Autor Thema: Die Wiedererlangungslehre  (Gelesen 20899 mal)

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Offline Jose

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Die Wiedererlangungslehre
« am: 19 Februar 2012, 15:14:06 »
Hat sich schon jemand mit Wiedererlangungslehre des Living Stream Ministry beschäftigt, in Deutschland vertreten durch Lebensstrom e.V.?

Nach allem, was ich bislang weiß, ist die Wiedererlangungslehre eine Irrlehre, allerdings eine gut versteckte. Weitere Infos zu dem Verständnis von Lebensstrom e.V. über die Wiedererlangung, siehe hier: Die Wiedererlangung der Gemeinde.


Warum mir das Thema am Herzen liegt

Vor ca. 8 Jahren hatte ich Gemeinschaft mit einem Bruder, der sich später dem Lebensstrom e.V. anschloss. Er sprach immer wieder davon, dass es sich dabei um eine Gemeinde handelte, aber so richtig konnte er mir das nicht erklären, zumindest zu dem Zeitpunkt nicht. Nachdem ich mich etwas auf der Webseite von Lebensstrom e.V. informiert hatte, riet ich ihm ab, sich dafür zu öffnen, aber irgendwann verlor sich leider der Kontakt.

Letztes Jahr hatte ich in zwei Foren viel Austausch mit einem anderen Bruder, den ich sehr schätzen lernte. Leider verlor sich auch hier der Kontakt. Ich wunderte mich zwar zuweilen über manche, für mich ungewohnte Ansichten und Überzeugungen, aber es gibt leider zu verschiedenen Themen zuweilen Erkenntnisunterschiede. Bedenklich wird es, wenn es sich um wichtige Lehren handelt.

Irgendwann fiel mir auf, dass der zuletzt genannte Bruder Bibelstellen aus der "Wiedererlangungssübersetzung" zitierte, und da fiel mir der Lebensstrom e.V. wieder ein. Auch der Name von Witness Lee war bereits einige Male erwähnt worden. Wenn auf der Webseite von Lebensstrom e.V. von "Übersetzung und Herausgabe der Bibel" die Rede ist (siehe gelbe Markierung von mir), dann ist genau diese "Wiedererlangungsübersetzung" bzw."Recovery-Version" gemeint.


Auf der Webseite ist unter "Über uns" zu lesen:

Zitat

Lebensstrom e.V. ist ein 2002 gegründeter, eingetragener Verein, mit Sitz in Berlin.

Laut der Satzung ist der Zweck des gemeinnützigen Vereins „die Förderung des christlichen Glaubens, wie er in der vollständigen Heiligen Schrift, der Bibel, offenbart wird. Dies schließt die Förderung des Evangeliums ein, das die Person und das Werk von Jesus Christus zum Inhalt hat, und die Förderung der Einheit der Christen.“

Dieser Zweck wird u.a. durch die Übersetzung und Herausgabe der Bibel und an der Bibel orientierter Literatur in der deutschen Sprache und in anderen Sprachen, verwirklicht.

Lebensstrom e.V. vertreibt in der deutschen Sprache und im deutschsprachigen Raum, die Veröffentlichungen von Living Stream Ministry, einem christlichen Verlag, der hauptsächlich die Werke von Watchman Nee und Witness Lee veröffentlicht.


Quelle: http://lebensstrom.com/ueber-uns.html


Wie eingangs erwähnt, nach allem, was ich bislang weiß, ist die Wiedererlangungslehre eine Irrlehre, allerdings eine in symbolische Aussagen gut versteckte, die aber das Verständnis in verkehrte Richtungen lenkt und somit für ein falsches Bibelverständnis öffnet. Es fällt mir schwer zu denken, dass Watchman Nee für diese Enwicklung verantwortlich war und denke hier eher an sein Mitarbeiter, Witness Lee.

José
 


Offline Roland

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Re: Die Wiedererlangungslehre
« Antwort #1 am: 01 März 2012, 00:21:15 »
Hallo José,

soweit ich weiß, geht es hier um die sog. "Ortsgemeinden". Die Ortsgemeinden gehen massgeblich auf den Dienst von Witness Lee (1905-1997) zurück, der ein Mitarbeiter von Watchman Nee war. Witness Lee war für die Gemeinden, die ihm loyal anhingen, die absolute Autorität.

