Autor Thema: Lutherische Theologie zur Vorherbestimmung - Konkordienformel (1577)  (Gelesen 5037 mal)

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Offline Jose

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Über die Vorherbestimmung wurde und wird viel diskutiert. Im BROCKHAUS las ich mal eine interessante Aussage, die in mir das Interesse weckte, mehr über die lutherische Theologie zu dem Thema Prädestination zu erfahren.

Der Artikel aus dem BROCKHAUS lautet:
Zitat (nur einen Auszug aus dem Artikel)

Prädestination

Der südgallische Presbyter Lucidus (gestorben nach 474) und Gottschalk von Orbais entwickelten die augustinische Lehre weiter zu der einer doppelten Prädestination (der Erwählten zum ewigen Leben, der anderen zur Verdammnis). Im Prädestinationsstreit zwischen Gottschalk und seinen Gegnern Hinkmar von Reims sowie Johannes Scotus Eriugena wurde die augustinische Position im Sinne einer einzigen Prädestination, nämlich der zum Heil, präzisiert. Die Reformatoren nahmen den Gedanken einer doppelten Prädestination im Kontext der Verborgenheit Gottes und der Unerforschlichkeit seines Willens erneut auf und modifizierten ihn. Bei J. Calvin und in der reformierten Theologie (modifiziert erst bei K. Barth) wurde die Prädestination zur zentralen Wahrheit, die als unwiderstehlich und teilweise auch als aus dem Lebenserfolg erfahrbar galt. Dazu im Gegensatz betont die lutherische Theologie seit der Konkordienformel (1577) die grundsätzliche Prädestination des Menschen zum Heil.

(c) wissenmedia GmbH, 2010


In dem Zitat oben ist zu lesen:
Zitat
Dazu im Gegensatz betont die lutherische Theologie seit der Konkordienformel (1577) die grundsätzliche Prädestination des Menschen zum Heil.
Daher suchte ich nach dieser Konkordienformel (1577). Das Internet bietet hierzu reichhaltige Möglichkeiten, die wir sicherlich auch sinnvoll nützen dürfen.

Bei apostolic.de, eine Internetseite mit der ich mich nicht weiter beschäftigt habe, fand ich zurückliegend die gesuchte Konkordienformel.

