Textkritik
Ein Beitrag zur Geschichte der Brüderbewegung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Quelle: http://www.bibelbund.de/htm/2001-3-59.htm



José

Offline Jose

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #16 am: 08 September 2012, 19:26:12 »
Revidierte Elberfelder Bibel - Vorwort zur 4. bearbeiteten Auflage 1992

Für diese Auflage wurden der Text und die Anmerkungen durchgesehen und, wo nötig, korrigiert bzw. ergänzt. Dabei wurde zur Überarbeitung des neutestamentlichen Textes die 26. Auflage des Novum Testamentum Graece, hg. E. Nestle und K. Aland, herangezogen. An einigen Stellen, wo die ältesten und besten griechischen Handschriften eindeutig für eine andere als die bisherige Lesart sprachen, sind wir ihnen gefolgt. An anderen Stellen, wo gute Gründe für die Beibehaltung der bisherigen Lesart sprachen, haben wir nur in einer Fußnote auf die jeweils abweichende Lesart hingewiesen. Die Anmerkungen zum Neuen Testament sind verbessert und ergänzt worden.

Januar 1992


Ich finde die Aussage hier insofern wichtig, weil klar ausgesagt wird, dass die revidierte Elberfelder Bibel nicht einfach auf NA basiert. Die erwähnten Fußnoten habe ich selber schon oft als Hilfreich erfahren.

Was mir beim Lesen von solchen Aussagen immer wieder auffällt ist, dass es nicht einfach einen Grundtext gibt und dann die Übersetzungen dann darauf aufbauen, sondern dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, in den Übersetzungen Falschinterpretationen einzubringen.

Möge der Herr alle die, welche an der Durchsicht und Korrektur von Bibelübersetzungen arbeiten, reichlich segnen und helfen, es recht zu tun. Es ist eine sehr wichtige Arbeit, mit einer hohen Verantwortwung.

José

Pilger

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #17 am: 11 September 2012, 19:55:41 »
Liebe Teilnehmer,
als neuer Benutzer möchte ich gleich auf die Frage nach dem sogenannten Textus Receptus eingehen:
Es ist eine Zusammensetzung aus Handschriften des 13.-14. Jahrhunderts. In der Offenbarung ist vieles aus der Vulgata (katholische Bibel) zurück übersetzt worden in’s Griechische und dabei sind sehr viele Fehler unterlaufen.
(Siehe hier:Erasmus und sein Handschriftenchaos)
http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10410355_00015.html?zoom=0.5&numScans=2

Von daher ist dieser Text mit Vorsicht zu genießen, wobei an der Heilsbotschaft überhaupt auch in diesem Text kein Abstrich gemacht wird.

Die NA Ausgabe ist keine Übersetzung einer Handschrift, sondern die wissenschaftliche Arbeit einen griechischen Text aus allen greifbaren Handschriften zu erstellen.
Von daher ist eine Gegenüberstellung des TR gegen NA oder andere völlig sinnlos.

Von den angeblich 3000 Abweichungen zwischen TR und NA ist zu sagen, daß nur 300 von Bedeutung sind und daß es sich bei den anderen um Wortverstellungen, unterschiedliche Namensschreibung, sowie den Text kaum verändernde Weglassungen oder Hinzufügungen handelt.

Für die 8000 Worte des NT ergibt es weniger als 300 verschiedene Lesarten von mehr oder weniger Bedeutung.

Es sind gerade mal 4% des Textes der von Bedeutung ist und das ist ein hoher Sicherheitsgrad.

Nimmt man den Text des Codex Sinaiticus, der im NT vollständig ist, dann hat man einen Text, der mit höchster Wahrscheinlichkeit ein nahezu mit dem Grundtext identischer Text ist.

Im übrigen: Von Fälschung zu sprechen in den gängigen Bibelübersetzungen ist nicht gut, denn es können Menschen die erst zum Glauben kommen, unsicher werden.
Wenn man es tut, dann sollte man die Ausgaben mit Namen nennen:
Zum Beispiel: Neue Welt Übersetzung der ZJ, das Gerber NT usw.

Das waren meine Gedanken über mehrere Statements in diesem Forum.

Liebe Grüße
Pilger


Offline Roland

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #18 am: 11 September 2012, 20:10:34 »
Lieber Pilger,

herzlich willkommen im Forum. Schön, dass Du Dich gleich beteiligst.

Vielleicht solltest Du noch erwähnen, dass Du die Lehrmeinung von Fritz Henning Baader vertrittst in bezug auf die Frage des Grundtextes.

Ich möchte auf einige Punkte Deines Statements eingehen.

Shalom
Roland

Zitat
Die NA Ausgabe ist keine Übersetzung einer Handschrift, sondern die wissenschaftliche Arbeit einen griechischen Text aus allen greifbaren Handschriften zu erstellen.
Von daher ist eine Gegenüberstellung des TR gegen NA oder andere völlig sinnlos.


Das Aufkommen der Textkritik des Neuen Testaments
im 18./19. Jahrhundert

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus der ausführlicheren Schrift von Rudolf Ebertshäuser Der zuverlässige Text des Neuen Testaments. Der Textus Receptus und die Veränderungen in den modernen Bibeln.


Wenn auch die gläubige Gemeinde im überlieferten Text der Reformation einen festen Felsengrund ihres Glaubens gefunden hatte, so blieb diese von Gott bewahrte Textüberlieferung doch nicht unangefochten. Die Reformatoren hatten mit ihrem biblischen Grundsatz „Sola Scriptura – Allein die Schrift!“ den Machtanspruch der römischen Päpste und das Diktat ihrer Menschenüberlieferungen überwunden.

Die Taktik der Verteidiger der römischen Kirche im 16. und 17. Jh. bestand u. a. darin, daß sie mit den abweichenden Textformen der alexandrinischen Handschriften argumentierten, um den Reformatoren zu sagen: „Ihr habt doch gar keine zuverlässige Grundlage für Eure Lehre; es gibt ja so viele unterschiedliche Textformen – Ihr braucht die Tradition und das Lehramt der Kirche, um eine feste Grundlage zu bekommen!“ Die Antwort der evangelischen Gläubigen war ihr Glaube an die Bewahrung Gottes – sie vertrauten darauf, daß Gott ihnen für ihre Lehre und ihren Glauben den zuverlässigen, bewahrten Text an die Hand gegeben hatte, während sie die abweichenden Textformen etwa der Vulgata oder des Codex Vaticanus als unzuverlässig zurückwiesen.

Im 17. und 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung und des Rationalismus, begannen einzelne Gelehrte, den Textus Receptus in Frage zu stellen und ihm abweichende Textformen vorwiegend aus alexandrinischen Handschriften entgegenzustellen. Sie bestritten die Zuverlässigkeit des überlieferten Textes der Reformation und brachten zahlreiche auf die alexandrinischen Handschriften gestützte „Verbesserungen“ zur Sprache. Unter ihnen war ein bekannter Pietist, Johann Albrecht Bengel.

Das führen heute noch manche Evangelikale zugunsten der Textkritik an. Sie erwähnen aber nicht, daß Bengel wie andere Pietisten seiner Zeit vom verführerischen Geist der Aufklärung nicht unbeeinflußt war und mit seinen unbiblischen Spekulationen über den Anbruch des Tausendjährigen Reiches und mit seiner Befürwortung der Allversöhnung kein vertrauenswürdiger Zeuge ist.

Die anderen Pioniere der Textkritik kommen direkt aus dem finsteren Lager der aufklärerischen Verleugner des Glaubens und der Heiligen Schrift. Der katholische Gelehrte Richard Simon (1638-1712) wird von manchen als der Begründer der wissenschaftlichen Textkritik angesehen, weil er die Bibel lediglich als literarisches Werk ansah und sie seinen Vernunftschlüssen unterwarf. Einer der ersten Vertreter der Textkritik, J. J. Wettstein, war nicht nur Gegner der Verbalinspiration, sondern wurde wegen seiner Verleugnung der Gottheit und des rettenden Sühnopfers Jesu Christi (Socinianismus) aus dem Pfarramt gejagt!

Der andere große Textkritiker des 18. Jahrhunderts, J. J. Griesbach, war Schüler und Anhänger von J. S. Semler, eines Wegbereiters der heutigen Bibelkritik und liberalen Theologie. Hier zeigt sich schon, worauf wir später noch einmal zurückkommen werden, daß nämlich die Bibelkritik und die Textkritik eine innere Verwandtschaft haben in der Infragestellung von Gottes Offenbarungswort. Es bleibt zu ergänzen, daß auch ein österreichischer Jesuit, F. K. Alter, zu den bahnbrechenden Vätern der modernen Textkritik im 18. Jh. zählt.

Das 19. Jahrhundert war eine spannungsreiche Zeit des geistlichen Umschwungs und in vieler Hinsicht eine Zeit des beginnenden geistlichen Niedergangs. Im 19. Jh. gingen die großen Erweckungsbewegungen zu Ende, auch wenn es weiterhin erweckliche Aufbrüche und segensreiche Entwicklungen gab. Es war die Zeit, in der überall in der Christenheit diejenigen an Einfluß gewannen, die die Bibel als Gottes Wort und den Herrn Jesus Christus als Sohn Gottes verleugneten. Der Abfall vom biblischen Glauben griff immer mehr um sich; die Anfänge vieler verführerischen Irrströmungen (Irvingianer / Neuapostolische, Adventisten, Zeugen Jehovas, Mormonen, Christliche Wissenschaft, Pfingstbewegung) regten sich. In vielen Bereichen wurden im 19. Jh. die Grundlagen für einen offenen Glaubensabfall und Niedergang im folgenden Jahrhundert gelegt.

In dieser Zeit kam – nicht überraschend – der Durchbruch für die Textkritik. Unter ihren führenden Vertretern waren K. Lachmann (ungläubiger Philologe), J. Scholz (katholischer Theologe), C. v. Tischendorf (von dem manche annehmen, daß er gläubig war), S. P. Tregelles (von dem dasselbe angenommen wird), B. F. Westcott und F. J. Hort (ungläubige, bibelkritische Anglikaner mit prokatholischen Neigungen) C. R. Gregory (der enge Verbindung zu unitarischen Leugnern der Gottheit Christi hatte) sowie Eberhard Nestle. Sie erklärten die alexandrinischen Handschriften, besonders den Codex Vaticanus und den Codex Sinaiticus, zu den besten Zeugen des ursprünglichen Textes und taten die gesamte byzantinische Mehrheitstextüberlieferung als unbrauchbar ab. Besonders der Textus Receptus wurde als „unwissenschaftlich“ und unzuverlässig verleumdet. Ihre Texte sind in vielem eine Rückkehr zu den Textverderbnissen der katholischen Vulgata, von denen die Reformatoren sich abgewandt hatten; sie wurden dann auch von der Katholischen Kirche als Bestätigung ihres Standpunktes gewertet.

Der Textus Receptus wurde zunächst in der akademischen Theologie verdrängt, dann auch in den Bibelübersetzungen. Die englische Revised Version von 1881 war die erste große Bibelübersetzung, die auf textkritischen Grundsätzen beruhte. Das Ziel der Revisoren, die beliebte King-James-Bibel zu ersetzen, wurde jedoch nie erreicht; die King-James-Bibel bleibt bis heute im englischen Sprachraum die am weitesten verbreitete und geschätzteste Bibelübersetzung.

