Autor Thema: Caspar von Schwenckfeld - der schlesische Reformator und seine Botschaft  (Gelesen 3721 mal)

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Offline Jose

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In den letzten Tagen habe ich von Paul Gerhard Eberlein das Buch gelesen: "Ketzer oder Heiliger? Caspar von Schwenckfeld - der schlesische Reformator und seine Botschaft", herausgegeben von dem Ernst Franz Verlag Metzingen/Württ. Ich fand es eine sehr aufschlussreiche Lektüre und eine neue und bereichernde Sicht in die Zeit der Reformation und kann das Buch sehr empfehlen.


Aus der Inhaltsangabe:

Die Zeit der Reformation. Der schlesische Adlige Caspar von Schwenckfeld wi11 - von Luther inspiriert - der Reformation zum Durchbruch verhelfen. Er mischt sicb aber auch in die theologischen Auseinandersetzungen um die neue Lehre ein: ein unbequemer Mann, ein Querdenker, ein Reformator mit eigener Lehre. In der Abendmahlsfrage steht er Zwingli näher, in anderen Fragen hält er es mit Luther - und streitet mit beiden. Er kritisiert die Verfolgung der Wiedertäufer, macht sich dadurch der Irrlehre und des Aufruhrs verdächtig und wird verfolgt. Er ist gezwungen, sein Heimatland Schlesien zu verlassen. Von seiner Lehre nimmt er nichts zurück. In Straßburg findet er zunächst Gehör; doch wird er vertrieben, als seine Überzeugung dem politisch motivierten Kompromiß in Glaubensfragen im Weg steht. Auch in Ulm kann er nicht bleiben. Viele Jahre seines Lebens ist er von einem Zufluchtsort zum anderen unterwegs: Esslingen, Stetten im Remstal, Köngen, Justingen, Öpfingen, Memmingen, Kempten, Augsburg und anderswo. Seine Anhänger werden verfolgt und treffen sich verborgen in den Häusern: in »Konventikeln« - den späteren »Stunden« des Pietismus vergleichbar.
Wenig Spuren nur finden sich an den Orten seines früheren Wirkens. Aus Schlesien werden seine Anhänger vertrieben und vom Grafen Zinzendorf aufgenommen. Ein kleiner Rest wandert nach Amerika aus und gründet eine eigene Kirche, die heute noch besteht. Doch Schwenckfeld ist heute weithin vergessen. Das Leben dieses kompromißlosen, eigenständigen Laientheologen bleibt faszinierend. Paul Gerhard Eberlein zeichnet es nach und stellt dar, warum dieser Verfolgte und Vertriebene weitgehend verkannt wurde. Nicht nur sein Leben, auch seine Lehre ist der Erinnerung wert. Schwenckfelds bleibende Bedeutung besteht in der Forderung nach Glaubens- und Gewissensfreiheit, nach einer Neugeburt aus dem Geist Gottes, nach Früchten des Glaubens und nach der Entfaltung der Gaben des Geistes. Seine Konventikel als Keimzelle des Gemein¬delebens haben sich ebenso durchgesetzt wie seine Forderung nach einer vom Staat unabhängigen Kirche. So ist der schlesische Reformator auf erstaunliche Weise aktuell geblieben.
Bei dieser Würdigung von Leben und Wirken Schwenckfelds geht es nicht nur darum, ihn zu rehabilitieren und vor dem Vergessen zu bewahren, sondern auch um sein Vorbild für uns Christen von heute in der Tiefe und Weite der Gotteserkenntnis und seine Vorstellung einer Lebenserneuerung in der Einheit mit Christus in den Blick zu bekommen.

Zum Autor:
Geboren 1928 in Schlesien; Studium der evangelischen Theologie in Tübingen und Göttingen; Pfarrer in Württemberg und Frankreich;
Vorsitzender der Johann-Heermann-Stiftung; Mitarbeiter in der Gemeinschaft evangelischer Schlesien Veröffentlichungen: »Reichenbacherpredigten« (1985), »Momentaufnahmen - Namibia und Südafrika in der Wendezeit« (1988).


