Autor Thema: "Bibeltreue" auf dem Prüfstand - KEIN Gemeindebau ohne WACHSAMKEIT  (Gelesen 2071 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline Roland

  • Administrator
  • Benutzer
  • Beiträge: 2567
    • Hauszellengemeinde
KEIN Gemeindebau ohne WACHSAMKEIT

Gemeinde mit Kelle und mit Schwert und einem wachen Geist bauen


Und es geschah, als Sanballat und Tobija und die Araber, Ammoniter und Aschdoditer hörten, dass die Ausbesserung an den Mauern Jerusalems Fortschritte machte, weil die Breschen sich zu schließen begannen, da wurden sie sehr zornig. Und sie schlossen sich zusammen, alle miteinander, um zu kommen und gegen Jerusalem zu kämpfen und darin Verwirrung anzurichten. Da beteten wir zu unserem Gott und stellten eine Wache gegen sie auf, Tag und Nacht zum Schutz vor ihnen.
Nehemia 4,1-3

Die Feinde des Volkes Gottes machten sich niemals auf, um lediglich gegen Gottes Volk zu streiten, sondern sie beabsichtigten stets, Verwirrung unter Gottes Volk zu stiften. Um gegen die listigen Anläufe des Feindes gewappnet zu sein, hat Gott das Gebet verordnet – nicht das Gebet allein, sondern Gebet und Wachsamkeit. Im Buch Nehemia wird dies mit folgenden Worten sehr eindringlich illustriert: Mit der einen Hand arbeiteten sie am Werk, während die andere die Waffe hielt. Und von den Bauleuten hatte jeder sein Schwert um seine Hüften gegürtet, so bauten sie. Und der ins Horn zu stoßen hatte, war neben mir (Neh 4,11-12). Die Israeliten bauten Gemeinde mit der Kelle und dem Schwert und in einem wachen Geist.

Am 1. Januar 1865 brachte Charles Spurgeon die erste Ausgabe seiner Zeitschrift mit dem Titel The Sword and the Trowel - Das Schwert und die Kelle heraus (von seinen Studenten scherzhaft The Soap and the Towel - Die Seife und das Handtuch genannt). Der Untertitel seiner neuen Zeitschrift lautete: „Ein Ruf zum Kampf gegen die Sünde und zur Arbeit für den Herrn.“ Spurgeon war inspiriert durch Nehemia 4,11-12 und wollte einen Beitrag leisten, um nach seinen eigenen Worten "einen gottesfürchtigen Wandel zu fördern, den Irrtum zu entlarven, Zeuge für die Wahrheit zu sein und die Arbeiter im Weinberg des Herrn zu ermutigen."

Auch für den neutestamentlichen Arbeiter im Weinberg des Herrn gilt: Wer erfolgreich Reich Gottes bauen will, muss mit Kelle und mit Schwert bauen - mit Hingabe und als wachsamer Kämpfer für das Wort der Wahrheit. Wer Gemeinde nur mit der Kelle bauen will - mit Aktionismus, Programmen und Eifer ohne Erkenntnis wie es nicht selten in der modernen Gemeindewachstumsbewegung geschieht oder in charismatischen Kreisen, die unreflektiert ihren Stars und deren unbiblischen Lehren (Wohlstandsevangelium u.a.) folgen, wird nach biblischen Maßstäben nur ein schwaches Abbild der wahren Gemeinde hervorbringen.

Derzeit ertönt wieder der Ruf nach sozialem und politischem Engagement der christlichen Gemeinde; dieser Ruf ist nicht nur in der Emerging Church, sondern auch in anderen evangelikalen Kreisen zu vernehmen. Doch Jesus war kein sozialer oder politischer Messias, er war ein Erlöser-Messias. Jesus verkündete, dass Sein Reich nicht von dieser Welt ist. Von der Freiheit, Not zu lindern, den Armen zu helfen, soziale Gerechtigkeit herzustellen oder sich zu politischen Themen aus biblischer Sicht zu äußern, darf jeder Christ mit Fug und Recht Gebrauch machen, doch er sollte sich stets vor Augen halten, dass diese Dinge nicht das Zentrum des Evangeliums darstellen und es keineswegs werden sollten. Wer ausschließlich mit der Kelle des sozialen oder politischen Aktionismus baut, mag die Welt ein wenig besser machen, aber er wird das Reich Gottes kaum vorantreiben.