In Europa haben sich die Ortsgemeinden schon Mitte bis Ende der 80er Jahre von Witness Lee getrennt. Der deutsche Verlag der Ortsgemeinden, der Strom-Verlag, gibt keine Schriften von Witness Lee mehr heraus. Sein Verlagsprogramm besteht somit zur Hauptsache noch aus Schriften von Watchman Nee. Der Strom-Verlag gibt ausserdem eine Zeitschrift mit dem Titel “Die goldenen Leuchter” heraus. 

Der Verlag "Dienst im Lebensstrom" (Berlin und Adlikon bei Zürich) hält weiterhin an den Lehren von Witness Lee fest  und vertreibt seine Schriften. Dieser Verlag gibt die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift "Der Lebensstrom" heraus.

In den Schriften von Witness Lee (bzw. in den seinen Anschauungen verbundenen Ortsgemeinden) findet man folgende Irrlehren:

- ]Lehre des Modalismus: Vater, Sohn und Heiliger Geist sind 3 Stufen der Gottheit, d.h. der Vater wurde der Sohn, und der Sohn wurde der Heilige Geist

- der Geist und nicht die Bibel ist letzte Autorität (Sinnestheologie): es geht um innere Empfindungen; Lehre sei nicht nötig (darum ist Lee‘s Lehre uneinheitlich und z.T. schwierig zu beschreiben), man solle nicht forschen.

- in jedem nicht-wiedergeborenen Menschen wohne Satan

- Jesus Christus war nicht wahrer Gott und wahrer Mensch, sondern eine Mischung aus beidem

- Gemeinde wird Gott im Fleisch

- Taufwiedergeburtslehre (Taufe=Wiedergeburt)

- Ortsgemeinden als einzige wahre Gemeinden

- Spezielle Art des Bibellesens und Betens: “Beten-Lesen” (mystisch-meditativ; z.B. zu Gal 2,20: “Lobt den Herrn”, “Ich bin mit Christus gekreuzigt”, “Halleluja”, “Mit Christus gekreuzigt”, “Amen”, “Ich bin”, “Oh, Herr, ich bin Gekreuzigt”, “Trotzdem”, “Amen”, “Trotzdem”, “Ich lebe”, “Oh Herr ich lebe”, usw.)


Die Ortsgemeinden leiten ihren Namen von ihrer Lehre ab, dass es an einem Ort nur eine einzige Gemeinde geben könne. Sie lehnen den Denominationalismus zu recht ab, schaffen aber dadurch, dass sie ihre Gemeinden an den einzelnen Orten “Die Gemeinde in …” nennen, trotzdem eine neue Denomination.

Shalom

Roland
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Offline Jose

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Die Wiedererlangungs-Übersetzung
« Antwort #2 am: 03 März 2012, 15:01:29 »
Bearbeitet

Vielen Dank für deine Antwort, Roland. Finde ich sehr hilfreich.

Ausgehend davon habe ich kein gutes Gefühl, wenn ich an die Wiedererlangungs-Bibelübersetzung denke. Ich muss befürchten, dass darin die eigene Lehre hineininterpretiert wurde, wie es auch bei der Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas der Fall ist.

Hast du dich schon mal mit der Wiedererlangungs-Übersetzung beschäftigt?

Gottes Segen,
José

Nachtrag am 29/04/2015:
Auf Sermon-Online fand ich eine Zusammenstellung über Lehren von Witness Lee  die fast vollständig identisch zu dem Beitrag von Roland ist:  hier
« Letzte Änderung: 29 April 2015, 21:44:12 von Jose »

Offline Roland

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Re: Die Wiedererlangungslehre
« Antwort #3 am: 04 März 2012, 21:01:22 »
Hallo José,

ich kenne die Übersetzung nicht. Ich habe mal gegoogelt, aber sie scheint auch nicht online verfügbar zu sein.