Aber in der Folge wurden immer mehr reformatorische Bibelübersetzungen durch textkritische Revisionen verändert und auf den alexandrinischen Text umgestellt. Dem entsprachen im AT z. T. schwerwiegende Abweichungen vom Masoretischen Text. In Deutschland geschah dies erst 1956 in größerem Umfang; die Lutherbibel von 1912 beruht noch fast vollständig auf dem Textus Receptus. Die Revision der Zürcher Bibel erfolgte 1931; 1986 wurde die Elberfelder Bibel revidiert und fast komplett auf den Nestle-Aland-Text umgestellt. Die im Lauf des 20. Jh. immer zahlreicheren erscheinenden Neuübersetzungen hatten dann von vorneherein fast ausschließlich den kritischen Text.

Nachdem es im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrere textkritische Ausgaben des NT gegeben hatte, die sich untereinander an zahllosen Stellen widersprachen, kam es Mitte des 20. Jh. auf Betreiben der theologisch liberalen United Bible Societies zu einer weltweit einheitlichen Textausgabe, die seither die Grundlage fast aller neuen Bibelübersetzungen bzw. Bibelrevisionen ist: der sogenannte „Nestle-Aland“-Text (NA abgekürzt; im Englischen The Greek New Testament / UBS-Text).

Dieser Text wird seit 1966 von einem Gremium von ungläubigen, liberaltheologischen Textkritikern per Mehrheitsabstimmung festgelegt; darunter befindet sich ein Kardinal der Katholischen Kirche. Durch ein Abkommen des Vatikan mit den Weltbibelgesellschaften wurden 1968 Leitlinien festgelegt, die vorsehen, daß in sämtlichen Bibelübersetzungen, in der akademischen Lehre und in den Kirchen ausschließlich dieser NA-Text verwendet werden soll. Damit ist dieser Text, der immer noch die gnostisch-alexandrinischen Handschriften zur Hauptgrundlage hat, der ökumenische Welteinheitstext geworden!

Im englischen Sprachraum stieß die Umstellung auf den alexandrinischen Text bei vielen Gläubigen auf Widerstand, und eine relativ große Zahl ernsthafter Gläubiger hält bis heute bewußt an der King-James-Bibel und dem Textus Receptus fest. Dort gab es auch namhafte Gelehrte wie Burgon und Scrivener, die die unsauberen Methoden der alexandrinischen Textkritiker aufdeckten und die byzantinische Textgrundlage verteidigten. Dagegen erfolgte die Durchsetzung der kritischen Texte im deutschen Sprachraum, ohne daß es zunächst im größeren Maß bewußten Widerstand von Gläubigen gab. Wohl erkannten viele ältere Bibelleser, daß mit den Revisionen der Lutherbibel auch altvertraute und kostbare Bibelworte verschwanden bzw. verändert wurden, und viele ernsthafte Gläubige zogen die Luther 1912 den späteren Revisionen vor. Die geistlichen Hintergründe des Textus Receptus und der alexandrinischen Texte sind jedoch viel zu wenig bekannt.

Leider werden auch an Bibelschulen und unter bibeltreuen Gläubigen die Lehren der ungläubigen Textkritik vielfach als „neutral“ und wahr angenommen, ohne daß deren fragwürdiger geistlicher Hintergrund durchschaut worden wäre. Aber heute, in der ausreifenden Endzeit, wachen manche Gläubige auf und erkennen, daß unter dem harmlosen Etikett des „wissenschaftlichen Fortschritts“ Verfälschungen und Entstellungen in den Text der modernen Bibeln eingeführt wurden. Das Bewußtsein wächst auch bei uns, daß die modernen Bibeln nicht besser und zuverlässiger sind, sondern in vieler Hinsicht einen Rückschritt hinter die reformatorischen Übersetzungen darstellen, eine heimliche Umstellung der evangelischen Bibel auf den Text der Irrlehrer des 2. Jahrhunderts und der katholischen Kirche des Mittelalters.
« Letzte Änderung: 11 September 2012, 21:55:48 von Roland »
Besser ein Patient CHRISTI als ein Doktor der Theologie!

Offline Roland

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #19 am: 11 September 2012, 20:14:28 »
Die Trugschlüsse der Textkritik
und ihre Auswirkungen in unseren Bibeln

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus der ausführlicheren Schrift von Rudolf Ebertshäuser Der zuverlässige Text des Neuen Testaments. Der Textus Receptus und die Veränderungen in den modernen Bibeln.

 
Die Gefahr eines Vertrauens auf die „objektive Wissenschaft“

Wir haben schon im ersten Abschnitt erwähnt, daß das 19. Jahrhundert ein folgenschwerer geistlicher Wendepunkt in der Geschichte der Gemeinde war. Es war eine Zeit des immer offeneren Glaubensabfalls, der sich im 20. Jh. noch verstärkte. Es war das Jahrhundert des Durchbruchs der „Bibelkritik“ in Theologie und protestantischen Kirchen. In diesem Jahrhundert reifte die Saat der antichristlichen „Aufklärung“ mit ihrer weltlich-vernunftorientierten Philosophie aus.

Der Mensch mit seinem armseligen, verfinsterten Verstand wurde zum Maßstab aller Dinge erklärt; er stellte sich über das göttliche Offenbarungswort. Die „Bibelkritik“, die den göttlichen Offenbarungscharakter der Heiligen Schrift leugnete und sich anmaßte, die Bibel mit menschlicher Vernunft und Philosophie zu richten und zu zerlegen, durchdrang die Theologie der protestantischen Kirchen immer tiefer. Parallel dazu wurde auch die „Textkritik“ in der Christenheit immer mehr anerkannt.

Die „Textkritik“ ist mit der Bibelkritik darin eins, daß sie die Bibel nur als ein menschliches Buch wie jede andere antike Literatur sieht und die Tatsache der göttlichen Offenbarung wie auch der göttlichen Bewahrung bewußt außer Acht läßt. Wo die „Bibelkritik“ sich dazu verstieg, große Teile der heiligen Schriften nach angeblichen literarisch-stilistischen Maßstäben als gefälschte spätere Zusätze und menschliche Mythen hinzustellen, da unternahm es die „Textkritik“ in demselben kritisch-philosophischen Geist, Teile der Heiligen Schriften mithilfe einer „wissenschaftlichen“ Bewertung von Textunterschieden als unecht, als spätere Hinzufügungen auszuscheiden.

Das Ergebnis ist beidesmal dasselbe: Inspirierte Gottesworte, die jahrhundertelang von den Gläubigen geglaubt und angenommen worden waren, werden aufgrund angeblicher „wissenschaftlicher Forschung“ als unecht, als Fälschungen hingestellt. Zweifel an der Autorität und Vollkommenheit des Gotteswortes wird geweckt; das Wort der Schlange klingt zwischen den Zeilen der gelehrten „Bibelkritiker“ und „Textkritiker“ hindurch: „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“

Als Gläubige müssen wir der menschlich-weltlichen Wissenschaft gegenüber einen klaren geistlichen Stand einnehmen, sonst werden wir verführt und beraubt. Leider ist dieser klare Stand in den letzten zweihundert Jahren immer mehr aufgegeben worden. Viele Gläubige sind heutzutage „wissenschaftsgläubig“, statt einfältig bibelgläubig zu sein. Sie lassen sich von der Anmaßung der Menschenweisheit blenden, die beansprucht, mithilfe des armseligen, verfinsterten Menschenverstandes „die Wahrheit“ über alles und jedes herausfinden zu können. Sie meinen tatsächlich, „die Wissenschaften“, auch die Geisteswissenschaften wie Geschichte, Theologie oder „Textkritik“, seien „objektiv“, „neutral“ und nur der Wahrheit verpflichtet.

Wir müssen uns bewußt machen, daß die Methoden der heutigen Wissenschaft im wesentlichen der heidnischen Denkweise der griechischen Philosophie entspringen. Zu ihren Grundvoraussetzungen gehören viele Dinge, die für den wahren Gläubigen als ungöttlich und mit dem Glauben unvereinbar abzulehnen sind. So etwa die skeptische Infragestellung aller Dinge; die Annahme, daß alles durch Vernunft- und Verstandesschlüsse erforscht werden könne, die Begrenzung der Wahrheit auf das mit den Sinnen Wahrnehmbare und der bewußte Ausschluß des lebendigen Gottes und Seiner Macht aus allen Überlegungen.

Die rationalistische (auf die Vernunft gegründete) Wissenschaft kann nur relative Erkenntnisse und Wahrheiten hervorbringen und lehnt jede absolute, von Gott geoffenbarte Wahrheit ab. Sie baut dagegen auf menschliche Spekulation, auf Hilfsannahmen („Hypothesen“), mit deren Hilfe man die Fakten zu erklären sucht, die aber immer vorläufig sind, auf Vernunftschlüsse gegründete Annäherungsversuche an die Wahrheit.

Das mag für die Naturforschung in begrenztem Maß auch zu richtigen Ergebnissen führen; in den „Geisteswissenschaften“ aber (zu denen die Textkritik zählt) sind die Forschungsergebnisse sehr subjektiv gefärbt, stark abhängig von der Weltanschauung und den Denkvoraussetzungen der Forschenden.

Wir Gläubigen müssen uns vor jeder falschen Verehrung „der Wissenschaft“ hüten; sie wird buchstäblich zum Götzendienst, wenn wir sie über Gott und Sein Wort stellen. Gottes Wort warnt uns im Gegenteil vor der Weisheit dieser Welt in klaren, ernsten Worten:

„Denn es steht geschrieben: ‚Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen’. Wo ist der Weise, wo der Schriftgelehrte, wo der Wortgewaltige dieser Weltzeit? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt in ihrer Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Verkündigung diejenigen zu retten, die glauben“ (1Kor 2,19-21).

Für die gläubige Gemeinde ist es von entscheidender Bedeutung, jegliche als „Wissenschaft“ getarnte Weltweisheit entschlossen zurückzuweisen und ihr keinen Raum zu geben. Wohl können wir einzelne Ergebnisse auch der Geschichtsforschung oder verwandten Zweigen nach gründlicher Prüfung übernehmen, aber wir müssen uns immer bewußt machen, daß sie einem letztlich falschen, ungeistlichen Denkansatz entspringen, der die Realität des lebendigen Gottes und Seines Offenbarungswortes verleugnet. Nicht umsonst steht für uns die Warnung geschrieben: „Habt acht, daß euch niemand beraubt (od. einfängt) durch die Philosophie und leeren Betrug, gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den Grundsätzen der Welt und nicht Christus gemäß“ (Kol 2,8).
 

Die falschen Voraussetzungen und Ergebnisse der „Textkritik“

Nach dem geistlichen Urteil der Schrift können ungläubige Forscher in geistlichen Dingen (und dazu gehört die Bibel und ihre Überlieferung) gar nicht die Wahrheit erkennen: „Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muß“ (1Kor 2,14).