José

Offline Roland

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Ein interessanter Beitrag. Von Schwenckfeld war mir bisher unbekannt. Beim Recherchieren habe ich folgenden Abschnitt entdeckt:

Zitat
Ferner predigte er das „innere Wort“ (1527) und stellte sich gegen die kirchliche Christologie und Luthers Lehre von der Rechtfertigung. Diese verstand er als einen religiös-sittlichen Prozess, sprach in der Weise der Mystiker von „geistlichem Fühlen“ der Gnade Gottes und berief sich auf fortwährende göttliche Eingebung. In der Summe ist Schwenckfelds Lehre dem Spiritualismus zuzuordnen.
Quelle: Wikipedia

Ist Dir etwas bekannt über das von Schwenckfelds "geistliches Fühlen und das "innere Wort"?

Shalom
Roland
Besser ein Patient CHRISTI als ein Doktor der Theologie!

Offline Jose

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Die Wirkung des Geistes und die Innewohnung Christi
« Antwort #2 am: 04 Februar 2012, 15:01:11 »
Zitat von: Roland
Ist Dir etwas bekannt über das von Schwenckfelds "geistliches Fühlen und das "innere Wort"?

Hallo Roland. Ich füge anbei noch zwei Auszüge aus dem erwähnten Buch und hoffe, insgesamt nicht gegen den Kopierschutz zu verstoßen. Paul Gerhard Eberlein: "Ketzer oder Heiliger? Caspar von Schwenckfeld- der schlesische Reformator und seine Botschaft", herausgegeben von dem Ernst Franz Verlag Metzingen/Württ.


Im Abschnitt "Verbindungslinien zu Pietismus und Quäkertum" ist auf Seite 209 folgendes zu lesen:

Zitat:

Gottes Geist wirke als die Macht, die Herzen bewegt, erneuert und reinigt, dem Gewissen Genüge verschafft und die geistliche Freude bringt, aus der wiederum wahres christliches Leben fließt. Mit dieser Überzeugung wandte sich Schwenckfeld gegen die Orthodoxie seiner Zeit sowohl in der katholischen Kirche als auch im Luthertum. Auch wenn man sich nicht der Meinung anschließt, daß Schwenckfeld in allen Punkten recht hatte, wird man doch sagen müssen, daß er als kritisches Element gegenüber der herrschenden theologischen Lehre der protestantischen Reformation notwendig, ja unentbehrlich war.



Hilfreich fand ich auf Kapitel V: "ZUSAMMENFASSUNG UND WÜRDIGUNG". Ab Seite 223 ist zu lesen:

Zitat:

Trotz aller theologischen Differenzen und Diffamierungen hat Schwenckfeld die Verdienste Luthers nicht geschmälert. In seiner Auseinandersetzung mit ihm ging es im wesentlichen um folgende Punkte:
  • Während Luther die Predigt von Christus in den Mittelpunkt stellte, setzte Schwenckfeld auf die unmittelbare Wirkung des Geistes.
  • Während Luther das Werk Christi als göttliches Werk für uns wertete, setzte Schwenckfeld auf die Einwohnung Christi im Menschen durch den Geist, die er im mystischen Sinne verstand.
  • Während Luther Wort und Sakrament als Zeichen des Glaubens und der Kirche gelten ließ, verlangte Schwenckfeld die Taufe durch den Heiligen Geist, eine innere Erleuchtung des Menschen, die den »Neuen Menschen« mit den daraus sich ergebenden Früchten des Glaubens schafft.
  • Während Luther die Volkskirche mit Parochialprinzip und landeskirchlicher Organisation bejahte, suchte Schwenckfeld nach der Gemeinde der Glaubenden, die mit Ernst Christen sein wollten.
  • Während Luther das geordnete Predigtamt forderte, setzte Schwenckfeld auf das Priestertum aller Gläubigen.
Schwenckfeld kam es vor allem auf die Erkenntnis Jesu Christi an. Darin bestand für ihn das Wesen des Glaubens. Diese Erkenntnis erschien ihm nur möglich als Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Doch war er sich auch bewußt, daß ein Mensch nicht alle Facetten des Glaubens von einem Augenblick auf den anderen erkennen kann. Darum betonte er die Wichtigkeit des Lernens im Glaubensleben.


José

Offline Jose

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Schwenckfeld und sein Bruch mit Luther
« Antwort #3 am: 04 Februar 2012, 15:21:39 »
Ich fand die untere Aussage im BROCKHAUS über Caspar von Schwenckfeld sehr interessant und übereinstimmend mit den Aussagen im erwähnten Buch.