Zu den Bibelübersetzungen: Ich denke, dass es keine Bibelübersetzung gibt, die völlig "neutral" ist, d. h. es wird immer wieder Lehre in den übersetzten Text hineininterpretiert. Unterscheiden würde ich allerdings zwischen diesen Übersetzungen und tendenziösen Übersetzung, d. h. die Bibelübersetzung wird komplett einem theologischen Lehrgebäude angepasst (wie z. B. die Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas).

Auffallend ist, dass Allversöhnungsirrlehrer die konkordante Übersetzungsmethode (z. B. Konkordantes NT, Dabhar-Übersetzung) bevorzugen. Auch hier wird versucht, die Allversöhnungs-Irrlehre in die Übersetzung zu integrieren. Daher würde ich jedem Christen raten, beim Bibelstudium verschiedene Übersetzungen zu benutzen.

Shalom
Roland
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Offline Jose

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Re: Die Wiedererlangungs-Übersetzung
« Antwort #4 am: 05 März 2012, 23:49:53 »
Zitat von: Roland
ich kenne die Übersetzung nicht. Ich habe mal gegoogelt, aber sie scheint auch nicht online verfügbar zu sein.

Danke für deine Antworten, Roland.
Ich meinte, zumindest das NT Online gefunden zu haben, aber wohl nur in Englisch. Fand ich auch wieder hier: http://online.recoveryversion.org/.

Wenn ich mir z.B. Johannes 3,16 anschaue, nach der Wiedererlangungs-Übersetzung:
Zitat

For God so loved the world that He gave His only begotten Son, that every one who believes into Him would not perish, but would have eternal life.

so fällt mir das "in Ihm hineinglauben" auf. In der Erklärung dazu heißt es auch:
Zitat

Believing into the Lord is not the same as believing Him (6:30). To believe Him is to believe that He is true and real, but to believe into Him is to receive Him and be united with Him as one. The former is to acknowledge a fact objectively; the latter is to receive a life subjectively.


Ich kann die Schriften von Witness Lee nicht empfehlen. Eine Bibelübersetzung, die soviel ich weiß besonders er geprägt hatte, ebenfalls nicht. Ich befürchte, dass es viele suchende Gläubige gibt, die sich in das gefährliche Fahrwasser der Lehren des LSM begeben haben. Mögen sie dadurch nicht untergehen sondern wieder zum Herrn finden.

Gottes Segen,
José
 

Offline Roland

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Re: Die Wiedererlangungslehre
« Antwort #5 am: 06 März 2012, 21:15:56 »
Hallo José,

die Übersetzung "hineinglauben" als Bezeichnung für den Heilsglauben kann ich nachvollziehen. Ich finde, dass Joh. 3,16 völlig korrekt übersetzt ist (besser als in vielen herkömmlichen Bibelübersetzungen)

Neben dem Heilsglauben gibt es noch andere Arten von Glauben, z. B.

- Glaube als Frucht des GEISTES
- Glaube als Glaubenslehre
- Sinnloser Glaube
- Glaube als Charisma des GEISTES

Der Heilsglaube (oft in der Bibel mit Artikel) ist   d e r   Glaube schlechthin. Das Wort GOTTES fügt dabei oft bestimmt Präpositionen bei, um deutlich zu machen, was der Heilsglaube bedeutet.

In Joh. 3,16 steht die griechische Präposition EIS, was eigentlich "Hineinglauben" bedeutet.
In Apostelgeschichte 20,21 lesen wir von PISTIN EIS, was wörtlich "Hineinglauben" bedeutet.

Der Heilsglaube wird auch PISTEOS EN genannt, was "glaube in..." heißt. Es ist ein Glaube, der sich in einer Sache befindet oder sich in einer Sache offenbart, der irgendwo zu Hause ist, der in einer Sache drinsteht (z. B. Römer 3,25).

Der Heilsglaube wird auch durch eine andere Präposition deutlich gemacht. Das NT spricht von ihm auch als "Glaube auf...." - PISTEOS EPI. Dieser Glaube baut auf etwas auf. Wir können sagen: Es ist ein Glaube mit Fundament. er ist Antwort auf GOTTES Anruf.

Wieder eine andere Präposition zeigt einen anderen Akzent des Heilsglaubens: PISTIS PROS, d. h. "Glaube zu......". Der rettende Glaube ist ein zielorientierter Glaube. Er stellt das ganze Leben unter das Endziel (z. B. 1. Thessalonicher 1,8).