Auch die klügsten und gelehrtesten ungläubigen Textkritiker leben nach dem unbestechlichen Wort Gottes „in der Nichtigkeit ihres Sinnes; deren Verstand verfinstert ist und die entfremdet sind dem Leben Gottes, wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verhärtung ihres Herzens“ (Eph 4,17-18). Wie können sie uns sagen, was der richtige Wortlaut der Heiligen Schriften ist? Wie kann ein Gläubiger ihrem verfinsterten Urteil vertrauen? Und wie kann selbst ein gläubiger Textkritiker glaubwürdig sein, wenn er die Denkvoraussetzungen und Schlußfolgerungen seiner verfinsterten ungläubigen Kollegen übernimmt und nachahmt?

Die „Wissenschaft“ der Textkritik beansprucht, durch Vernunftschlüsse unterscheiden zu können, welche Textformen und Überlieferungen „echt“ und welche „unecht“ seien. Dazu beurteilt sie die verschiedenen Textformen nach Maßstäben, die sehr willkürlich und oft widersinnig sind. So ist es ein Prinzip der „Textkritik“, daß die dunklere, unverständlichere, widersprüchliche Textfassung als die ursprüngliche gilt.

Das trifft schon bei weltlichen Texten so nicht zu; wie aber kann man das von Gottes inspiriertem Wort sagen? Genauso willkürlich ist die Regel, daß im Zweifelfall die kürzere Textform die ursprüngliche sei; als ob nicht die Gefahr einer versehentlichen Auslassung beim Abschreiben viel höher wäre als ein bewußter Eingriff zur Erweiterung des Textes, und das besonders bei der Bibel, die doch für die gläubigen Abschreiber als Gottes Wort unantastbar war!

In allen solchen Werturteilen ist die „Textkritik“ äußerst subjektiv und von den Vorurteilen und Neigungen der Forscher geprägt. Es gibt keine ausreichenden „objektiven“ Anhaltspunkte, um auf wissenschaftliche Weise mit Sicherheit den ursprünglichen Text herauszufinden. Das wissen die Textkritiker im Grunde auch und sagen selbst, daß ihr Text nur vorläufig und für Veränderungen offen ist.

Das Grunddogma aller etablierten „Textkritik“ ist nun die Behauptung, daß der byzantinische Text, der in ca. 95% aller Textzeugen zu finden ist, eine wertlose späte Überarbeitung des ursprünglichen Textes darstelle. Den ursprünglichen Text suchen praktisch alle Textkritiker in den alexandrinischen Handschriften, deren hohes Alter der Garant dafür sei, daß sie dem Original am nächsten stünden. Diese Vorentscheidung ist selbst von einem „wissenschaftlichen“ Gesichtspunkt her gesehen alles andere als „objektiv“. Von einer „Wissenschaft“, die über 95% des ihr vorliegenden Faktenmaterials einfach ignoriert und ihre Thesen allein auf 5% aufbaut, kann man gar keine wahrhaftigen Ergebnisse erwarten.

Für uns stellt sich nun die geistliche Frage: Woher kommt denn die Vorliebe der „Textkritik“ für den alexandrinischen Text? Wenn wir uns die geistlichen Wurzeln dieser „Wissenschaft“ im Unglauben der Aufklärung, in Vernunftverherrlichung und griechischer Philosophie verdeutlichen, müssen wir klar sagen: Die Bevorzugung des gnostisch beeinflußten alexandrinischen Texts läßt sich nur aus der Geistesverwandtschaft beider Strömungen erklären! In der ausreifenden Endzeit mit ihrem Abfall vom überlieferten Glauben paßten diese verstümmelten Texte mit ihrer Abschwächung des biblischen Zeugnisses von Christus, Seiner Göttlichkeit und Seines Erlösungswerkes genau in den Zeitgeist und die Zeitströmung. Wie die Bibelkritik trug die Textkritik dazu bei, das offensive, freudige Zeugnis der gläubigen Gemeinde von Gottes inspiriertem Wort zu dämpfen, Zweifel zu säen, den einfältigen Glauben an Gottes Wahrheit zu beschädigen.

 
Die Auswirkungen der Textkritik in den modernen Bibeln

Das Ergebnis des vorherrschenden Einflusses der Textkritik ist die ernste Tatsache, daß die allermeisten heute erhältlichen Bibelübersetzungen nicht mehr, wie in den 350 Jahren nach der Reformation, dem bewährten Textus Receptus folgen, sondern ihren Lesern die Verkürzungen und Verfälschungen der ägyptischen Handschriften als den echten, zuverlässigen Bibeltext vorsetzen.

Wie weit die Abweichung vom überlieferten Text des NT im einzelnen geht, kann jeder interessierte Bibelleser in der Schrift Dreihundert wichtige Veränderungen im Text des NT. Ein Vergleich zwischen Textus-Receptus-Bibeln und textkritischen Bibeln nachlesen. Von den 300 wichtigsten Bibelstellen, an denen sich Textus Receptus und Nestle-Aland unterscheiden, übersetzt die Schlachterbibel 2000 100% nach dem TR; in der Luther 1912 sind es 98% nach TR und 2% textkritische Abweichungen. Die Lutherbibel von 1984 übersetzt nur noch 10% nach dem TR und 90% aller Stellen mit textkritischem Einfluß, die Zürcher Bibel von 1931 gibt nur 6% der Stellen nach dem TR wieder und 94% textkritisch.

Während in der Alten Elberfelder Bibel immerhin noch 24% der Stellen nach dem TR übersetzt werden und 76% Abweichungen davon darstellen (entweder NA-Text oder TR mit textkritischen Fußnoten oder Klammern), weicht die Revidierte Elberfelder Bibel in 97% aller Stellen vom TR ab bzw. stellt ihn durch Klammern oder Fußnoten in Frage. Darin wird sie nur noch von der Ökumenischen Einheitsübersetzung übertroffen, die dies in 98% aller Stellen tut (Vgl. Tabelle auf S. 47 in dieser Schrift).

Damit sind mindestens 15 ganze Verse und viele hundert inspirierte Worte der Schrift aus den modernen Bibeln verschwunden; etwa 30 Verse werden in den meisten modernen Bibeln zwar abgedruckt, aber als wahrscheinlich nicht ursprünglich in Zweifel gezogen (je 12 Verse in Mk 16,9-20 und Joh 7,53-8,11). Der geistliche Schaden, der dadurch entsteht, läßt sich schon an den in dieser Broschüre angeführten Beispielen etwas ermessen; wer alle 300 wichtigeren Stellen studiert, kann kaum mehr zustimmen, wenn die Befürworter der Textkritik behaupten, die Weglassungen und Änderungen würden geistlich keine Rolle spielen.

Eine weitere ernstzunehmende Auswirkung der Textkritik in den modernen Bibeln sind die Zweifel erweckenden Fußnoten, die zahlreiche noch im Text stehende Bibelworte in Frage stellen. Am Schluß des Markusevangeliums etwa vermerkt die Lutherbibel 1984: „Nach den ältesten Textzeugen endet das Markusevangelium mit Vers 8. Die Verse 9-20 sind im 2. Jahrhundert hinzugefügt worden, vermutlich um dem Markusevangelium einen den anderen Evangelien entsprechenden Abschluß zu geben.“ Damit wird dem Bibelleser nahegelegt, dieser wichtige und unzweifelhaft echte Bestandteil des Markusevangeliums sei eine menschliche Hinzufügung!

Immer wieder finden sich z.B. in der revidierten Elberfelder Bibel Bemerkungen wie bei Mt 20,16, wo zu dem Ausspruch des Herrn: „Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte“ in der Fußnote steht: „in den wichtigsten alten Handschr. nicht enthalten“ (Die „wichtigsten alten Handschriften“ sind hier Sinaiticus, Vaticanus und 6 weitere Unzialhandschriften). Kann der Leser diese Worte nun als echte Worte des Herrn annehmen? Wenn sie in den angeblich wichtigsten Handschriften fehlen, weshalb haben die Übersetzer sie dann in den Text aufgenommen? Wenn sie aber in den Bibeltext gehören (und das ist unzweifelhaft der Fall), weshalb dann die Fußnote?

In Lk 23,34 kommentiert die revidierte Elberfelder Bibel die berühmten Worte des Herrn Jesus „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ folgendermaßen: „in alten und wichtigen Handschr. nicht enthalten.“ Sie fehlen in einigen (NA nennt 8) alexandrinischen Handschriften, wobei sie im Codex Sinaiticus ursprünglich enthalten waren (!), von einem Korrektor gestrichen wurden und von einem weiteren wieder eingesetzt wurden. Sie sind nicht nur in den mehreren tausend byzantinischen Handschriften enthalten, sondern auch in den Unzialhandschriften A und C aus dem 5. Jh.! Dennoch markiert die Nestle-Aland-Ausgabe diese wunderbaren Worte unseres Herrn als eine „mit Sicherheit spätere Hinzufügung“, behauptet also, sie seien unecht!

Das Ausmaß solcher glaubenszersetzender Einwände gegen die Zuverlässigkeit des neutestamentlichen Textes sollte nicht unterschätzt werden: Die revidierte Elberfelder Bibel 2000 hat im NT 176 solche textkritische Fußnoten (im AT sind es übrigens 1.768!); die Ökumenische Einheitsübersetzung 131, die Lutherbibel 1984 immerhin auch 41.

Es bleibt anzumerken, daß der Wahrheitsgehalt dieser textkritischen Fußnoten oft recht fragwürdig ist. So gut wie nie wird das tatsächliche Zahlenverhältnis der Textzeugen erwähnt; das Zeugnis des Mehrheitstextes wird oft regelrecht verschleiert. Wenn z.B. in Mt 5,44 die revidierte Elberfelder anmerkt: „Einige spätere Handschr. fügen hinzu: segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen …“, so stehen hinter diesem Text nicht nur die 3-4.000 Textzeugen des byzantinischen Mehrheitstextes (dafür ist „einige“ wohl nicht der Wahrheit entsprechend), sondern auch die zwei alten Unzialhandschriften D und W aus dem 5. Jh. (!).

Was für Folgen hat es, wenn wir solche Bibeln, die das in ihnen geschriebene Wort in der Fußnote wieder in Frage stellen, an junge Gläubige oder suchende Menschen weitergeben? Können solche Bibeln das Wohlgefallen des Herrn finden, die hinter viele Seiner kostbaren Worte ein Fragezeichen machen? Kann Gott den vollen Segen Seines Wortes durch Bibeln schenken, die an einigen Stellen verstümmelt und verändert worden sind?

Wir wollen nicht bestreiten, daß viele aufrichtige Gläubige auch durch das Lesen textkritischer Übersetzungen einen gewissen Segen empfangen. Diese Bibeln enthalten ja zu 90% Gottes gutes Wort. Aber auf der anderen Seite sollte es jedem geistlich prüfenden Christen deutlich geworden sein, daß die Veränderungen durch die Textkritik nicht einfach als harmlos und unwichtig weggeschoben werden können.
Besser ein Patient CHRISTI als ein Doktor der Theologie!

Pilger

  • Gast
Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #20 am: 11 September 2012, 20:15:39 »
Lieber Roland,

ich kenne die Argumentation des Br. Ebertshäuser und teile sie nicht.
Mit dem Codex Sinaiticus arbeite ich schon 20 Jahre, behaupte aber nicht, dass er der allein richtige ist, sondern bin mit Nestle-Aland der Meinung, dass er ein Zeuge ist, der immer heran gezogen werden sollte, wenn es um Übersetzung geht.

Kennst Du das Buch von Aland: Der Text des Neuen Testamentes?

