Autor Thema: Vulgata  (Gelesen 861 mal)

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Offline Jose

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Vulgata
« am: 25 September 2016, 18:47:52 »
Was ist von der Vulgata – Übersetzung zu halten? Es handelt sich dabei um die durch Hieronymus auf Initiative von Papst Damasus I. angefertigte lateinische Bibelübersetzung (Quelle: (c) wissenmedia GmbH, 2010).

In einem anderen Forum bin ich darauf hingewiesen worden, dass die,
Zitat: »Vulgata den Begriff Sohnschaft (z. B. in Röm 8:15.23; 9:4 oder Gal 4:5) mit adoptionem filiorum übersetzt. Von daher gibt es den Begriff Adoption.«

Ich hatte nicht gedacht, dass die Vulgata noch für irgendjemand relevant ist, aber anscheinend doch, jedoch mit dem Ziel, eine Irrlehre zu untermauern.

Offline Roland

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Re: Vulgata
« Antwort #1 am: 08 Oktober 2016, 03:32:21 »
Die Vulgata nimmt ihren Anfang (wie du schon geschrieben hast) mit den Arbeiten des  Hieronymus († 420). Hieronymus steht dort, wo er altlat. Texte nach dem Griechischen revidiert, durchaus in der Reihe der übrigen Bearbeiter, andere – z. B.  Augustin – sind in der Angleichung an das Griechische noch weiter gegangen als er. Die im Auftrag des Papstes  Damasus 383 von Hieronymus durchgeführte Evangelienrevision konnte sich schnell durchsetzen. Gegen die traditionelle Zuweisung auch der übrigen nt. Vulg. an Hieronymus mehren sich die Gegenargumente in immer stärkerem Maße. Von der Revision at. Bücher nach dem Griechischen ist als Ganzes nur die Bearbeitung des Psalters, des Buches Hiob und des Hohen Liedes nach der hexaplarischen LXX erhalten.

Eine neue Wendung in der Geschichte der lat. Bibel bedeutet die Übersetzung des AT aus dem Hebräischen. Die seit 390 erscheinende Übersetzung, die zudem noch mit der bisher in der Vetus Latina geübten wörtlichen Wiedergabe brach und dem klassischen Latein wieder mehr Rechte einräumte, stieß auf Widerstand und hat sich nur sehr langsam durchgesetzt. Den Umfang des lat. Kanons hat das von Hieronymus verfochtene Ziel der »hebraica veritas« überhaupt nicht beeinflussen können: schon er selbst hatte gegen den hebr. Kanon Judith und Tobit mitübersetzt und die Zusätze der LXX zu Daniel und Esther beibehalten. Die übrigen Bücher der LXX behaupteten im altlat. Text ihren Platz im Kanon. Der Sieg des Hieronymustextes war im 8. Jh. entschieden. Die Bibelausgabe  Alkuins († 804) führte zu einer einheitlichen Textform, doch setzte sie an die Stelle der Psalter-Übersetzung aus dem Hebräischen die Bearbeitung nach der hexaplarischen LXX. (Psalterhandschriften des 9. Jh.s bezeichnen diese nun im Unterschied zum Psalt. iuxta Hebraeos als Psalt. Gallicanum, den bei den »Romani« gebräuchlichen altlat. Psalter als Psalt. Romanum.)
   
Alkuins Bibel war bestimmend für den im Hochmittelalter gültigen Text der Pariser Universität, auf dem auch die ersten Drucke fußen. 1546 erklärte das Tridentinum die Vulgata für maßgeblich in Glaubens- und Sittenlehre.
[Quelle: Bibelübersetzungen. Die Religion in Geschichte und Gegenwart, S. 4058
(vgl. RGG Bd. 1, S. 1197) (c) J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)

Johann Heinrich van Eß sah seine Lebensaufgabe in der Verbreitung der Bibel unter dem katholischen Volk. Seine Übersetzungen beruhen auf der Vulgata (NT 1807) und auf den Ursprachen (AT 1822/1836).

Unter Katholiken war die Bibelübersetzung des Joseph Franz von Allioli, Professor für orientalische Sprachen, weit verbreitet und wurde bis zur Erstellung der Einheitsübersetzung in der Liturgie verwendet (1830–1834). Sie beruht auf der Vulgata, berücksichtigt aber in den Anmerkungen den hebräischen bzw. griechischen Text.

Zitat
Zitat: »Vulgata den Begriff Sohnschaft (z. B. in Röm 8:15.23; 9:4 oder Gal 4:5) mit adoptionem filiorum übersetzt. Von daher gibt es den Begriff Adoption.«

Ein sehr interessantes Zitat. Dass Sohnschaft mit "adoptionem filiorum" übersetzt wurde, war mir nicht bekannt.

Maranatha
Roland





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Offline Jose

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Re: Vulgata
« Antwort #2 am: 10 Oktober 2016, 18:41:20 »
Hallo Roland.

Ich kann kein Lateinisch, aber „non enim accepistis spiritum servitutis iterum in timore sed accepistis Spiritum adoptionis filiorum in quo clamamus Abba Pater“ Röm 8,15 (Vulgata), scheint „Adoption“ zu lauten.

Weil du Joseph Franz von Allioli erwähntest, in seine Übersetzung lautet die Bibelstelle: „Denn nicht habt ihr wieder empfangen den Geist der Knechtschaft, um euch zu fürchten, sondern ihr habt (als angenommene Kinder) den Geist der Kindschaft empfangen, in welchem wir rufen: Abba (Vater)!

Dieses (als angenommene Kinder) scheint ein Zusatz zu sein. So hatte ich es bislang nirgends gelesen. „Angenommene Kinder“ sind, so habe ich bei einem Austausch verstanden, nicht wirklich von neuem geboren. Daran erkannte ich, dass die Übersetzung falsch ist.

Offline Roland

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Re: Vulgata
« Antwort #3 am: 10 Oktober 2016, 21:07:24 »
Hallo Jose,

ich denke auch, dass "angenommene Kinder" nicht bedeutet, dass sie von neuem geboren sind, sondern dass es sich um eine Art "Adoption" handelt.

Ich habe mir die Stelle bei Allioli hier angeschaut. Leider gibt es für den eingeklammerten Zusatz keine Erklärung Aliolis. Ich gehe davon aus, dass er mit der Klammer deutlich machen wollte, dass dieser Zusatz keine Übersetzung aus dem griechischen Grundtext ist, sondern dass dieser aus theologischen Gründen hinzugefügt wurde.

Maranatha
Roland
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Offline Jose

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Vulgata und Adoption
« Antwort #4 am: 22 Oktober 2016, 19:27:31 »
Adoption oder Wiedergeburt

Über das Wort Adoption war ich zunächst gestolpert, als jemand die Frage der Wiedergeburt als Voraussetzung für die Gotteskindschaft und Errettung in Frage stellte. Ich wurde auf ein Schaubild über die Heilsordnung hingewiesen: hier, und da fiel mir das Wort Adoption auf.

Auch wenn ich von Reformierten einiges gewohnt bin (das Bild befindet sich auf eine Evangelisch-Reformierte Baptistengemeinde), die Aussage über Adoption statt Wiedergeburt war mir doch überraschend neu. Insgesamt ist die Reihenfolge in dem Schaubild sehr seltsam, wenn beispielsweise Erneuerung vor Bekehrung und Rechtfertigung kommt. Es liegt hier m.E. ein grundsätzlich verkehrtes Verständnis des Heilswegs vor. Im Grunde, und das ist tragisch, eine ungenügende Glaubenshoffnung.