Der Heilsglaube hat also diese verschiedenen Akzente. Manchmal wäre es m. E. gut, wenn in einer evangelistischen Bibelarbeit/Predigt den orientierungslosen Menschen gezeigt würde, was Heilsglaube eigentlich bedeutet.

Shalom
Roland
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Offline Jose

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Den Glauben Christi haben
« Antwort #6 am: 06 März 2012, 23:35:41 »
Hallo Roland.
Ich habe beides kennengelernt: Ein gesundes Verständnis der Heiligen Schrift, welches durch die Kenntnisse der hebräischen und griechischen Sprache noch bereichert wird; und Irrlehren, welche durch Veränderungsmöglichkeiten in der Sinngebung eines Wortes oder Satzes, entstanden sind. Dazu zähle ich unter anderen die Sonderlehren von Witness Lee, von denen du bereits einige gelistet hast.

Persönlich lege ich keinen besonderen Wert auf die Erforschung der griechischen Sprache und den damaligen Gebrauch der grammatikalischen Regeln usw., als entscheidend, um zu einem richtigen Verständnis des Glaubens zu gelangen. Dennoch habe ich mir zum letzten Geburtstag die Elberfelder-Studienbibel mit Sprachschlüssel und Handkonkordanz gewünscht. Es ist sehr kostbar, wenn man z.B. zum Wort Glauben die vielfältigen Möglichkeiten liest. Aber wer seine Bibel kennt und Gemeinschaft mit Gott hat, wird durch den Heiligen Geist in die richtige Erkenntnis hineingeführt, so meine Überzeugung. Während, ohne den Heiligen Geist, alle Gelehrsamkeit nichts nützt.

"Zu jener Zeit begann Jesus und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen verborgen und es Unmündigen offenbart hast" Mt 11,25, diese und andere Aussagen Jesu zeigen mir deutlich, dass mehr dazu gehört, den richtigen Glauben zu haben. Was Glaube ist, zeigt mir die Bibel, im Vorbild Jesu und in der Lehre der Apostel und Propheten.

Ich benutze vorrangig die rev. Elberfelderübersetzung, und wenn ich z.B. dieses Wort lese: "Meine Brüder, habt den Glauben Jesu Christi, unseres Herrn der Herrlichkeit, ohne Ansehen der Person!" Jak 2,1 (es kann auch übersetzt werden: o. den Glauben an Jesus Christus), so finde ich doch die erste Wiedergabe sehr kostbar: So zu glauben, wie Jesus geglaubt hat, so zu leben, wie Jesus gelebt hat, seinem Vorbild nachzueifern in allen Stücken. Wer so glaubt und lebt, glaubt nicht verkehrt, und da fehlt mir noch viel dazu.


Gottes Segen,
José

Offline Roland

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Re: Die Wiedererlangungslehre
« Antwort #7 am: 07 März 2012, 23:01:56 »
Hallo José,

danke für Deine Antwort. Natürlich reicht für das "normale" Christenleben die Heilige Schrift in der Muttersprache aus. Für die Nachfolge JESU braucht man nicht unbedingt den Grundtext.

Hier geht es jedoch um die Beurteilung einer Bibelübersetzung. Wie willst Du eine Bibelübersetzung beurteilen, wenn Du nicht den Grundtext heranziehst.

Natürlich verbreitete Witness Lee Irrlehren. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist: Werden die Irrlehren in die Wiedererlangungs-Übersetzung hineingetragen? Im Moment befinden wir uns im Bereich der Spekulation, d. h. wir vermuten, dass die einschlägigen Irrlehren in diese Bibelübersetzung Eingang gefunden haben. Allerdings finde ich es wichtig, dass man auch mit dieser Bibelübersetzung fair umgeht, d. h. wir wenn wir das überprüfen wollen, müssen wir das Feld der Spekulation verlassen und uns um harte Fakten kümmern. Diese harten Fakten sind ohne den Grundtext nicht zu bekommen.

Im Moment kann ich nur sagen, dass ich nicht weiß, ob Irrlehren in diese Bibelübersetzung hineingetragen wurden.