Eine andere Not unter Gottes Volk ist ebenso häufig anzutreffen. Es sind jene Gemeinden, die nur mit dem Schwert des Geistes, welches ist Gottes Wort, bauen wollen. Mit anderen Worten, sie wollen Gemeinde ausschließlich mit dem Schwert der Bibeltreue bauen und bemerken nicht, wie die Frucht des Heiligen Geistes in der eisigen Kälte ihrer Rechtgläubigkeit und ihrer Traditionen erfriert. Jakobus sagt: Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen. Dieser Selbstbetrug, allein die rechte Lehre sei genug, bringt erstarrte Traditionen und eine kalte Frömmigkeit hervor. Man wird an die mahnenden Worte Jesu erinnert: Der Mensch wurde nicht für den Sabbat, sondern der Sabbat für den Mensch geschaffen. Die Sabbatgebote sind zum Wohl des Menschen und zur Ehre Gottes gegeben. In gleicher Weise ist dem Menschen des Glaubens die Bibeltreue gegeben, damit er sie für sich und andere zum Wohl einsetzt und damit Gott verherrlicht werde.

Wie schnell kann Bibeltreue aber zu einer falschen Selbstsicherheit werden, wenn der Dienst des Wächters unter Gottes Volk verloren geht. Wenn wir nicht wachsam sind und bleiben, wird der Feind unsere größte Stärke in eine Schwäche verwandeln. Bibeltreue ist nur solange unsere Stärke, wie wir weder in kalte und starre Traditionen noch in eine überhebliche Selbstsicherheit geraten. Nichts illustriert dies besser als die Stadt Sardes in der Antike. Als König Cyrus von Persien die Stadt Sardes belagerte, glaubten sich die Einwohner von Sardes in ihrer Felsenfestung, die als uneinnehmbar galt, vollkommen sicher. Cyrus und seine Soldaten wussten kein Mittel, um die Bergfestung einzunehmen. Doch ein aufmerksamer persischer Soldat beobachtete einen sardischen Soldaten, der einen geheimen Pfad ins Tal hinunterstieg. Die Perser führten ihre Streitmacht in der Nacht über den gleichen Pfad nach oben. Am sardischen Wachposten angelangt, stellten sie überrascht fest, dass der Wächter nach Hause gegangen war, weil er - selbstsicher geworden - nicht an einen Angriff des Feindes glaubte. Sardes fiel.
Unglaublicherweise wiederholte sich dieses Schicksal der Stadt Sardes ein Jahrhundert später abermals, als ein griechischer General die Stadt belagerte. Erst nach einem Jahr scheinbarer hoffnungsloser Belagerung, beobachteten die griechischen Soldaten einen sardischen Soldaten, wie er ins Tal hinabstieg. Noch in der gleichen Nacht stiegen griechische Kämpfer in die Stadt hinauf, um erneut zu erfahren, dass die Wächter nicht auf ihrem Posten waren. Die Einwohner von Sardes ereilte abermals das gleiche Schicksal wie in jener Zeit, als die Perser sie besiegten. Jesus nahm diese Geschichte zum Anlass, um die Gemeinde in Sardes zu ermahnen: Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ICH kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ICH über dich kommen werde (Offb 3,3). Eine der größten Stärken, die Felsenfestung der Bibeltreue, kann sich als größte Schwäche erweisen, wenn wir nicht wachsam sind und bleiben. Der Teufel fürchtet sich nicht vor Gottes Wort oder vor unserer Bibeltreue, aber er flieht vor bibeltreuen Christen, die wachsam sind und alle listigen Anläufe des Teufels durchschauen und abweisen.

Satan macht sich Gottes Wort sogar zunutze, um die Gläubigen zu verführen. Die Versuchungsgeschichte Jesu macht dies überdeutlich. Als Satan Jesus versuchte, gebrauchte und verdrehte er Gottes Wort. Jesus antwortete unerschütterlich mit der Wahrheit von Gottes Wort und wird somit im Grunde zum Beispiel par excellence für wahre Bibeltreue. Doch Satan wich weder beim ersten noch beim zweiten Versuch, Jesus mit einer subtil verdrehten Version von Gottes Wort auf Irrwege zu führen. Hartnäckig versuchte er ein drittes Mal, seiner diabolischen Tücke zum Erfolg zu verhelfen. Doch Jesus war und blieb wachsam und wies auch diesen dritten Angriff Satans zurück. Satan fürchtete nicht Gottes Wort und auch nicht die Bibeltreue des Messias. Er wich erst, als er merkte, dass Jesus wachsam jeden Angriff auf die Wahrheit von Gottes Wort parierte. Bibeltreue ohne Wachsamkeit ist auf Dauer nur von geringem Nutzen.
Bibeltreue Gemeinden und Bewegungen werden auf Dauer nicht segensreich für Gott wirken, wenn sie nicht mit der Kelle und dem Schwert bauen und wenn sie dies nicht in einem wachsamen Geiste tun. Im Grunde ist jeder zum Wächterdienst berufen - zunächst zum Wächter für sein eigenes Leben, sodann aber auch für die Gemeinde. Ein besonderer Dienst, den Gott dem Volk Gottes gegeben hat, ist der des Apologeten, des Verteidigers des Glaubens. „Und der ins Horn zu stoßen hatte, war neben mir" – so berichetet das Buch Nehemia. Neben all den Israeliten, die mit Kelle und mit Schwert die Mauern Jerusalems wieder errichteten, gab es auch einen Mann, der nicht Kelle oder Schwert in seinen Händen hielt, sondern ein Horn, in das er zu stoßen hatte, sobald der Feind sich zeigte.