Liebe Grüße
Pilger

Offline Roland

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #21 am: 11 September 2012, 20:22:27 »
Zitat
Es ist eine Zusammensetzung aus Handschriften des 13.-14. Jahrhunderts. In der Offenbarung ist vieles aus der Vulgata (katholische Bibel) zurück übersetzt worden in’s Griechische und dabei sind sehr viele Fehler unterlaufen.


Die Zuverlässigkeit des Textus Receptus

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus der ausführlicheren Schrift von Rudolf Ebertshäuser Der zuverlässige Text des Neuen Testaments. Der Textus Receptus und die Veränderungen in den modernen Bibeln.

Seit den Anfängen der „Textkritik“ betrieben ihre Befürworter eine gezielte Herabsetzung des Textus Receptus als des zuverlässigen, von allen Gläubigen angenommenen Textes des griechischen NT. Ganz offen sprechen Kurt und Barbara Aland von einer „Schlacht“ gegen den TR, von den „Bemühungen, von der Vorherrschaft des Textus receptus loszukommen“. Der von den Gläubigen angenommene Text mußte in Zweifel gezogen werden, das Vertrauen der Gläubigen in ihn mußte zerstört werden, damit die andersartigen alexandrinischen Textformen Einfluß gewinnen konnten, die die moderne Textkritik als die „besseren“ und „dem Urtext nächsten“ anpries.

Die Angriffe der ungläubigen Textkritiker verliefen auf zwei Ebenen: einerseits wurde die Herausgeberarbeit von Erasmus, dem ersten Herausgeber des Textus Receptus, in ein schiefes Licht gestellt, und andererseits wurde die byzantinische Mehrheitstextüberlieferung, die dem TR zugrundeliegt, als unzuverlässig dargestellt. Beide Argumentationslinien werden heute von den evangelikalen Verteidigern des „Nestle-Aland“-Textes getreulich nachvollzogen. Dabei ist ihnen nicht bewußt, daß sie hier die Glaubensüberzeugung ihrer bibeltreuen „Vorväter“ mit den vergifteten und verkehrten Waffen der Gegner des Glaubens attackieren.

Erasmus – der erste Herausgeber des Textus Receptus

Von den gläubigen Verteidigern der „Textkritik“ wird viel Aufhebens gemacht von den angeblichen „Schlampereien“, „Fehlern“ und „Übersetzungen aus der Vulgata“, die sich Erasmus zuschulden habe kommen lassen. Was ist an diesen Vorwürfen dran? Sie enthalten, was die erste Ausgabe des griechischen NT von Erasmus betrifft, einen Wahrheitskern.

Tatsächlich war Erasmus 1516 unter Zeitdruck, und ihm wie den Schriftsetzern unterliefen einige Fehler. Er selbst gab auch offen zu, daß er am Schluß der Offenbarung einige Verse, die in der von ihm benutzten griechischen Handschrift fehlten, aus dem Lateinischen rückübersetzt hatte, weil er so schnell keine andere Handschrift dafür beschaffen konnte (dies war damals auch viel schwerer als heute, und es gab weder Telefax noch Fotokopierer oder ähnliche Erleichterungen für Herausgeberarbeit).

Dennoch enthalten die Darstellungen des Erasmus, die ein Gegner des Textus Receptus zumeist vom anderen abschreibt, zumeist viele fahrlässige oder sogar bewußte Entstellungen der Wahrheit. Die Wahrheit ist, daß Erasmus die Fehler, die sich in seiner 1. Auflage fanden, in den folgenden Ausgaben korrigiert hat. Er arbeitete seine insgesamt fünf Auflagen immer wieder sorgfältig durch, verglich den Text mit weiteren Handschriften und verbesserte ihn.

An einigen Stellen behaupten seine Kritiker, er habe Fehler stehen gelassen, aber dies ist völlig unbewiesen, weil wir das Handschriftenmaterial, nach dem Erasmus arbeitete, heute gar nicht mehr in vollem Umfang kennen. Auf jeden Fall kannte Erasmus sehr viel mehr griechische Handschriften des NT (bzw. Auszüge davon), als nur die vier oder fünf aus der Bibliothek in Basel, von denen die Kritiker immer sprechen.

Insgesamt wird Erasmus (auch von den gläubigen Verteidigern der Textkritik) in ein möglichst schlechtes Licht gestellt. Man bezeichnet ihn z. B. als „katholischen Theologen“ und verdeckt damit die Tatsache, daß Erasmus, auch wenn er nie offen für die Reformation Partei ergriff, doch einer der schärfsten nichtreformatorischen Kritiker der katholischen Kirche war, so daß das Lesen seiner Schriften längere Zeit von der Kirche verboten wurde.

Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob er gläubig war, aber er ist trotz mancher Zwiespältigkeiten innerlich den Evangelischen näher gestanden als dem Papsttum. Erasmus trat zwar nie öffentlich aus der katholischen Kirche aus und war kein Reformator im eigentlichen Sinn, aber er geißelte die Abweichungen der Kirche von der Schrift; er war wesentlich gottesfürchtiger als die allermeisten modernen Textkritiker und achtete im Gegensatz zu ihnen die Bibel als Wort Gottes.

Erasmus hatte, als er 1516 den Textus Receptus herausgab, schon Griechisch an einer Universität unterrichtet, schon zahlreiche griechische Handschriften des NT studiert und eine lateinische Übersetzung des NT aus griechischen Quellen verfaßt. Er hatte auch schon mehrere Ausgaben antiker Kirchenschriftsteller herausgegeben und war insoweit bestimmt der beste Fachmann für eine Ausgabe des NT, der damals lebte. Es war sicherlich auch Gottes Weisheit, daß er keiner der rasch verfeindeten Parteien der Reformation angehörte, so daß der von ihm herausgegebene Text von Lutheranern, Calvinisten und Täufern gleichermaßen akzeptiert werden konnte.

Was auch zumeist verschwiegen wird, ist die Tatsache, daß sein Text von zwei erwiesenermaßen gläubigen evangelischen Gelehrten weitergeführt wurde (Stephanus und Beza), die ihn mit noch mehr griechischen Handschriften verglichen und weiter verbesserten. In dieser ausgereiften Form bildete er den zuverlässigen, von allen wahren Gläubigen anerkannten Text der Reformation, den auch wir Gläubige der Endzeit in der Gewißheit annehmen dürfen, daß er durch Gottes Bewahrung getreulich den Urtext wiedergibt.

 
Das Fundament des Textus Receptus – der byzantinische Mehrheitstext

Der Hauptangriffspunkt der ungläubigen Textkritiker gegen den Textus Receptus war seine Gründung auf den byzantinischen Text. Im überlieferten Text der Reformation findet sich keine einzige der gnostisch beeinflußten Verstümmelungen, die die alexandrinischen Handschriften durchziehen. Er gibt ein geschlossenes, strahlendes Zeugnis von der Gottheit und Herrlichkeit und dem Erlösungswerk des Herrn Jesus Christus. Er ist in sich stimmig und klar.

Genau das erregte die Feindschaft der Gnostiker des 18. und 19. Jahrhunderts, die in ihrer Ablehnung der Gottheit Jesu Christi, des vollkommenen Sühnopfers und der göttlichen Autorität und Inspiration der Bibel sich ganz eins waren mit den Gnostikern der ersten nachchristlichen Jahrhunderte.

Dabei nutzten die Textkritiker die Tatsache aus, daß im feuchtwarmen Klima des Mittelmeeres so gut wie keine ganz alten Handschriften aus der byzantinischen Überlieferung überlebt haben (die damals alle auf Papyrus geschrieben waren), sondern nur spätere zuverlässige Abschriften der frühen byzantinischen Textzeugen. Die ältesten erhaltenen byzantinischen Textzeugen gehen auf das 5. Jh. zurück (wobei sich typisch byzantinische Textformen auch schon in einigen sehr alten ägyptischen Papyri finden).

Ab dem 5. Jh. hat die große Mehrzahl der erhalten gebliebenen Handschriften den byzantinischen Text, während der alexandrinische Text kaum noch eine Rolle spielt. Diesen Umstand schrieben die Textkritiker einem von ihnen frei erfundenen bewußten harmonisierenden redaktionellen Eingriff im 4. Jahrhundert zu, der sogenannten „Lukianischen Rezension“.

Damals seien die ursprünglichen widersprüchlichen, unorthodoxen Stellen aus der Originalüberlieferung von orthodoxen Kirchenleuten unter Führung des Lukian von Antiochien geglättet worden. Deshalb sei das gesamte Textzeugnis der byzantinischen Handschriften wertlos und zu verwerfen.

Diese Unterstellung ist zwar sehr listig und raffiniert ausgedacht, aber es fehlt jeglicher faktische Beweis für einen solchen bewußten Eingriff in den byzantinischen Text. Eine solche massive Veränderung des Bibeltextes wäre aus mehreren Gründen gar nicht möglich gewesen: Der zuvor überlieferte Text war ja im Kernland der apostolischen Gemeinden schon seit Generationen den Gläubigen eingeprägt und hätte durch einen Beschluß eines Konzils nicht ohne weiteres verändert werden können.

Eine einheitliche Durchsetzung eines neuen Textes wäre schon aufgrund der Zerrissenheit der Kirche in verschiedene Lehrströmungen und Fraktionen nicht möglich gewesen.

Schließlich hätte ein solches Treffen von autoritativen Bischöfen mit allen einhergehenden Debatten um den richtigen Text niemals ohne Spuren in der Kirchengeschichte geschehen können. Die alten Kirchenschriftsteller nahmen ja oft zu Fragen der Textüberlieferung Stellung (die meisten von ihnen zitieren übrigens überwiegend byzantinische Textformen); ein solches Konzil wäre von ihnen auf alle Fälle in ihrer Argumentation zum Für und Wider einer Textform angeführt worden.

Schließlich ist es absurd, eine angebliche orthodoxe Überarbeitung des NT gerade Lukian zuzuschreiben, einem Leugner der Gottheit Jesu Christi, dem Lehrer des Arius, der ja alles Interesse daran gehabt hätte, den alexandrinischen Text zur Norm zu machen, wenn er gekonnt hätte.

Die Theorie der „Lukianischen Rezension“ wird heute selbst von vielen Textkritikern verworfen. Dazu haben auch die Papyrusfunde mit beigetragen, die zeigten, daß typische „byzantinische“ Textformen auch schon im 2. und 3. Jahrhundert verbreitet waren und nicht erst im 4. Jh. künstlich erfunden worden sein konnten.

Die evangelikalen Gegner des Textus Receptus jedoch berufen sich fast alle heute noch auf diese falsche Theorie. Sie kommen ohne eine solche Unterstellung nicht ohne weiteres aus, weil es sonst keine für sie befriedigende Erklärung für die Einheitlichkeit und den weiten Einfluß des byzantinischen Textes gibt – außer der naheliegenden und offenkundig richtigen, daß dieser Text nämlich die zuverlässige Überlieferung der apostolischen Kerngemeinden darstellt, die bis ins 1. Jh. zurückreicht.

Der byzantinische Mehrheitstext war seit dem 1. Jahrhundert der überlieferte Text der Gläubigen in den Kerngebieten der apostolischen Urgemeinde – der von allen angenommene Text, so wie es in den Jahrhunderten nach der Reformation auch der Fall war! Das ist die einzige Erklärung dafür, weshalb dieser Text schon im 4./5. Jahrhundert eine solche Autorität und Verbreitung genoß.