Shalom
Roland
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Offline Jose

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Achtung vor der Wiedererlangungs-Übersetzung
« Antwort #8 am: 07 März 2012, 23:40:57 »
Zitat von: Roland
Im Moment kann ich nur sagen, dass ich nicht weiß, ob Irrlehren in diese Bibelübersetzung hineingetragen wurden.

Hallo Roland.
Ich muss zum einen davon ausgehen, denn, wenn Irrlehrer eine eigene Übersetzung benötigen und betonen, dass alle bisherigen Übersetzungen nicht gut genug sind, dann ist es für mich ein Alarmsignal. Zweitens bin ich z.B. an dieser Aussage hängenblieben:

In Apg. 26,27.28 lesen wir in der Recovery-Übersetzung:

27 King Agrippa, do you believe the prophets? I know that you believe.
28 And Agrippa replied to Paul, By so little are you trying to persuade me to become a Christian?
 
Paulus hatte dem König Agrippa vorgehalten: "Glaubst du, König Agrippa, den Propheten? Ich weiß, dass du glaubst" Apg 26,27. Was auch immer hier mit Glauben gemeint ist, es war so viel, dass sich Agrippa nicht entschuldigen konnte, nicht Buße zu tun.

Durch die Übersetzung in der Wiedererlangungs-Ausgabe, die vielleicht sogar "machbar ist", wird Raum geschaffen, für andere Spekulationen.

Das fiel mir auf, als ein Anhänger der Lehren Witness Lees mir antwortete:
Zitat

Zu dem Beispiel von König Agrippa: Die Wiedererlangungsübersetzung schreibt "Apg 26:28 Und Agrippa antwortete Paulus: Mit so geringem Aufwand versuchst du, mich zu überreden". Mit anderen Worten, hat Agrippa gar nichts geglaubt. Die Worte Paulus' prallten so von ihm ab. Sein Herz war verschlossen. Agrippa hörte zwar Paulus reden, verstand seine Worte, er begriff jedoch nicht, dass in dem Augenblick Gott zu Ihm durch Paulus sprach.
Wenn es ihm bewusst wäre, dass Gottes Wort aus dem Mund Paulus ausging, würde er sich nicht weigern umzukehren. Wer ist schon Agrippa gegen Gott?


Ich befürchte, dass es noch viele solche kleine "Anpassungen", die sprachtechnisch vielleicht im Rahmen des möglichen liegen, in der Wiedererlangungs-Übersetzung versteckt sind. Dadurch können eigene (Irr)-Lehren weiter gedeihen.

Gottes Segen,
José
 

Offline Roland

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Re: Die Wiedererlangungslehre
« Antwort #9 am: 11 März 2012, 00:20:47 »
Hallo José,

danke für Deine Antwort.

Zitat
Ich muss zum einen davon ausgehen, denn, wenn Irrlehrer eine eigene Übersetzung benötigen und betonen, dass alle bisherigen Übersetzungen nicht gut genug sind, dann ist es für mich ein Alarmsignal.
Leider sind es gerade Irrlehrer, die sich hier sehr stark engagieren. Beispiele:

- Luther (es gab bereits eine Übersetzung in deutscher Sprache): Er brachte seine eigene Lehre in seine Bibelübersetzung ein. Die LÜ ist im deutschen Sprachraum die mit Abstand am weitesten verbreiteteste Bibelübersetzung.
- Darby u.a.: Auch Darby ist ein Irrlehrer, wie er im Buche steht. Dennoch ist hier eine relativ genaue Bibelübersetzung (wenn man mal die Wahl des Grundtextes nicht berücksichtigt) entstanden.

So könnte man sicherlich fortfahren. Dein Hinweis auf ein "Alarmsignal" kann ich nachvollziehen. Natürlich muss man besonders vorsichtig sein, wenn Sektierer neue Bibelübersetzungen auf dem Markt bringen. Dennoch bin ich der Meinung, dass man sich die Übersetzung ausführlich anschauen sollte, um sich eine Meinung bilden zu können.