Leider gilt dieser Dienst des Apologeten, des Wächters, heute vielen als „zu kritisch“ oder „zu negativ.“ Um der vermeintlichen Bruderliebe willen, soll man jegliche Lehre oder Strömung in der evangelikalen Gemeinde weder prüfen noch beurteilen. Die brüderliche Einheit ist wichtiger geworden als die göttliche Wahrheit. Wohl stimmt es durchaus, dass es in konservativen Kreisen solche gibt, die Reich Gottes ohne Kelle und mit zwei Schwerten in ihrer Hand bauen wollen oder die ständig das Signal des Horns ertönen lassen, weil sie überall den Feind wittern. Diese verwechseln Bibeltreue mit Rechthaberei und Besserwisserei, und nicht selten sind sie so von ihrer „Rechtgläubigkeit“ überzeugt, dass sie keine andere Ansicht neben ihrer eigenen gelten lassen können.

Wenn der Nächste zu einer Erkenntnis kommt, die er nach langem Forschen und Ringen um die Wahrheit in der Schrift gewonnen hat, dürfen wir die brüderliche Einheit nicht leichtfertig zerstören. Einheit bedeutet nicht Uniformität - wir müssen nicht alle die gleichen Lehren in allen biblischen Fragen vertreten. Sofern Übereinstimmung in den grundlegenden Fragen herrscht, muss man auch die Möglichkeit einräumen, dass man selbst in der einen oder anderen Erkenntnisfrage irren kann. Wohl darf man für die eigene Überzeugung eintreten, indessen sollte man immer ein offenes Ohr und die Bereitschaft zum Prüfen für andere Standpunkte haben.

Trotz manch negativer Auswüchse zeigt die Schrift dennoch, dass der Wächterdienst im Besonderen und die Wachsamkeit im Allgemeinen für das geistliche Leben des Einzelnen wie der Gemeinde von entscheidender Bedeutung ist. Ohne die Apologeten der ersten nachchristlichen Jahrhunderte wie Irenäus, Tertullian, Justin der Märtyrer und andere würde die christliche Gemeinde heute wahrscheinlich nicht mehr existieren, oder sie wäre nur eine Gemeinschaft, die von Religionsvermischung und Okkultismus mit „christlicher“ Beimischung geprägt sein würde.

Wachsamkeit hängt eng mit biblischer Nüchternheit zusammen. Das griechische Wort für nüchtern (nepho) wird von Walter Bauer in seinem Griechischen Wörterbuch zum Neuen Testament so definiert: frei von jedem geistigen und seelischen Überschwang, frei von Überstürzung, Verwirrnis und Exaltiertheit. Ganz offenkundig ist die Charismatik in ihrer extremen Form aus dieser biblischen Nüchternheit gefallen und erlebt einen Abwärtstrend, der mittlerweile selbst unter den moderaten Pfingstlern und Charismatikern heftigen Protest über das eigene Lager hervorruft. Leider muss man hier bemerken, dass in dieser Bewegung manche unbiblische Tendenz verschlafen wurde, statt diese wachsam zu entlarven und ihr entschieden Einhalt zu gebieten.

Doch eine viel gefährlichere, weil subtilere Form von Unnüchternheit ist die immer stärker werdende Mystik. Das Jahr der Stille 2010, eine gemeinsame Initiative verschiedener christlicher Kirchen, Werke und Einrichtungen1 aus einem bunten Gemisch von Katholiken, Protestanten, Charismatikern und Freikirchlern fand Anklang bis unter Christen, die sich im Grunde als bibeltreu betrachten. Es bleibt zu bezweifeln, dass Letztere auch wachsam genug waren, die zum Teil subtilen, zum Teil offensichtlichen Verdrehungen des biblischen Evangeliums wahrzunehmen.

