Autor Thema: Depressionen  (Gelesen 1472 mal)

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Offline Jose

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Depressionen
« am: 25 Juli 2012, 17:58:24 »
Warum leiden auch Christen oft unter Depressionen? Kann es sein, dass sie z.B. zu hohe Anforderungen an sich stellen?

José

Offline Jose

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Woher kommen Depressionen?
« Antwort #1 am: 25 Juli 2012, 22:18:16 »
Im Laufe der Jahre habe ich einige Menschen kennengelernt, die unter Depressionen leiden, daher mache ich mir über dieses Thema schon seit einigen Jahren meine Gedanken.

Ich habe gelernt, dass Krankheiten, Medikamente oder geerbte Veranlagungen zu Depressionen führen können, darum freue ich mich, wenn es gute Medikamente gibt, die helfen, dass solche Depressionen unter Kontrolle gebracht werden können. Am Besten ist es natürlich, wenn der Herr davon befreit, aber erzwingen lässt es sich nicht.

Ungläubige, aber auch Gläubige können unter Depressionen leiden, selbst solche, die in allen Dingen im Willen des Herrn zu stehen wünschen und von denen ich schon viel gelernt habe. Gerade bei den Gläubigen frage ich mich oft, welche Umstände wohl dazu führen, wenn ihnen der Glaubensblick oder die Freude im Herrn abhanden kommen und sie innerlich sehr oft bedrückt sind

Es gibt mit Sicherheit viele Faktoren, die auch bei Gläubigen zu Depressionen führen können, daher möchte ich mich hier besonders auf die bereits erwähnte Frage konzentrieren:
  • Kann es sein, dass sie z.B. zu hohe Anforderungen an sich stellen?
Hinzufügen möchte ich noch:
  • Kann es sein, dass sie mehr „sein“ wollen, anstatt den Platz einzunehmen, den Gott ihnen zugedacht hat?
  • Kann es sein, dass sie von anderen, die selber stark sind oder sich für stark halten, unter Druck gesetzt werden?

Zum letzten Punkt fällt mir gerade Otto Stockmayer ein, der sicherlich sehr bekannt ist. Sein Andachtsbuch: „Die Gnade ist erschienen“, war eines der ersten Andachtsbücher die ich gelesen habe, schon früh in meinem Glaubensleben. Ich war weit davon entfernt, alles zu erfassen, was darin zu lesen ist, und wenn ich die eine oder andere Andacht wieder lese, kann ich nicht sagen, dass ich mir selber wirklich so abgestorben bin und wirklich so aus dem Glauben lebe.

Vor einigen Jahren las ich aber, dass seine Frau unter seinem konsequenten und strengen Charakter litt, im streben nach echter Heiligung. Sie war wohl eher ein fröhliches Menschenkind und musizierte auch gerne. Stockmayer sah aber wohl darin eine Gefahr, zu emotional zu werden, und mochte es nicht leiden. Dass sie darunter zu leiden hatte, ist für mich persönlich verständlich.

Damit will ich den Dienst des Bruders nicht schlecht machen - hätten wir mehr solche bevollmächtigte Brüder. Aber dürfen wir uns nicht fragen, ob übermäßige Strenge auch zum inneren Schaden von anderen führen kann, anstatt dass sie in Liebe getragen werden?

José

« Letzte Änderung: 26 Juli 2012, 08:07:31 von Jose »

Offline Jose

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Otto Stockmayer: Familienleben
« Antwort #2 am: 27 Juli 2012, 22:53:32 »
In dem Buch: "Otto Stockmayer: Ein Gott geopfertes Leben", las ich auch folgende Schilderung:

Zitat


(10) Familienleben

Hatte Otto Stockmayer, der so ganz für andere lebte, für die Müden, Gedrückten, Kranken, die im Sommer das Schloß füllten, und der im Winter auf weite Reisen ging, um den Ruf zur Heiligung in die großen Städte zu tragen, hatte Otto Stockmayer ein Familienleben? Oder gehörte die Familie auch zu dem, was geopfert werden mußte, zu dem Irdischen, zu dem, was er das Verwesliche hieß?

- Seine Frau Marie Henriette -

• „Mir bleibt nichts als der Strickstrumpf“,
klagte uns einmal die Gattin des Leiters eines christlichen Erholungsheimes. Buchstäblich so ging es der Frau Otto Stockmayers. Die Arbeit ihres Mannes teilten andere. Schwester Emilie war seine rechte Hand in der Seelsorge, der Haushalt war bei Fräulein Emma aufs beste versorgt, andere halfen auf dem Büro. Otto Stockmayer legte keinen Wert darauf, daß seine Frau Marie Henriette mit den Gästen verkehrte, ja er hielt sie ihnen fern. Die Gäste freuten sich wohl, wenn sich oben im Haus etwas Leben zeigte, wenn die Kinder im Hof spielten oder nach den Schäflein sahen, die der Gärtner auf die Weide ließ; aber die Frau lernten sie nicht kennen, sahen sie kaum einmal.