Zitat
In Apg. 26,27.28 lesen wir in der Recovery-Übersetzung:
27 King Agrippa, do you believe the prophets? I know that you believe.
28 And Agrippa replied to Paul, By so little are you trying to persuade me to become a Christian?
Schlachter 2000 übersetzt:
27 Glaubst Du den Propheten, König Agrippa? Ich weiß, dass du glaubst!
28 Da sagte Agrippa zu Paulus: Es fehlt nicht viel, und du überredest mich, dass ich ein Christ werde!

Wo genau liegt für Dich hier der Unterschied?

Die Auslegung des W.Lee-Anhängers sehe ich nicht durch die Aussagen der Heiligen Schrift abgedeckt. Hier wird etwas in das Wort GOTTES "hineingelesen".

Vielleicht noch einige Gedanken zum Thema "Übersetzungsprinzipien":

Exegetische Differenzen sollten nicht überflüssigerweise in die Übersetzung einfließen. Was der Grundtext offen lässt, sollte auch die Übersetzung offen lassen. Wenn man meint, der Kontext würde eine bestimmte exegetische Deutung fordern oder nahelegen, kann man das ja in die Fußnoten schreiben (und selbst da wäre es am besten, wenn beide Positionen genannt werden, dann kann die Übersetzung von beiden Seiten benutzt werden, und sie wird nicht dazu missbraucht, für eine bestimmte Theologie zu werben).

Eine Übersetzung sollte sich nicht unnötig von dem entfernen, was geschrieben steht, es hat schon einen Sinn, dass es im Grundtext so steht, wie es steht, wir wissen ja schließlich, dass er so von GOTT inspiriert ist, und wenn es IHM gefallen hätte, jene Hinzufügung hinzuzusetzen, hätte ER es ja getan - ER hat es aber nicht, und so müssen wir an dem dran bleiben, was geschrieben steht. Ich finde, das gilt mindestens in den Fällen, wo es eine eindeutige Entsprechung im Griechischen geben würde. Über alles andere lässt sich m. E. diskutieren.
 
Das heißt nicht, dass man nicht in Auslegung oder Verkündigung Stellung beziehen kann, wie eine Stelle gemeint sei. Aber da, wo es um Übersetzung geht, enthalte ich mich einer solchen Diskussion, weil ich mich ganz darauf konzentrieren will, den Grundtext möglichst passend ins Deutsche bringen. Das soll nicht heißen, dass exegetische Überlegungen für die Übersetzung unwichtig wären, sondern dass man, wenn man genügend exegetisch überlegt, man zu dem Ergebnis kommen wird, dass die beste Lösung darin besteht, so nah am Grundtext zu bleiben, wie es die Zielsprache ermöglicht und fordert (entsprechend den Regeln für Ausgewogenheit, über die wir uns oben sozusagen geeinigt haben).
 
Ich finde es gut, wenn in Fußnoten Übersetzungsalternativen angegeben werden - und zwar nicht nur an gelegentlichen Stellen, wie es bei vielen Übersetzungen der Fall ist, sondern regelmäßig und vollständig.

Shalom
Roland
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Offline Jose

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Re: Achtung vor der Wiedererlangungs-Übersetzung
« Antwort #10 am: 11 März 2012, 14:40:20 »
Zitat von: Roland
Zitat
In Apg. 26,27.28 lesen wir in der Recovery-Übersetzung:
27 King Agrippa, do you believe the prophets? I know that you believe.
28 And Agrippa replied to Paul, By so little are you trying to persuade me to become a Christian?
Schlachter 2000 übersetzt:
27 Glaubst Du den Propheten, König Agrippa? Ich weiß, dass du glaubst!
28 Da sagte Agrippa zu Paulus: Es fehlt nicht viel, und du überredest mich, dass ich ein Christ werde!

Wo genau liegt für Dich hier der Unterschied?

Wenn wir die deutsche Übersetzung uns anschauen, siehe mein vorheriger Beitrag, oder auch selber den Text übersetzten, dann bedeutet es in der Wiedererlangungs-Übersetzung: "Mit so wenig versuchst du, mich zu überreden, ein Christ zu werden?". Das widerspricht dem, was Paulus dem Agrippa vorhielt, nämlich, dass Agrippa den Propheten glaubte. Ganz offensichtlich aber, wehrte er sich gegen sein Gewissen.