Karl Heim schrieb in seinem im Jahre 1925 erschienen Buch Das Wesen des evangelischen Christentums:
".. mystische Rauschzustände kann man gemeinsam haben unter einer Massensuggestion, aber Wahrheitserkenntnisse und Gewissenserfahrungen sind einsame Erlebnisse. Alles, was ich unter der Suggestion eines Menschen glaube und erlebe, das ist gerade kein Erlebnis mit Gott. Wir können nur durch einen klaren geistigen Akt zu Gott kommen, ... nicht durch untergeistige Rauschzustände. Alle klaren, geistigen Akte lassen sich im Wort aussprechen und entstehen durchs Wort. Wir finden also Gott nur durch das Wort und ein geistiges Vernehmen des Worts, nicht durch wortlose und wortfremde Unendlichkeitsmystik... Immer, wenn wir die großen Vertreter und Vertreterinnen der katholischen Frömmigkeit betrachten, die den höchsten Gipfel der Ekstase erklommen, stehen wir vor dem letzten Entweder Oder, um das sich der Kampf der Religionen in der ganzen Religionsgeschichte dreht. Entweder der himmlische Rausch, den diese Persönlichkeiten erreicht haben, ist wirklich eine Berührung mit Gott. Oder aber wir können Gott nur in einem einsamen geistigen Akt finden, also in nüchterner Klarheit. Jeder von uns steht vor diesem Entweder Oder und muss sich entweder für die eine oder für die andere Auffassung entscheiden."2

Paulus hatte sich festgelegt und eine klare Entscheidung getroffen, als er den Thessalonichern schrieb: Wir aber, die dem Tag angehören, wollen nüchtern sein (1Thess 5,8). Dies zeigt uns zwei wichtige Dinge. Erstens, Paulus schloss sich in die Ermahnung, die er an die Thessalonicher richtete, ein. Er wusste, dass auch er als der große Heidenapostel noch in der Gefahr stand, aus der biblischen Nüchternheit zu fallen. Das sollte allen zu denken geben, die glauben, sie wären aller Gefahr enthoben, aus einem nüchternen Christenleben zu fallen. Zweitens, Paulus war Nüchternheit ein besonderes Anliegen, denn er wiederholte genau diese Ermahnung, nachdem er den Thessalonichern zwei Verse zuvor geschrieben hatte, sie sollten nicht schlafen, sondern wachen und nüchtern sein (1Thess 5,6).

Wachsamkeit und Nüchternheit werden von Paulus in einem Atemzug genannt. Sie sind wie Zwillingsbrüder oder die zwei untrennbaren Seiten einer Medaille. Man kann das eine nicht ohne das andere haben. Wer nicht mehr wachsam ist, hat keine Acht mehr auf geistliche Strömungen, die die Gemeinde in jedem Wind der Lehre hin- und hertreiben wollen. Die Frucht eines solchen Handelns und Denkens ist eine Gemeinde, die niemals zur Mannesreife in Christus gelangen kann und die ebenso schwankt wie ein Mann, der zu viel Wein getrunken hat und nun torkelnd seines Weges zieht. Wer geistlich keine Schlangenlinie gehen oder torkeln will, sondern dem geraden Weg des Evangeliums entschlossen folgen will, muss sich einen wachen Geist bewahren, denn nur ein wacher Geist befähigt, in Nüchternheit und biblischer Geradheit voranzuschreiten.

Mit Kelle und mit Schwert und mit einer nüchternen Wachsamkeit kann das große Werk gelingen, das der Herr uns anvertraut hat. Die Gemeinde kann es sich in diesen letzten Tagen nicht erlauben, ohne diese geistlichen Tugenden des Heiligen Geistes zu bauen. Diese Tugenden sind ein Gnadengeschenk des Allmächtigen und keine Leistung, die aus dem Menschen selbst kommt. Lasst uns flehen um Männer und Frauen, die mit Kelle und Schwert bauen, um Männer, die mit wachem Auge das Horn in der Hand halten und das Signal zum Kampf blasen, wenn der Widersacher naht, damit der Feind weder zerstören noch verwirren kann und auch niemanden durch Mystik und Emotionen betören oder in einen schläfrigen Zustand versetzen kann.
G. W.

Anmerkungen
1 Bibellesebund, Deutsche Bibelgesellschaft, Deutsche Evangelische Allianz, Geistliche Gemeinde Erneuerung (charismatisch), Jesus-Bruderschaft (katholisch), Deutscher Jugendverband EC, die Heilsarmee, u.a.
2 Karl Heim, Das Wesen des evangelischen Christentums, Verlag Quelle & Meyer, Leipzig, 1925, S.68-69.

Quelle: Distomos-news
« Letzte Änderung: 04 Januar 2011, 12:17:49 von Roland »
Besser ein Patient CHRISTI als ein Doktor der Theologie!