Dies war nur möglich, weil er ein alter, ein bis zu den Ursprüngen gehender Text ist. Die Gläubigen hätten niemals einen „neuen“, frisierten Text angenommen. Nur ein alter, bewährter Text, der den Originalen und beglaubigten Abschriften entsprach, mit dem man ihn verglich, hatte das Vertrauen der Gläubigen. Deshalb mußten ja auch Anhänger von gnostischen und arianischen Irrlehren im byzantinischen Raum den alten byzantinischen Text benutzen, weil ein „neuer“ nicht akzeptiert worden wäre.

Der byzantinische Mehrheitstext, das dürfen die wahren Gläubigen festhalten, ist die von Gott bewahrte Überlieferungslinie, in der der wahre, unverfälschte Urtext den Gläubigen erhalten geblieben ist. Seine Geschlossenheit ist die Folge der göttlichen Inspiration, und seine Verbreitung die Folge der göttlichen Bewahrung für das Wort Gottes.
 
Der Textus Receptus ist die zuverlässige Wiedergabe von Gottes Wort!

Es ist daher in keinster Weise ein Irrtum von Erasmus, wenn er in seiner weltweit verbreiteten Ausgabe des griechischen NT am Vorabend der Reformation ausgerechnet den byzantinischen Mehrheitstext zur Grundlage nimmt. Er knüpft damit an die 1.500 Jahre lange Überlieferung des wahren apostolischen Textes an. Dabei wurde er, so dürfen wir Gläubige es erkennen, nicht von seinem begrenzten Menschenverstand geleitet, sondern von Gott selbst, der es auch so führte, daß ausgerechnet dieser Text zum weltweit von allen wahren Gläubigen anerkannten Text des NT wurde.

Wir Gläubigen dürfen Gottes Hand auch in der Reformation selbst sehen, bei allem Menschenwerk und Ungöttlichen, das mit darunter gemischt war. Daß das biblische Evangelium und die Heilige Schrift selbst klar auf den Leuchter gestellt und zu den Völkern gebracht wurde, sind die zwei wichtigsten Errungenschaften dieser Gnadenstunde im Handeln Gottes mit den Heidenvölkern.

Deshalb ist es nur folgerichtig, im Glauben damit zu rechnen, daß der lebendige, allmächtige Gott dafür gesorgt hat, daß die Reformatoren, die nun die Bibel in alle Sprachen des Abendlandes übersetzten, den zuverlässigen, bewahrten Text des AT und NT an die Hand bekamen.

Wenn die Verheißung Gottes, Sein Wort unverfälscht zu bewahren, von höchster Bedeutung war, dann zu jener bedeutsamen Zeit, als es erstmals wieder in Dutzenden von Sprachen unter Millionen von Menschen verbreitet wurde – nach Jahrhunderten der Finsternis und des Bibelverbots.

Gott hat Sein bewahrtes Wort nicht erst in der Zeit des Abfalls und der Bibelkritik ans Licht gebracht, durch Leute, die großenteils Seinen Sohn und Sein Heil leugneten und Feinde Gottes waren. Gott hat Sein wahres Wort nicht in der Bücherei des Vatikans versteckt (Codex Vaticanus) und schon gar nicht im Abfallkorb eines Klosters (Codex Sinaiticus).

Wir können auch nicht glauben, daß Gott sein Wort erst im 21. Jahrhundert durch Bemühungen um eine neue Ausgabe des Mehrheitstextes ans Licht bringt. Vom Standpunkt des Glaubens her ist der Textus Receptus die beste und einzig bewährte Ausgabe des überlieferten neutestamentlichen Textes.

Das gilt auch für die wenigen Stellen, an denen Erasmus, Stephanus und Beza unter Gottes Leitung einen Text veröffentlicht haben, der nicht von der Mehrheit der heute erhalten gebliebenen Handschriften bezeugt wird. Sie taten es auf das Zeugnis von damals verfügbaren griechischen Handschriften hin (und nicht aufgrund einer Übersetzung aus der lateinischen Vulgata, wie immer wieder ohne echten Beweis behauptet wird).

Solche Stellen, wie das berühmte Comma Johanneum in 1Joh 5,7-8, sind fast durchweg durch alte Kirchenschriftsteller und Übersetzungen als alte Textformen bezeugt und können durchaus in einer Mehrzahl früher byzantinischer Handschriften enthalten gewesen sein.

Die bibeltreuen Gläubigen in der letzten Zeit sollten sich deshalb von den listigen Vernunftschlüssen und Verleumdungen der ungläubigen Textkritik nicht verunsichern und beeinflussen lassen – auch nicht von der traurigen Tatsache, daß es viele Gebildete und Prediger in ihren eigenen Reihen gibt, die solche Angriffe auf den überlieferten Text der Reformation übernehmen und die Befürworter des Textus Receptus z. T. scharf angreifen.

Wir dürfen auch und gerade heute im Glauben an Gottes Treue und Seine stets wirksame Bewahrung für Sein Wort den Masoretischen Text des AT und den Textus Receptus des NT als zuverlässige, von Gott bestätigte Grundtextbasis unserer Bibeln annehmen und jedes dagegen gerichtete „Sollte Gott gesagt haben?“ entschlossen zurückweisen.
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Offline Roland

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #22 am: 11 September 2012, 20:24:51 »
Zitat
Kennst Du das Buch von Aland: Der Text des Neuen Testamentes?
Ja, ich kenne das Buch bzw. Alands Meinung und teile sie nicht.

Shalom
Roland
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Offline Roland

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #23 am: 11 September 2012, 20:38:39 »
Zitat
Von den angeblich 3000 Abweichungen zwischen TR und NA ist zu sagen, daß nur 300 von Bedeutung sind und daß es sich bei den anderen um Wortverstellungen, unterschiedliche Namensschreibung, sowie den Text kaum verändernde Weglassungen oder Hinzufügungen handelt.

Für die 8000 Worte des NT ergibt es weniger als 300 verschiedene Lesarten von mehr oder weniger Bedeutung.

Es sind gerade mal 4% des Textes der von Bedeutung ist und das ist ein hoher Sicherheitsgrad.



Verwirrende Unterschiede
zwischen Bibelübersetzungen – was steckt dahinter?

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus der ausführlicheren Schrift von Rudolf Ebertshäuser Der zuverlässige Text des Neuen Testaments. Der Textus Receptus und die Veränderungen in den modernen Bibeln.

Der gläubige Bibelleser, der verschiedene Bibelübersetzungen vergleicht, stößt an manchen Stellen auf Unterschiede, die ihn befremden und stutzig machen. Besonders im Neuen Testament (NT) kann es vorkommen, daß in der einen Bibelübersetzung Verse oder Versteile stehen, die in einer anderen Bibel einfach fehlen. In manchen Bibeln findet er dann Fußnoten, die diese Weglassungen mit Formulierungen begründen wie z. B.: „In späteren Handschriften finden sich noch die Worte …; die ältesten und besten Handschriften lassen diese Worte weg“. Auch bei Versen, die im Text abgedruckt sind, stößt der Leser manchmal auf Anmerkungen, die die Echtheit des Bibelwortes in Zweifel ziehen: „Dieser Vers findet sich nicht in den ältesten Handschriften“ o. ä.

Normalerweise gehen nur wenige Bibelleser diesen Dingen gründlicher nach. Sie lesen vielleicht im Vorwort ihrer neueren Bibel eine Erklärung, daß diese Bibel dem „Nestle-Aland“-Grundtext (NA) folgt. Dieser Text sei aufgrund der Fortschritte der wissenschaftlichen „Textkritik“ viel besser und zuverlässiger als der „Textus Receptus“ (TR), dem ältere Bibelausgaben folgten. Nachdem man ja in anderen Bereichen auch davon überzeugt ist, daß der wissenschaftliche Fortschritt immer bessere, zuverlässigere Ergebnisse hervorbringt, geben sich manche schnell mit solchen Erklärungen zufrieden.

Dennoch sollten gereiftere, im Wort gegründete Gläubige sich einmal näher mit diesen Veränderungen im Bibeltext beschäftigen. Zwar reden viele Befürworter der modernen wissenschaftlichen Textausgaben des NT davon, daß die Unterschiede zwischen denn modernen und klassischen Bibeln nur geringfügig seien und keine wichtige Lehre der Bibel von ihnen betroffen sei.

Bei näherem Hinsehen muß man jedoch feststellen, daß dies eine Verharmlosung der Tatsachen ist. (Die Dokumentation der wichtigsten Unterschiede zwischen NA und TR findet sich in der Broschüre des ESRA-Schriftendienstes Dreihundert wichtige Veränderungen im Text des NT. Ein Vergleich zwischen Textus-Receptus-Bibeln und textkritischen Bibeln). Eine ganze Reihe von textlichen Veränderungen in den modernen Bibeln, die auf dem „textkritischen“ Grundtext beruhen, ist für die biblische Lehre und unser geistliches Leben recht bedeutsam. Als bibeltreue Gläubige müssen wir uns fragen, wie es zu diesen Unterschieden im Text kommt.

Was ist zum Beispiel mit dem Schluß des Gebetes des Herrn in Mt 6,13? Sind die gewichtigen Worte „Denn dein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen“ Bestandteil des Wortes Gottes oder nicht? Hat der Herr Jesus sie gesprochen, oder wurden sie (wie die textkritischen Fußnoten in modernen Bibeln es behaupten) von späteren Abschreibern nachträglich hinzugefügt? Der gläubige Bibelleser, der an die Inspiration der ganzen Heiligen Schrift glaubt, wird durch solche textkritischen Bemerkungen verunsichert: Sind diese Worte inspiriert, d. h. von Gott durch Seinen Geist wörtlich eingegeben? Darf ich sie als Wort Gottes annehmen und auslegen, oder muß ich sie als Menschenwort weglassen?

Wie sieht es mit dem Schluß von Markus 16 aus, wo die modernen Bibeln ganze 12 Verse des NT als eine spätere Hinzufügung bezeichnen? In ihnen findet sich u. a. eine für die Lehre von Christus wichtige Aussage in V. 19: „Der Herr nun wurde, nachdem er mit ihnen geredet hatte, aufgenommen in den Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes.“ Ist das nun ein inspiriertes Zeugnis von der Himmelfahrt und Verherrlichung des Herrn? Oder muß ich diese Verse gedanklich aus meiner Bibel streichen? Sicherlich wird durch die Tilgung dieser 12 Verse keine biblische Lehre direkt umgeworfen; aber daß das Fehlen eines so gewichtigen Zeugnisses nichts ausmachen würde, kann eigentlich niemand behaupten, der die Bibel liebt und ernst nimmt.

Wir sehen, daß die Veränderungen in den modernen Bibeln ernste Fragen aufwerfen, über die man nicht leichtfertig hinweggehen sollte. Das Unbehagen verstärkt sich, wenn der Gläubige sich näher mit diesen Fragen beschäftigt und herausfindet, was ihm in den modernen Bibeln durchweg verschwiegen wird: daß nämlich die Weglassungen und Veränderungen von bekannten Bibelworten sich nur auf ganz wenige Handschriften aus einem ganz bestimmten Randgebiet der frühen Christenheit stützen, während sich die vertrauten Worte in mehr als 95%, oft mehr als 99% aller Handschriften aus dem ganzen Bereich der Christenheit finden! Der Markusschluß etwa wird als „unecht“ in Zweifel gezogen, weil er in ganzen drei (tatsächlich: DREI!) von wahrscheinlich 3 - 4.000 Handschriften des NT weggelassen wurde!