Zitat:

Schwenckfeld,
Kaspar von, Reformator, *Gut Ossig (bei Lüben) 1489, † Ulm 10.12.1561; wirkte 1518-23 am Hof Herzog Friedrichs II. von Liegnitz für die Ausbreitung der Reformation in Schlesien. Seine Auffassung des Abendmahls als ein (bloßes) geistiges Symbol und sein spiritualistisches Kirchenverständnis führten 1525 zum Bruch mit M. Luther. Als Schwärmer 1529 aus Schlesien vertrieben, hielt er sich bis 1534 in Straßburg und 1535-39 in Ulm auf. Nach der formellen Verurteilung seiner Auffassungen (die denen der Täufer gleichgestellt wurden) auf dem lutherischen Theologenkonvent in Schmalkalden (1540) war Schwenckfeld, von Protestanten und Katholiken verfolgt, den Rest seines Lebens auf der Flucht.

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Dass Schwenckfeld den Täufern gleichgestellt wurde lag besonders daran, weil er sie nicht verurteilte sondern Verständnis für ihre Haltung hatte.

José

Offline Roland

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Hallo José,

danke für die Infos. Damit kann ich mir schon etwas deutlicher ein Bild von ihm machen. Er stellt biblische Positionen der Theologie Luthers gegenüber. Noch eine Frage: Würdest Du ihn als Mystiker bezeichenen?

Shalom
Roland
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Offline Jose

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Schwenckfeld und die Mystik
« Antwort #5 am: 04 Februar 2012, 19:55:37 »
Hallo Roland. Wenn du fragst:
Zitat
Würdest Du ihn als Mystiker bezeichenen?

so möchte ich zurückfragen: Was ist Mystik?

Zitat

Mystik
[zu lateinisch mysticus »geheimnisvoll«, von griechisch mystikós] die, -, ein vielschichtiges, schwer fixierbares Phänomen, das in unterschiedlicher kultureller Ausprägung allen Religionen gemeinsam ist. Mystik bezeichnet eine das alltägliche Bewusstsein und die verstandesmäßige Erkenntnis übersteigende unmittelbare Erfahrung einer göttlichen Realität. In ihren Erscheinungsformen ist Mystik soziokulturell wie geschichtlich eingebunden in religiöse Traditionen, Glaubensformen und Gemeinschaften.

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Nach dem was ich also im BROCKHAUS als Definition lese, würde ich mich selbst als Mystiker bezeichnen, in dem Sinn, dass wir es im Glaubensleben mit etwas zu tun haben, welches unserer Vernunft übersteigt und unser Leben prägt. Ohne mich somit jetzt damit zu beschäftigen, für was Mystik sonst gebraucht wird, war Schwenckfeld in diesem Sinn sicherlich ein Mystiker.


Vielleicht noch interessant ein Artikel aus dem BROCKHAUS über die Schweckfelder:

Zitat

Schwenckfelder,

Schwenckfeldianer, von Anhängern K. von Schwenckfelds gegründete konventikelartige Gemeinschaften. Die Schwenckfelder betonen das freie Wirken des Heiligen Geistes, verstehen die Kirche als unsichtbare universelle Geistgemeinschaft, vertreten eine radikale Ethik im Sinne der Bergpredigt, lehnen Waffendienst und Eid ab und setzen sich für Gewissensfreiheit und Toleranz ein. In Schlesien und Süddeutschland bildeten sich Gemeinden, die im 17. Jahrhundert unter immer größeren Verfolgungsdruck gerieten. In der Folge wandte sich ein Teil der Schwenckfelder ab 1725 der Brüdergemeine in Herrnhut zu, andere Schwenckfelder wanderten ab 1734 nach Pennsylvania aus und gründeten eigene Gemeinden. Diese schlossen sich 1782 zu einem Verband selbstständiger schwenckfeldischer Gemeinden zusammen, der sich 1909 als Schwenkfelder Church in America eine neue organisatorische Gestalt gab. Die Kirche umfasst heute sechs Gemeinden in Südostpennsylvania mit (2003) rd. 2600 Mitgliedern. Zur Pflege des Erbes K. von Schwenckfelds und der schwenckfeldischen Geschichte unterhält die Kirche in Pennsburg (Pennsylvania) das »Schwenkfelder Library and Heritage Center«. Als regelmäßige Publikation wird »The Schwenkfeldian« herausgegeben.