- Beide waren grundverschieden -

Konnte die Frau ein solches Ausgeschlossensein ertragen? Der Haushalt wurde ihr mitbesorgt von den Mädchen im Schloß, besser als sie es selbst hätte tun können, harte Arbeit hätte sie nicht verrichten können; aber den Dienst ihres Mannes miterleben, Gäste des Hauses sehen, wäre ihr wohl eine liebe Aufgabe gewesen; doch die Menschen weilten ja hier im Schloß, um Gott zu begegnen, um mit Ihm allein zu sein. Es war wohl schon in L'Auberson im ersten Jahr ihrer Ehe nicht anders gewesen. Ihr Gatte hatte in seinem großen Eifer und seiner Hingabe an Gott sie nicht hereingenommen in sein Wirken. Er und Gott. Es durfte da kein Mensch dazwischen stehen oder irgendwie im Weg sein, auch der liebste nicht. Seine Gattin konnte mit ihrem zarten Gemüt den hohen Flug ihres Gatten nicht mitmachen, sein starker Geist und sein fester Wille und auch wohl seine Strenge lasteten auf der zerbrechlichen Seele. Grundverschieden waren diese beiden Menschen, die zueinander gehörten und beide Gott dienten.

- Er puritanisch, sie feinsinnig -

Er, der puritanische Mann mit der strengen pedantischen Pünktlichkeit, mit dem starken Glauben und der Selbstaufopferung, dem heiligen Leben, dem alles, was nicht aus dem Worte Gottes stammte, „verweslich" war, und sie, die feinsinnige, stille Frau, die Tochter einer hochbegabten Künstlerfamilie, die bei einem innigen Glauben eine Freude an allem Guten und Schönen besaß, das Gott in die Welt gelegt hatte, an der Natur, am Malen, an guter Musik...

- Wenn Besuch kam, lebte sie auf -

Alles das hätte sie überwinden sollen, wegtun aus ihrem Leben. Da zerdrückte er ihr alles mit seiner starken Hand, bis sie sich immer mehr zurückzog in ihre vier Wände und in sich selber. Ihr blieb außer ihren Kindern in der Tat nichts anderes als die feinen Strickarbeiten, die sie zu machen verstand. Bloß wenn ein Besuch zu ihr kam - und wann ereignete sich das? -, dann lebte sie auf. Ihre Nichte, ein munteres junges Mädchen, kam einmal aus der welschen Schweiz hergereist ins Schloß für eine paar Tage, die Tante zu besuchen. Die Tante liebte die Musik, aber selten nur setzte sie sich ans Klavier; denn ihr Gatte hatte ja keinen Sinn für diese Melodien, die er „seelisch" nannte. Nun war die Nichte da, die Tochter ihres Bruders August Glardon, die ihre Muttersprache mit ihr redete. Sie setzte sich ans Klavier und sang das Ave Maria von Gounod, jenes wunderbare Präludium von Johann Sebastian Bach, über das Gounod ein gefühlvolles Ave Maria geschrieben hat.

- Er sah die Tränen der Frau -

Mit weicher Stimme sang das junge Mädchen:

• Ave Maria gratia plena Benedicta tu...

Marie Henriette saß im Sessel und lauschte; wie hatte es daheim im Elternhaus gesungen und geklungen, auch diese Melodie, und hier lebte sie in einer tötenden Stille! So schön war das, daß ihr die Tränen kamen. Da ging die Tür auf und ihr Mann trat herein, der das Lied gehört hatte. Er sah die Tränen der Frau und verbot dem jungen Mädchen das Singen ein für allemal. Seelisch war das, verweslich! So nahm er ihr auch das!



Es hat mich sehr bewegt, als ich über die Erfahrungen von Stockmayers Frau las. Wer so etwas erlebt, kann entweder JA zu Gottes Wegen und Schule sagen in der Gewissheit, dass es dennoch Sein guter Wille ist, oder aber, gibt sich dem Leiden hin und dann weicht schnell die Freude, schwere Gedanken finden Zugang zu allen Regungen und führen uns letztlich in die Schwermut.

Ob ihr Sohn, der sich das Leben nahm, eine Folge der strengen Erziehung war? Es wäre sicherlich verkehrt, es so einfach behaupten zu wollen.

Was mir persönlich aber seit Jahren wichtig wurde, ist das Anliegen, dass die Verantwortlichen in den Gemeinden, bei allem festhalten an der Wahrheit, nicht meinen, mit übermäßiger Strenge dafür zu sorgen, dass ihre Vorstellungen und Erwartungen befolgt werden. Es geht doch auch darum, noch schwache Gotteskinder, selbst wenn sie zuweilen noch trotzig sind, in Liebe und Geduld zu tragen.


Nachtrag:
Diese Schilderung habe ich hier in der Weise wiedergegeben, weil ich für unsere Tage auch die Gefahr erkenne und mehrfach erlebt habe, dass in den ernsten Gemeinden die Rücksicht auf die Schwachen leider verlorengeht. Die Gemeinde darf nicht nur für die da sein, die feste Speise vertragen, sie muß auch in Liebe auf die Rücksicht nehmen, die noch Milchspeise benötigen bzw. den rauhen Umgang untereinander nicht vertragen, weil sie noch schwach sind.

José

« Letzte Änderung: 29 Juli 2012, 22:10:40 von Jose »

Offline Jose

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Darf ein Christ unter Depressionen leiden?
« Antwort #3 am: 10 November 2013, 20:39:24 »
Das Thema „Depressionen“ ist mir nach wie vor sehr wichtig, besonders da ich in zurückliegenden Monaten sehr damit konfrontiert wurde.

Vorhin las ich zu dem Thema einen interessanten Artikel, der auf der Webseite der Hauszellengemeinde.de: Darf ein Christ unter Depressionen leiden?, veröffentlicht wurde.

Vielleicht ist das Thema auch interessant für andere.

Herzliche Grüße,
José