Wer legt eigentlich fest, daß gerade diese verschwindende Minderheit von Handschriften den ursprünglichen Text bietet und nicht die große Mehrheit? Wie kommt die wissenschaftliche „Textkritik“ zu dem Urteil, diese drei Handschriften seien die „besten“? Weshalb findet man in so vielen modernen Bibeln Zweifel erweckende Fußnoten an dieser Stelle, aber keine zeigt das tatsächliche Zahlenverhältnis der Textzeugen an? Warum setzen die modernen Bibelübersetzer den Markusschluß überhaupt noch in den Bibeltext, obgleich sie der Überzeugung sind, daß er eine spätere Hinzufügung sei? Vielleicht, weil sonst viel mehr Bibelleser aufwachen und Zweifel an der Zuverlässigkeit ihrer modernen Übersetzung bekommen würden?

Diese Schrift wurde geschrieben, um die geistlichen Hintergründe für die Veränderungen in den Bibelausgaben des 19. und 20. Jahrhunderts gegenüber dem vorher geltenden reformatorischen Grundtext deutlich zu machen. Sie will dem gläubigen Bibelleser eine Hilfe geben, damit er geistlich prüfen und beurteilen kann, welchem Grundtext er sein Vertrauen schenken kann und soll.

Wir finden heute zwei verschiedene Arten von Bibeln mit unterschiedlicher Textgrundlage: auf der einen Seite die Bibeln mit dem überlieferten Text, die Bibeln der Reformation, der Täufer und der Erweckungsbewegung, die im AT auf dem hebräischen Masoretischen Text und im NT auf dem griechischen Textus Receptus beruhen. Dazu zählen die berühmte King-James-Bibel, die spanische Reina-Valera, die italienische Diodati, die holländische Statenvertaling und viele andere mehr; im deutschen Sprachraum sind dies vor allem die Luther-Bibel bis 1912, die alte Zürcher Bibel vor 1931 und die neu revidierte Schlachterbibel 2000.

Auf der anderen Seite finden sich die „textkritischen“ Bibeln. Sie beruhen auf einem Grundtext, der von der wissenschaftlichen „Textkritik“ zusammengestellt wurde und sich im AT wie im NT von den reformatorischen Texten unterscheidet. Dazu zählen die Lutherrevisionen 1956 und 1984, die Zürcher Bibel 1931, die Menge-Bibel, die Revidierte Elberfelder Bibel, die Ökumenische Einheitsübersetzung, Gute Nachricht und Hoffnung für alle, die Neue Genfer Übersetzung, Neues Leben u. a. Eine Zwischenstellung nehmen die Schlachterbibel 1905/51 und die unrevidierte Elberfelder Bibel 1871/1905 ein.

Manche meinen, diese Fragen seien nicht so wichtig, weil ja etwa 90% des Textes des NT ohnehin nicht von den Textunterschieden betroffen sind und keine wichtige Lehre des NT durch sie in Frage gestellt wird. Nun dürfen wir dankbar dafür sein, daß die Unterschiede tatsächlich nur begrenzt sind und der allergrößte Teil des NT einheitlich bezeugt ist. Darin zeigt sich die Bewahrung Gottes; Gott hat nur eine begrenzte Anzahl von Textunterschieden in der Überlieferung Seines Wortes zugelassen und dafür gesorgt, daß es zu 90% völlig einheitlich von allen noch bestehenden Handschriften bezeugt wird. Auf der anderen Seite ist es für den bibeltreuen Gläubigen, der das Wort Gottes liebt und es mit ihm genau nimmt, dennoch wichtig, auch in bezug auf die Stellen, in denen moderne Bibeln gegenüber den älteren abweichen, Klarheit zu bekommen.

Immerhin sind mindestens 15 ganze Verse, die im Textus Receptus bezeugt sind, in modernen Grundtextausgaben und den meisten ihnen folgenden Bibeln weggelassen, an 185 Stellen wurden wichtigere Versteile gestrichen; in 212 Fällen wurden Namen und Titel Gottes und des Herrn Jesus Christus wie „Herr“, „Jesus“, „Christus“ oder „Gott“ gestrichen. Dazu kommen mehr als 280 Textveränderungen, die auf den Inhalt der biblischen Aussage Einfluß haben. Über 2.000 Unterschiede zwischen dem NA-Text und dem TR haben einen Einfluß auf die Übersetzung. Laut E. Fowler (Evaluating Versions of the New Testament) wurden 3.602 Wörter aus dem TR bei NA (genauer: Nestle 23. Aufl.) weggelassen, 3.146 verändert, 976 hinzugefügt (der Textus Receptus umfaßt etwa 140.000 griechische Wörter).

Insgesamt ist der NA-Text um 2.886 Wörter kürzer als der TR. Das würde einer Bibel entsprechen, bei der der 1. und der 2. Petrusbief fehlt. (Zahlenangaben nach D. A. Waite, Defending the King James Bible, Bible for Today, Collingswood, N.J. 2. Aufl. 1996, S. 41-42). Solche Veränderungen sind bestimmt nicht als „unwichtig“ oder „untergeordnet“ zu bezeichnen. Die Frage ist berechtigt: Woher kommen sie?

Wir wollen in dieser Schrift möglichst kurz und einfach erklären, wie die Unterschiede im NT der verschiedenen Bibeln zustandegekommen sind und was geistlich hinter den textkritischen Veränderungen des überlieferten Textes der Reformation steckt. Wir möchten begründen, weshalb der über Jahrhunderte bewährte Text der reformatorischen Bibeln (der auch der Text der Täufergemeinde, der Waldenser sowie der von Gott gesegneten Erweckungsbewegungen im 17. und 18. Jahrhundert war) auch heute noch der vertrauenswürdige, zuverlässige Text ist, den bibeltreue Gläubige annehmen können und sollen.

Es ist nicht möglich, in dieser kurzen Aufklärungsschrift auf alle z. T. komplizierten Einzelheiten dieses Themas einzugehen. Wir haben bewußt im Rahmen dieser Einführung auf ergänzende Zitate, Fußnoten usw. verzichtet. Viele Informationen finden sich nur in englischsprachigen Veröffentlichungen, während es im Deutschen leider wenig Schriften gibt. Der Verfasser, der selbst sieben Jahre lang an der Revision der Schlachterbibel mitarbeitete, hat sich über mehrere Jahre mit diesem Thema beschäftigt und einige weitere Broschüren geschrieben, die dem interessierten Leser empfohlen seien. In ihnen findet der Leser auch ausführliche Belege für die hier gemachten Angaben sowie Literaturhinweise (s. Angaben auf der Umschlagseite 3).

Im Gegensatz zu manchen extremen Befürwortern des Textus Receptus aus den USA, die manchmal auch als „King-James-Only“-Anhänger bezeichnet werden, ist es ein Anliegen des Verfassers, daß die geistliche Prüfung der Frage, welches der bewahrte und zuverlässige Grundtext des Neuen Testaments ist, nicht zu Parteistreit, Verleumdungen und Spaltungen unter bibeltreuen Gläubigen führt.

Hier geht es um ernste Dinge, die eigentlich nur von geistlich mündigen Gläubigen richtig beurteilt werden können. Unterschiedliche Auffassungen in der Grundtextfrage dürfen nicht zu Meinungsstreit, Besserwisserei oder Trennungen mißbraucht werden, wie es z. T. geschieht. Ein geistlicher Umgang mit diesen Dingen schließt ein, daß man die Überzeugung anderer Gläubiger respektiert; das gilt allerdings für beide Seiten.
Besser ein Patient CHRISTI als ein Doktor der Theologie!

Offline Roland

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #24 am: 11 September 2012, 21:27:27 »
Zitat
Nimmt man den Text des Codex Sinaiticus, der im NT vollständig ist, dann hat man einen Text, der mit höchster Wahrscheinlichkeit ein nahezu mit dem Grundtext identischer Text ist.

Besonders im 2. bis 4. Jahrhundert n. Chr. kamen zahlreiche Irrlehrer und falsche Strömungen in der Gemeinde JESU auf. Gewaltige Kämpfe um die biblische Lehre von CHRISTUS und andere grundlegende Themen brachen auf.
Es entstanden gefälschte ("apokryphe") Evangelien und Apostelbriefe. Irrlehrer wie Marcion und Tatian scheuten nicht davor zurück, auch Verfälschungen im Text der Heiligen Schriften vorzunehmen, um ihre Ansichten zu stützen.

Einige Forscher schreiben Origenes einen großen Einfluß auf die Handschriften des Sinaiticus und Vaticanus zu.
Diese Handschriften wurden vermutlich von Kaiser Konstantin bei dem Origenes-Verehrer Eusebius von Caesarea in Auftrag gegeben, der sie nach den textkritischen Grundsätzen seines Meisters gestalten ließ. So kamen gnostische und andere verderbliche Einflüsse der alexandrinischen Überlieferung in diese Handschriften hinein.

Codex Sinaiticus ("Aleph"): Diese Handschrift aus dem 4. Jh. gehört zu den berühmtesten und angesehensten. Sie wurde im 19. Jh. von Tischendorf in einem Abfalleimer des St.-Katharinenklosters am Berg Sinai entdeckt. […]

"Der Text, der zahlreiche Singulärlesarten [= Textformen, die nur Sinaiticus aufweist, R. E.] (und Flüchtigkeiten) enthält, wurde von Tischendorf stark überschätzt, er steht im Wert hinter dem von B deutlich zurück (...)" [20].

Dieses Eingeständnis ist recht vornehm und beschönigend formuliert.
Burgon zählt allein in den Evangelien 1.460 Lesarten, die keine einzige andere Handschrift aufweist – das heißt fast 1.500 Fälle, in denen dieser "Zeuge" auch nach den Maßstäben der Textkritik sich höchstwahrscheinlich geirrt hat!
Die Handschrift wimmelt von offensichtlichen Abschreibfehlern und Nachlässigkeiten wie Auslassung ganzer Zeilen und Wörter. […]

Mindestens 10 Korrektoren waren bemüht, einen Teil dieser Fehler später in Ordnung zu bringen. [21]

Schwerer noch wiegt, daß Sinaiticus, entstanden unter dem Einfluß des Origenes, zahlreiche Auslassungen und Veränderungen hat, die auf absichtliche Beeinträchtigung durch Anhänger von Irrlehren hindeuten.


Codex Vaticanus (B): … Die Qualität der Abschrift ist etwas besser als bei Sinaiticus, obwohl auch hier viele Schreibfehler und Nachlässigkeiten vorkommen. Allein in den Evangelien enthält B 589 Lesarten, die sich nur bei ihm finden. […]

Der Textforscher Herman Hoskier stellte fest, daß sich Sinaiticus und Vaticanus in den Evangelien an 3.036 Stellen widersprechen! [23]
Auf eine normale Bibelseite umgerechnet wären das etwa 30 widersprechende Stellen pro Seite!

[...]



[20] Aland/Aland, Der Text..., S. 118.