Paulus rang um diesen Mann, wie es auch aus seinen Worten hervorging: "Paulus aber sprach: Ich möchte zu Gott beten, dass über kurz oder lang nicht allein du, sondern auch alle, die mich heute hören, solche werden, wie auch ich bin, ausgenommen diese Fesseln" Apg 26,29. Es war nicht wenig, es war viel was Paulus dem Mann sagte, und das wurde ganz deutlich in der Aussage des Agrippa: "In kurzem überredest du mich, ein Christ zu werden" Apg 26,28. Auch wenn er hier von überreden spricht, so bekannte er dadurch, dass sein Gewissen getroffen war.

Ich habe die Sorge, dass die Recovery (Wiedererlangsübersetzung) "in Kleinigkeiten", die aber für die Wiedererlangungslehre wichtig sind, genauso verfälscht ist. Es sind aber dann eigentlich keine Kleinigkeiten mehr.

Bereits 2004, als ich mich mit dem LSM beschäftigen musste, distanzierte ich mich davon. Insbesondere auch wegen dieser neuen Übersetzung. Diese Einführung hatte mich besonders stutzig gemacht (Seite existiert leider nicht mehr, hatte ich mir aber damals ausgedruckt) http://www.lebensstrom.com/J0hannes_intro.htm, als ich las:
Zitat
Die Übersetzung der Bibel hängt nicht nur von einem angemessenen Erfassen der ursprünglichen Sprache ab, sondern auch vom rechten Verständnis der göttlichen Offenbarung im heiligen Wort.

Dieses "rechte Verständnis" erkenne ich nicht.

Gottes Segen,
José


Offline Roland

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Re: Die Wiedererlangungslehre
« Antwort #11 am: 11 März 2012, 16:25:55 »
Hallo José,

danke für Dein Posting. Jetzt habe ich Dein Anliegen verstanden.

Beide Übersetzungsmöglichkeiten (Es fehlt nicht viel bzw. mit wenigem) sind möglich. Entscheidend für den Übersetzer ist der Kontext.

Die Lesart des Codex A (= Alexandrinus) PEITHE statt PEITHEIS würde Agrippas Antwort nur einen ironisch abweisenden Sinn geben: "Du bildest dir wohl ein, mich eins, zwei, drei zum Christen zu machen." Offensichtlich greift die Wiedererlangungsübersetzung hier auf A zurück. Die Übersetzer sind wohl der Ansicht, dass der König eine Verzögerungstaktik benutzt. Eine halbe Stunde Ansprache reicht nicht aus, um ein Christ zu werden, argumentierte er. Im 1. Jh. war das Wort "Christ" wahrscheinlich verächtlich gemeint (1. Petrus 4,16).

Dieser Sinn ist für mich jedoch durch die Entgegnung des Paulus ausgeschlossen. Vielleicht wäre eine bessere Übersetzung:

Meinst du, du könntest mich überzeugen, nach solch einer kurzen Zeit Christ zu werden?

Als Agrippa das Dilemma erkannte, in dem er steckte, konterte er mit einer Gegenfrage.

Ich habe mir 3 konkordante Übersetzungen angeschaut. 2 KÜ übersetzen wie die Wiedererlangungsübersetzung, 1 KÜ übersetzt wie Schlachter 2000.

Wahrscheinlich liegt es an der Wahl des Grundtextes. Weißt Du, ob die Übersetzer der Wiedererlangungsübersetzung die konkordante Übersetzungsmethode anwenden?

Zitat
Die Übersetzung der Bibel hängt nicht nur von einem angemessenen Erfassen der ursprünglichen Sprache ab, sondern auch vom rechten Verständnis der göttlichen Offenbarung im heiligen Wort.
Diese Einstellung halte ich allerdings für sehr bedenklich. Denn das bedeutet, dass nicht die wortgetreue Übersetzung des Grundtextes die Grundlage für die Übersetzung bildet, sondern exegetische Überlegungen. Wie will man eine Übersetzung überprüfen, wenn die Übersetzer argumentieren, dass es sich dabei um eine göttliche Offenbarung handelt?