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Der schlesische Reformator
Mir scheint, Schwenckfeld war in seiner Erkenntnis weiter als Luther und die anderen Reformatoren. In dem erwähnten Buch nimmt die Diskussion mit Luther über das Abendmahl einen etwas großen Raum ein, aber vielleicht weil gerade dadurch der Bruch zwischen ihnen kam. Eine Teilnahme am Abendmahl, ohne dass wir Christus in uns haben, war für Schwenckfeld undenkbar. Auch darin war er wohl dem Verständnis der anderen Reformatoren voraus. Für mich war das Buch deswegen besonders wichtig, weil ich mich seit einigen Monaten immer wieder mit der Kirchengeschichte und die Zeit der Reformation beschäftige. Die Beschäftigung mit dem schlesischen Reformator war mir ein echter Segen.

Caspar von Schwenckfeld war mir bis vor wenigen Wochen auch kein Begriff und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nicht einmal wusste, dass ich das Buch über ihn in meinem Bücherregal hatte. Irgendjemand muss es meiner Frau oder mir geschenkt haben, und da ich nicht dazu kam es zu lesen, hatte ich es zu den anderen Biographien gestellt.

Gruß, José
« Letzte Änderung: 05 Februar 2012, 09:06:48 von Jose »

Pilger

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Re: Caspar von Schwenckfeld - der schlesische Reformator und seine Botschaft
« Antwort #6 am: 12 September 2012, 19:27:23 »
Liebe Geschwister,
Schwenkfeld war ein Reformator, wie es Luther hätte sein sollen.
Luther nannte in "Stenkfeld" nachdem dieser nicht zu Luthers Ansichten in punkto Gemeinde oder Kirche und Säuglungstaufe Ja sagte.

Liebe Grüße
Pilger

Offline Jose

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Schwenckfeld und das Abendmahl
« Antwort #7 am: 27 Oktober 2012, 14:25:48 »
Zitat von: Pilger
Schwenkfeld war ein Reformator, wie es Luther hätte sein sollen.

Lieber „Pilger“,
ja, Schwenkfeld ging weiter und wuchs im Glauben, während Luther irgendwann zurückfiel. Luther wurde nicht der Reformator, den er durch Gottes Gnade hätte werden sollen, ohne dass ich dabei die Verdienste Luthers - die Gott durch ihn wirken konnte -, gering achten möchte.

In anderen Themen haben wir uns auch schon über das Abendmahl ausgetauscht. Bei Schwenckfeld hat mich sehr beeindruckt, dass er schon damals die Erkenntnis hatte, dass eine Teilnahme am Abendmahl, ohne dass wir Christus in uns haben, undenkbar sei. Ihm war es auch sehr wichtig, dass die Gläubigen „würdig“ am Mahl des Herrn teilnahmen. Nur Wiedergeborene und in der Heiligung lebende sollten daran teilnehmen. Hierin war er vielen Gläubigen in unseren Tagen weit voraus, bzw. hatte den Stand der Christen in den urchristlichen Gemeinden eingenommen.

Herzliche Grüße,
José

Offline Jose

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War Caspar von Schwenckfeld ein Mystiker?
« Antwort #8 am: 30 Oktober 2012, 10:01:48 »
War Schwenkfeld ein Mystiker oder nicht, und was ist Mystik im Allgemeinen. Das hat mich erneut beschäftigt.

Mit Bezug zu dem Beitrag vom 04 Februar 2012: „Schwenckfeld und die Mystik“, möchte ich nachfragen, warum Mystik im Allgemeinen wohl eher negativ verstanden wird. Selber habe ich mich noch nicht sehr damit beschäftigt.

Auf die „Mystik“ kam ich erneut, weil beim Eröffnen des Themas: „Weltreligionen: Einteilung in Ost und West“, mir in der Gruppe „östliche Religionen“ auch die Eigenschaft: „Mystisch. Betonen, daß der Mensch aus seinem Geist heraus Gott finden muß“, auffiel.

So wie „Mystik“, in den östlichen Religionen verstanden wird - letztlich geht es darum dass der Menschen „in sich“ alles hat und findet, was er zum Heil benötigt -, ist das Suchen nach Gott, wozu alle Menschen von Gott angehalten werden, etwas anderes und kommt daher, weil wir alle Geschöpfe des persönlichen Schöpfers sind und im tiefsten unserer Seele, Verlangen nach unserem „Schöpfer-Gott“ haben.

Diesen Punkt, mit der Mystik, erwähne ich hier, weil ich beim Durchdenken der Beiträge mir erneut Gedanken darüber gemacht habe. Nach allem was ich von Schwenckfeld gelesen habe, war er auf jeden Fall kein Mystiker im Sinne einer östlichen Religion, die in die Selbsterlösung führt.

Herzliche Grüße,
José