[21] Belege dafür bei Burgon, The Revision Revised, Nachdruck, Collinswood N.J. (Dean Burgon Soc. Press) o.J., S 12; vgl. auch Mauro in Fuller (Hg.), True or False? The Westcott-Hort Textual Theory Examined, Grand Rapids (Institute for Biblical Textual Studies), S. 72-80.

[22] Der Kommentar von Aland/Aland zu diesem „wissenschaftlich begründeten“ Vorurteil von Westcott und Hort anläßlich Mt 21,28: „(...) hier führt ihre Bevorzugung von B (Codex Vaticanus) sie (wie so oft) in die Irre.“ Der Text..., S. 262.

[23] vgl. William P. Grady, Final Authority, Schererville, Indiana (Grady Publications) 7. Aufl. 1995, S. 98.



Konstantin Tischendorf und der Codex Sinaiticus


Konstantin Tischendorf (1815 - 1874) gehört unter Theologen zu den größten Gelehrten des 19. Jh. Er entdeckte u. a. den „Codex Sinaiticus,“ eine sehr gut erhaltene griech. NT- Handschrift aus dem 4. Jhdt., die heute von vielen eine der „besten“ Handschriften genannt wird und oft zum Korrigieren des traditionellen NT hergenommen wird.
 
Stellvertretend für viele singt Prof. Dr. Otto Paret ein Loblied auf ihn: „Tischendorf [...] ist aber nicht nur durch diese Entdeckung berühmt geworden, er hat den Kodex entziffert und veröffentlicht und ebenso viele andere alte Handschriften der Bibel. Er gehört zu den Männern, die sich um die Kenntnis des Buches der Bücher besonders große Verdienste erworben haben...“ (1)
Nach einem Studium an der Universität Leipzig sah es Konstantin (von) Tischendorf (2) als seine Berufung an, das NT gegen Angriffe zu schützen, indem er den Text des NT rekonstruierte. Er schreibt: „Endlich bin ich am Vorabend der Vollendung des NT. .. Vor mir steht eine heilige Lebensaufgabe, das Ringen um die ursprüngliche Gestalt des Neuen Testaments.“ (3)
Sein Schwiegersohn L. Schneller tritt ganz in die Fußstapfen des berühmten Schwiegervaters: „Und doch war hier endlich der Ritter gekommen, der das Dornröschen der alten Handschrift aus 1000jährigem Schlaf erwecken sollte.“  (4)

Tischendorf forschte tatsächlich in den bedeutendsten Bibliotheken Europas: Paris, London, Venedig, Mailand, Turin, Modena, Florenz, Neapel, Rom. Man pries ihn als neuen Stern auf dem Gebiet der Paläographie (Kunde ältester Schriften). Als alle Büchereien des Abendlands durchforscht waren, richtete er seinen Blick auf das Morgenland.
Im April 1844 reiste er von Italien nach Ägypten ab. Da viele Klöster von den Scharen Mohammeds geplündert worden waren, zog es ihn in den Sinai. Dort steht das 1300jährige Katharinenkloster (erbaut 530 n. Chr.), das nie zerstört worden war. Hier hoffte er auf die Möglichkeit, einen Schriftenschatz aus dem frühesten Christentum aus dem „Dornröschenschlaf“ zu wecken.
 
„Mit hochgespannten Erwartungen betrat Tischendorf diese Bibliothek, das Ziel seiner langjährigen Sehnsucht. Rings an allen vier Wänden standen auf hölzernen Ständern geschriebene und gedruckte Bücher. Hier mußte der Schatz liegen. Buch für Buch nahm er herunter und prüfte es aufs eingehendste. Aber wenn er auch manches Wertvolle fand, ein geschriebenes NT war nicht da. Recht enttäuscht gab er es endlich auf zu suchen. Er hatte ja alles gesehen, was er mit so brennendem Verlangen gesucht hatte.
Als er schon entmutigt hinausgehen wollte, sah er mitten in dem Raum einen mächtigen Papierkorb stehen, der mit allerlei Abfällen, Papieren und Buchresten gefüllt war. Um nichts zu versäumen, leerte er den Korb und prüfte seinen Inhalt. Lächelnd stand der Bibliothekar Kyrillos dabei und sagte: ‚Schon zweimal ist dieser Korb in der letzten Zeit mit solchem alten Zeug gefüllt gewesen, aber wir haben alles ins Feuer geworfen, damit es uns nicht länger im Wege stehe. Auch diese dritte Füllung soll demnächst ins Feuer wandern.’ Währenddessen nahm Tischendorf ein Stück nach dem andern in die Hand und prüfte es.

Da durchfuhr es ihn plötzlich mit freudigem Schreck. Da lag im Korb eine Anzahl von griechisch beschriebenen Pergamentblättern von größtem Format! Sein geübter Blick erkannte sofort, dass sie von höchstem Alter sein mussten. Er kannte ja von seinen europäischen Forschungen her die Merkmale der ältesten Handschriften. Es war kein Zweifel, hier lag eine Schrift von urältestem Adel vor ihm. In tiefster Bewegung prüfte er den Inhalt. Und was fand er? Es waren 129 große Pergamentblätter aus der Septuaginta, der bekannten griech. Übersetzung des Alten Testaments. Es war ja freilich nicht das Neue Testament, das zu suchen er ausgezogen war. Aber auch dieser Fund war von allergrößtem Wert.“ (5)

Bei einem dritten Besuch des Katharinenklosters im Jahre 1859 fand er weitere 198 Blätter des AT sowie das komplette NT in einer uralten Fassung. Dieser Fund wurde später als „Codex Sinaiticus“ zusammengefasst und von Tischendorf als ein „Schatz von unbezahlbarem Wert“ bezeichnet.
 
Es ist zu beachten, dass diese Entdeckung in einem orthodoxen Kloster stattfand. Ein Christ beschreibt seinen Eindruck dieser Stätte (1987) wie folgt:
„Meine Frau und ich nahmen an einer Expedition teil, die den Berg Sinai bestieg. Auf dem Herabweg besichtigten wir das Kloster der Heiligen Katarina am Fuß des Berges. Ich war betroffen von dem unheimlichen und sogar satanischen Aussehen dieses Klosters. Die Schädel toter Mönche aus allen Jahrhunderten sind in einem großen Raum aufgehäuft. Dieser Haufen Schädel ist über zwei Meter hoch. Das Skelett eines Mönchs ist an eine Tür neben diesem Schädelhaufen gekettet, als zeitlose Wache sozusagen. In der Sakristei des Klosters hängen Straußeneier an der Decke, Lampen erleuchten die gespenstische Atmosphäre nur spärlich, und seltsame Zeichnungen und unbiblische Gemälde verzieren das ganze Gebäude. [...] Als ich vor dem Schaukasten stand, in dem sich der Sinaiticus befunden hatte, [...] hatte ich den bestimmten Eindruck, dass nichts, was geistliches Licht brächte, von diesem Ort kommen könnte.“ (6)
Der Herausgeber fügt hinzu: „Sogar die umnachteten Mönche, die an diesem dämonisch bedrückten Ort wohnten, hielten es [den Codex Sinaiticus] nur für des Verbrennens würdig.“ (7)
 
Auch zu Tischendorfs Zeit blieben negative Reaktionen auf den Fund nicht aus. Es liegt in der Natur des Menschen, Neues zunächst kritisch aufzunehmen. Als die Badewanne erfunden wurde, meinten einige Ärzte, sie solle für den Privathaushalt verboten werden!

Bibelgläubige Christen haben hier einen Vorteil. Anstatt ratlos zwischen „Für und Wider“ zu schwanken, können wir die Bibel als Maßstab aller Dinge betrachten und sollten in der Lage sein, schnell zu beurteilen, in welche Richtung der Fortschritt führt bzw. was zum Segen GOTTES verwandt werden kann und was nicht.
 
Es ließen sich drei Hauptkritiker vernehmen. In England behauptete ein Mann namens Simonides, er habe die Handschrift als Geschenk für Kaiser Nikolaus selbst angefertigt. Er wurde bald als Betrüger entlarvt.

In Russland kritisierte ein Mönch namens Prophyrius Uspenski den Text der Handschrift selbst, da hier „Christus weder der Sohn der Jungfrau Maria, noch der Sohn Gottes sei, auch nicht habe, was der Vater hat, dass er nicht der Sünderin verziehen habe und nicht gen Himmel gefahren sei.“ (8)
Wie gehabt, treue Zeugen, die die Auslassungen kritisierten, gab es schon immer!

Schließlich meldete sich ein evangelischer Theologe im sächsischen Kirchen- und Schulblatt zu Wort. Der Originalartikel liegt uns leider nicht vor, nur Tischendorfs Erwiderung. Der wirft dem Theologen vor: „...de[n] unverständlichen Eifer einer bornirten Gläubigkeit, die an dem nach [...] Erasmus zu allgemeiner Verbreitung gelangten neutest. Urtext [...] mit kindischer Gottesfurcht hängt.“ (9)  Ein Vorwurf, den ich mir gerne machen lassen würde!
 
Natürlich kann man einen Konflikt erst dann fair beurteilen, wenn man beide Seiten gehört hat. Lassen wir also Tischendorf für sich selbst sprechen:
„Haben doch gewisse Leute schon längst gemeint, die ganze kritische Wissenschaft sei nichts als eine Ketzerei: aus den alten vergilbten Pergamenten könne nichts Gutes kommen; denn bringen sie, was wir schon haben, wozu brauchen wir sie? Bringen sie aber etwas anderes, so sind sie nach Omars 10 Grundsätzen am Besten im Feuer aufgehoben. Ist's doch in der That auch viel bequemer, sich eine von Jahrhundert zu Jahrhundert fortgeschleppte Krankheit gefallen zu lassen, als im Staube der Bibliotheken von Ost und West, von Nord und Süd so bedenkliche Heilkräfte aufzuspüren.“ (11)

Diese Einstellung klingt recht fortschrittlich und scheint begrüßenswert zu sein. Wir sehen nur ein kleines Problem: was der große Gelehrte als „fortgeschleppte Krankheit“" bezeichnet, ist das Neue Testament mit dem Evangelium unserer Seligkeit! Ob Herr Tischendorf trotz aller Frömmigkeit diesem Evangelium teilhaftig geworden war?
„Trotz alledem hat die Gnade des Herrn die Erfüllung meines sehnlichsten Wunsches gewährt, und schon jetzt tritt jene ehrwürdige Greisengestalt, auf deren Haupte 1500 Jahre lasten, in schöner Verjüngung und mit dem Kranze des Siegers geschmückt, fröhlich in die Welt. Sie erstand aus langer Grabesnacht, um den Geschlechtern dieser Zeit, so viel ihrer nach den Worten des ewigen Heils verlangen, als ein treuer, als ein Urzeuge von diesen Worten, wie sie aus der Hand der Apostel gegangen, nahe zu treten.“ (12)

Tischendorf scheint sich hier aufrichtig zu freuen, dass seine Arbeit am NT den Menschen nützen wird. Allein es bleibt die Frage, wie er auf die Idee kam, die Bibel sei jemals im Grabe gewesen?
 