Diese Argumentation erinnert mich an die Greber-"Übersetzung". Greber war ehemaliger katholischer Pfarrer und Spiritist. Er stellte sich Dämonen als Schreibmedium zur Verfügung. Interessanterweise "übersetzte" Greber Johannes 1,1 wie die Zeugen Jehovas mit "ein Gott". Die Zeugen beriefen sich auch jahrzehntelang auf die Greber-"Übersetzung" als Referenz und verschwiegen allerdings, dass es sich hierbei um eine spiritistische "Übersetzung" handelte. Greber gründete auch seine eigene spritistische "Kirche". Wenn Zeugen bei uns zu Besuch sind und wir auf Johannes 1,1 zu sprechen kommen, zeige ich die Veröffentlichungen des Wachtturms und das Vorwort zur Greber-"Übersetzung". Dann sind sie immer schnell weg..........

Die Übersetzer der Wiedererlangungsübersetzung scheinen in die gleiche Falle wie Greber zu tappen..... :'(

Shalom
Roland
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Offline Jose

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Wiedererlangungs-Übersetzung (Grundtext von Nestle-Aland)
« Antwort #12 am: 11 März 2012, 17:27:37 »
Hallo Roland.
Es freut mich, dass du nun mein Anliegen verstanden hast. Vermutlich warst du bislang auf der "wissenschaftlichen" ;) Ebene und hattest daher in meinem Beitrag zu dem Thema mein Problem nicht gleich erfasst.

Zitat von: Roland
Wahrscheinlich liegt es an der Wahl des Grundtextes. Weißt Du, ob die Übersetzer der Wiedererlangungsübersetzung die konkordante Übersetzungsmethode anwenden?

Auf der Seite vom Lebenstrom e.V. steht dazu:
Zitat

Der Text ist genau nach dem griechischen Grundtext von Nestle-Aland, 26. Auflage, übersetzt und in heutigem Deutsch geschrieben.

Quelle: http://lebensstrom.com/eine-bibel-die-man-verstehen-kan/uebersetzung.html


Ich sollte mich mit dem Thema Grundtexte - die aber nicht mehr die ursprünglichen Schriften sind, mehr beschäftigen. Vor einigen Monaten habe ich zwar das sehr interessante Buch von Monika und Rainer Kuschmierz gelesen: Handbuch - Bibelübersezungen - Von Luther bis zu Volxbibel, herausgeben von R. Brockhaus, konnte mir aber vieles noch nicht merken.

Gruß und Gottes Segen,
José


Offline Roland

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Re: Die Wiedererlangungslehre
« Antwort #13 am: 11 März 2012, 18:07:21 »
Hallo José,

Zitat
Der Text ist genau nach dem griechischen Grundtext von Nestle-Aland, 26. Auflage, übersetzt und in heutigem Deutsch geschrieben.
Dann liege ich mit meiner Vermutung richtig, denn die Bibelübersetzungen, die sich mehr oder weniger stark auf den "Nestle-Aland"-Text beziehen, stützen sich auf einige wenige oberägyptische Handschriften (dazu gehört auch der erwähnte Codex A).

Shalom
Roland
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Offline Jose

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Re: Wiedererlangungs-Übersetzung (Grundtext von Nestle-Aland)
« Antwort #14 am: 12 März 2012, 22:01:37 »
Danke für deine sehr hilfreichen Erläuterungen, Roland. Mir scheint, der Grundtext von Nestle-Aland ist überhaupt nicht empfehlenswert.

Zwischenzeitlich gibt es von Neste-Aland bereits die 27: Ausgabe von Nestle-Aland. Ich hoffe, Apg. 26,28 richtig zitiert zu haben:
Siehe Anlage.

Hat man dazu gelernt? Es handelt sich hier ja auch nicht wirklich um den Grundtext, daher sollte man m.E., begründete und nachgewiesene neue Erkenntnisse einfließen lassen. Oder ist meine Überlegung falsch?

Gruß und Gottes Segen,
José

Editiert, weil das Zitat nicht mehr lesbar war (Zeichensatzproblem)
« Letzte Änderung: 20 April 2015, 20:58:26 von Jose »