Tischendorf fährt fort: „Sodann sollte das noch so vernachlässigte Gebiet der christlichen Apokryphen, die mit der Geschichte des heiligen Textes in engem Zusammenhange stehen und reiches Licht über Dogmengeschichte, kirchliche Gebräuche, christliche Kunst verbreiten, durch die ausgedehntesten Quellenforschungen aufgehellt und bereichert werden. [...] Ferner erschien, nach einer in Holland gekrönten Preisschrift über den Ursprung und die Wichtigkeit der apokryphischen Evangelien, ein Band mit den apokryphischen Evangelien und ein anderer mit den apokryphischen Apostelgeschichten, während derjenige mit den sämtlichen noch unedirten apokryphischen Apokalypsen [...] zum Drucke vorliegt." (13)
Was Tischendorf hier ernsthaft zu seiner Verteidigung anführt, wirkt bei näherer Betrachtung beinahe ironisch. So, da hat er also große Verdienste erlangt, alle möglichen „apokryphischen“ Schriften der Welt zugänglich zu machen. Meint er, damit GOTT einen Dienst getan zu haben?

Denn es wird eine Zeit sein, da sie die heilsame Lehre nicht leiden werden... Und werden die Ohren von der Wahrheit wenden und sich zu den Fabeln kehren. (2.Tim. 4,3-4)
 
Wir wollen die Gelehrsamkeit Tischendorf gar nicht bezweifeln, auch nicht sein Engagement an seine selbst gestellte Lebensaufgabe. Aber es fällt schwer, einen Mann, der das selig machende Evangelium (1. Kor. 15) als „Krankheit“, „Greisengestalt“ und „erstanden aus langer Grabesnacht“ bezeichnet, als GOTT ehrenden Christen zu betrachten.
Konstantin Tischendorf wollte uns glauben machen - wie viele Gelehrte von heute auch noch - GOTTES Wort sei verloren gewesen und nach langem „Dornröschenschlaf“ wieder neu entdeckt worden.
Das ist nicht mehr als ein Gelehrtenmärchen - die „Mär vom Dornröschenschlaf der alten Handschriften“ eben.
 
Fußnoten
(01) „Tischendorf-Erinnerungen,“ Ludwig Schneller, Verlag der St.-Johannis-Druckerei, Lahr, 1954, S. 7
(02) Tischendorf bekam als Auszeichnung für seine Verdienste vom russischen Kaiser den erblichen Adel verliehen und wird deshalb in dem Buch seines Schwiegersohnes „von Tischendorf“ genannt. Unter Theologen ist jedoch „Tischendorf“ üblich.
(03) „Tischendorf-Erinnerungen“, a.a.O., S. 11-12
(04) a.a.O., S. 23
(05) a.a.O., S. 44-45
(06) “Way of Life Encyclopedia of the Bible and Christianity”, Hrsg. David W. Cloud, Washington, 1993, S. 56
(07) a.a.O., S. 56
(08) „Die Anfechtungen der Sinai-Bibel“, Constantin Tischendorf, Leipzig, 1863 zitiert aus einem Nachdruck in „Hellenischsprachige Darstellungen der Geschriebenen“ F.H. Baader, Schömberg, 1993, S. 212
(09) „Waffen der Finsternis wider die Sinai-Bibel. Zunächst an die Leser des sächsischen Kirchen- und Schulblatts", Constantin Tischendorf, Leipzig, 1863, zitiert aus "Hellenischsprachige Darstellungen der Geschriebenen“ a.a.O., S. 221
(10) Bei „Omar“ handelt es sich nicht um einen Druckfehler. Wir zitieren Tischendorf in Original-Schreibweise, daher auch „That“, „bornirt“ und „edirt“.
(11) „Die Anfechtungen der Sinai-Bibel“ a.a.O., S. 213
(12) „Waffen der Finsternis wider die Sinai-Bibel,“ a.a.O., S. 239
(13) a.a.O., S. 238-239
Besser ein Patient CHRISTI als ein Doktor der Theologie!

Offline Roland

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #25 am: 11 September 2012, 21:47:07 »
Zitat
Von Fälschung zu sprechen in den gängigen Bibelübersetzungen ist nicht gut, denn es können Menschen die erst zum Glauben kommen, unsicher werden.
Hier habe ich andere Erfahrungen gemacht. Junge Gläubige haben in diesem Punkt oft ein sehr gutes geistliches Urteilsvermögen - die Probleme haben die "alten" Christen.

Zitat
Wenn man es tut, dann sollte man die Ausgaben mit Namen nennen:
Das ist nicht zweckmäßig, denn fast alle deutschsprachigen Bibelübersetzungen basieren auf dem korrupten NA-Text.

Zitat
Zum Beispiel: Neue Welt Übersetzung der ZJ, das Gerber NT usw.
Die NWÜ der ZJ basiert auf dem textkritischen Apparat von Westcott & Hort, Nestle, den Du hier befürwortest.
Deine Aufzählung möchte ich noch ergänzen mit "Volxbibel" und der DaBhaR-"Übersetzung" von F. H. Baader.

Shalom
Roland
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Offline Jose

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #26 am: 11 September 2012, 23:33:06 »
Lieber "Pilger",
über deinen "Einstiegsbeitrag" habe ich mich sehr gefreut. Würden die Gläubigen sich nach dem richten, was in einer Schlachter 2000 oder in der Rev. Elberfelder steht, dann sähe es anders aus in den Gemeinden.

Das Problem ist nicht der TR oder NA, aber wenn wie zulassen, dass der Eindruck entsteht, machen wir uns schuldig. So meine Meinung, die ich durch den Austausch hier gewonnen habe.

Desweiteren kenne ich nachwievor keine unbestreitbaren, also wirklichen Argumente für den textus receptus.

Herzliche Grüße,
José

Offline Jose

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Bibelübersetzungen - Übersetzungsprinzipien
« Antwort #27 am: 12 September 2012, 12:50:19 »
Mit diesem Thema „Grundtexte für Bibelübersetzungen“ fing ich an mich zu beschäftigten im Zusammenhang mit der Irrlehre der Wiedererlangungslehre. Dort hat Roland einen für mich sehr hilfreichen Beitrag geschrieben.

Zitat von: Roland
Vielleicht noch einige Gedanken zum Thema "Übersetzungsprinzipien":

Exegetische Differenzen sollten nicht überflüssigerweise in die Übersetzung einfließen. Was der Grundtext offen lässt, sollte auch die Übersetzung offen lassen. Wenn man meint, der Kontext würde eine bestimmte exegetische Deutung fordern oder nahelegen, kann man das ja in die Fußnoten schreiben (und selbst da wäre es am besten, wenn beide Positionen genannt werden, dann kann die Übersetzung von beiden Seiten benutzt werden, und sie wird nicht dazu missbraucht, für eine bestimmte Theologie zu werben).

Eine Übersetzung sollte sich nicht unnötig von dem entfernen, was geschrieben steht, es hat schon einen Sinn, dass es im Grundtext so steht, wie es steht, wir wissen ja schließlich, dass er so von GOTT inspiriert ist, und wenn es IHM gefallen hätte, jene Hinzufügung hinzuzusetzen, hätte ER es ja getan - ER hat es aber nicht, und so müssen wir an dem dran bleiben, was geschrieben steht. Ich finde, das gilt mindestens in den Fällen, wo es eine eindeutige Entsprechung im Griechischen geben würde. Über alles andere lässt sich m. E. diskutieren.
 
Das heißt nicht, dass man nicht in Auslegung oder Verkündigung Stellung beziehen kann, wie eine Stelle gemeint sei. Aber da, wo es um Übersetzung geht, enthalte ich mich einer solchen Diskussion, weil ich mich ganz darauf konzentrieren will, den Grundtext möglichst passend ins Deutsche bringen. Das soll nicht heißen, dass exegetische Überlegungen für die Übersetzung unwichtig wären, sondern dass man, wenn man genügend exegetisch überlegt, man zu dem Ergebnis kommen wird, dass die beste Lösung darin besteht, so nah am Grundtext zu bleiben, wie es die Zielsprache ermöglicht und fordert (entsprechend den Regeln für Ausgewogenheit, über die wir uns oben sozusagen geeinigt haben).
 
Ich finde es gut, wenn in Fußnoten Übersetzungsalternativen angegeben werden - und zwar nicht nur an gelegentlichen Stellen, wie es bei vielen Übersetzungen der Fall ist, sondern regelmäßig und vollständig.


Den ganzen Beitrag siehe: hier


Es stellt sich für mich so dar, dass die Übersetzer Unklarheiten in den Grundtexten nutzen, um ihre eigene Überzeugungen hineinzulegen. Dies kann zu massiven Verfälschungen führen, wie bei der NWÜ der ZJ, aber dieses Urteil war in der Weise, wie bei der NWÜ, nie gerechtfertigt gewesen den Verantwortlichen der Elberfelder-Übersetzung gegenüber, auch wenn dort, an manchen Stellen, auch eigene Erkenntnisse mit eingeflossen sind.

An dich, Roland, noch mal den Appell:
Schmeiß bitte die Elberfelder-Übersetzung nicht in den gleichen Topf wie die NWÜ. Ich kann es mir eigentlich auch nicht vorstellen, dass es von dir so beabsichtigt ist. Schließlich hast auch du zugegeben, dass die Qualität der Übersetzung gut ist, z.B. hier.

Herzliche Grüße,
José

Pilger

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #28 am: 12 September 2012, 14:34:19 »
Lieber Jose,
es wäre schade wenn irgendjemand eine Bibel wegwerfen würde, denn alle unsere gängigen Bibeln sind lesenswert.

Dazu ist es immer gut, wenn man verschiedene Aussagen hat. Noch besser natürlich, man hat sich selber griechisch beigebracht oder man hat Wörterbücher ect.

Ich wiederhole mich:
Der NA ist der Versuch, die vielen Handschriften zu einem Text zusammenzubringen und in den Fußnoten aufzuzeigen, wie die verschiedenen Handschriften Lesarten haben.

Die NA gegen irgendeine Handschrift einzusetzen oder umgekehr ist deshalb mumpitz.

Auch die angeblich 300 gefälschten Stellen sind Unsinn, denn wenn in einer Handschrift des 14. Jahrhunderts eine Lesart steht, die in einer Handschrift des 3./4. Jahrhundert nicht steht, wen glaube ich dann eher? :D

Siehe dazu eine interessante Aussage darüber:
http://www.grundtexte.de/index.php?option=com_attachments&task=download&id=288

Liebe Grüße
Pilger

Offline Roland

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Re: Grundtexte für Bibelübersetzungen
« Antwort #29 am: 12 September 2012, 18:33:25 »
Hallo José,
Zitat
An dich, Roland, noch mal den Appell:
Schmeiß bitte die Elberfelder-Übersetzung nicht in den gleichen Topf wie die NWÜ. Ich kann es mir eigentlich auch nicht vorstellen, dass es von dir so beabsichtigt ist. Schließlich hast auch du zugegeben, dass die Qualität der Übersetzung gut ist, z.B. hier.

gerne will ich meine Aussage noch einmal differenzieren:

Die rev. EÜ hat eine ähnliche Textgrundlage wie die NWÜ der Z. J., d. h. hier gibt es durchaus Parallelen.
Die rev. EÜ ist keine tendenziöse Übersetzung wie die NWÜ der Z. J., d. h. hier verbietet sich ein Vergleich.

Shalom
Roland
Besser ein Patient CHRISTI als ein Doktor der Theologie!