Hier ein Auszug:
Affirmativa
Reine wahrhaftige Lehre von diesem Artikel

    1. Anfänglich ist der Unterschied zwischen der praescientie et praedentinatione, das ist zwischen der Vorsehung und ewigen Wahl Gottes, mit Fleiß zu merken.
    2. Denn die Vorsehung Gottes ist anders nichts, denn daß Gott alle Ding weiß, ehe sie geschehen, wie geschrieben stehet: Gott im Himmel kann verborgen Ding offenbaren; der hat dem König Nebucadnezar angezeiget, was in künftigen Zeiten geschehen soll.
    3. Diese Vorsehung gehet zugleich über die Frommen und Bösen, ist aber keine Ursach des Bösen, weder der Sünden, daß man unrecht thue, (welche ursprünglich aus dem Teufel und des Menschen bösen verkehrten Willen herkömmt) noch ihres Verderbens, daran sie selbst schuldig, sondern ordnet allein dasselbig und steckt ihm ein Ziel, wie lang es währen, und alles, unangesehen daß es an ihm selbst böse, seinen Auserwählten zu ihrem Heil dienen solle.
    4. Die Prädestination aber oder ewige Wahl Gottes gehet allein über die Frommen, wolgefälligen Kinder gottes, die eine Ursach ist ihrer Seligkeit, welche er auch schaffet, und was zur selbigen gehöret, verordnet, darauf unser Seligkeit so steif gegründet, daß sie die Pforten der Hölle nicht überwältigen können.
    5. Solche ist nicht in dem heimlichen Rath Gottes zu erfroschen, sondern in dem Wort zu suchen, da sie auch geoffenbaret worden ist.
    6. Das Wort Gottes aber führet uns zu Christo, der das Buch des Lebens ist, in welchem alle die geschrieben und erwählet seind, welche da ewig selig werden sollen, wie geschrieben stehet: Er hat uns durch denselben (Christum) erwählet, ehe der Welt Grund geleget war.
    7. Dieser Christus rufet zu ihm alle Sünder und verheißet ihnen Erquickung, und ist ihme Ernst, daß alle Menschen zu ihm kommen und ihnen helfen laßen sollen, denen er sich im Wort anbeut und will, daß man es höre, und nicht die Ohren verstopfen oder das Werk verachten soll; verheißt darzu die Kraft und Wirkung des heiligen Geistes, göttlichen Beistand zur Beständigkeit und ewiger Seligkeit.
    8. Derhalben wir von solcher unser Wahl zum ewigen Leben weder aus der Vernunft noch aus dem Gesetz Gottes urtheilen sollen, welche uns entweder in ein wild, wüst, epikurisch Leben, oder in Verzweifelung führen, und schädliche Gedanken in den Herzen der Menschen erwecken, daß sie bei sich selbst gedenken, auch solcher Gedanken sich nicht recht erwehren können, so lange sie ihrer Vernunft folgen: Hat mich Gott erwählet zur Seligkeit, so kann ich nicht verdammet werden, ich thue, was ich wölle; und widerum: Bin ich nicht erwählet zum ewigen Leben, so hilfts nichts, was ich Gutes thue, es ist doch alles umsunst.
    9. Sondern es muß allein aus dem heiligen Evangelio von Christo gelernet werden, in welchem klar bezeuget wird, wie Gott alles unter den Unglauben beschloßen, auf daß er sich aller erbarme, und nicht will, daß jemand verloren werde, sondern sich jedermann zur Buße bekehre, und an den Herrn Christum glaube.
    10. Wer nun sich also mit dem geoffenbarten Willen Gottes bekümmert, und der Ordnung nachgehet, welche S. Paulus in der Epistel an die Römer gehalten, derr zuvor die Menschen zur Buße, Erkenntnis der Sünden, zum Glauben an Christum, zum göttlichen Gehorsam weiset, ehe er vom Geheimnis der ewigen Wahl Gottes redet, dem sit solche Lehre nützlich und tröstlich.
    11. Daß aber viel berufen und wenig auserwählet sind, hat es nicht diese Meinung, als wölle Gott nicht jedermann selig machen, sondern die Ursach ist, daß sie Gottes Wort entweder gar nicht hören, sondern muthwillig verachten, die Ohren und ihr Herz verstecken, und also dem heiligen Geist den ordentlichen Weg verstellen, daß er sein Werk in ihnen nicht haben kann, oder do sie es gehöret haben, wiederum in Wind schlahen und nicht achten, daran nicht Gott oder seine Wahl, sondern ihre Bosheit schuldig ist.
    12. Und so fern soll sich ein Christ des Artikels von der ewigen Wahl Gottes annehmen, wie sich im Wort Gottes geoffenbaret, welches uns Christum als das Buch des Lebens vorhält, daß er uns durch die Preddigt des heiligen Evangelii aufschleußt und offenbaret, wie geschrieben stehet: Welche er erwählet hat, die hat er auch berufen, in dem wir die ewige Wahl des Vaters suchen sollen, der in seinem ewigen göttlichen Rath beschloßen, daß er außerhalb denen, so seinen Sohn Christum erkennen und wahrhaftig an ihn gläuben, niemand wolle selig machen, und sich anderer Gedanken entschlahen, welche nicht aus Gott, sondern aus Eingeben des bösen Feindes herfließen, dadurch er sich unterstehet und den herrlichen Trost zu schwächen oder gar zu nehmen, den wir in dieser heilsamen Lehre haben: daß wir wißen, wie wir aus lauterer Gnade ohne allen unsern Verdienst in Christo zum ewigen Leben erwählet sein, und daß uns niemand aus seiner Hand reißen könne; wie er dann solche gnädige Erwählung nicht allein mit bloßen Worten zusaget, sondern auch mit dem Eide betheuret und mit den heiligen Sacramenten versiegelt hat, deren wir uns in unsern höchsten Anfechtungen erinnern und trösten, und damit die feurigen Pfeile des Teufels auslöschen können.
    13. Darneben sollen wir uns zum höchsten befleißigen nach dem Willen Gottes zu leben, und unsern Beruf, wie S. Paulus vermahnet, feste zu machen, und sonderlich an das geoffenbarte Wort uns halten; das kann und wird uns nicht fehlen.
    14. Durch diese kurze Erklärung der ewigen Wahl Gottes wird Gott seine Ehre ganz und völlig gegeben, daß er allein aus lauter Barmherzigkeit ohne allen unsern Verdienst uns selig mache nach dem Vorsatz seines Willens; darneben auch niemands einige Ursach zur Kleinmüthigkeit oder rohem, wildem Leben gegeben.

Quelle: http://www.apostolic.de/20_credo/021_konkordien.shtml, der Link scheint zurzeit aber leider nicht mehr zu funktionieren.


Über die Ursache, warum diese Konkordienformel entstand, las ich auf Wikipedia:
Zitat

Die Konkordienformel sollte die Zerwürfnisse beilegen, welche nach Luthers Tod 1546 zwischen den schwäbischen und niedersächsischen Lutheranern dadurch entstanden waren, dass insbesondere Kursachsen der milden Melanchthonschen Richtung (Philippismus) folgte, während das ernestinische Sachsen und Württemberg streng lutherisch blieben (Gnesiolutheraner). Zunächst wurde auf einem 1576 zu Torgau, dem ehemaligen sächsischen Regierungssitz, gehaltenen Konvent, an dem Jakob Andreae aus Tübingen, Georg Lysthenius aus Dresden, Martin Chemnitz aus Braunschweig, David Chyträus aus Rostock, Andreas Musculus und Christoph Körner aus Frankfurt (Oder) teilnahmen, auf Grund der von Andreae 1574 entworfenen schwäbisch-sächsischen Konkordie und der so genannten Maulbronner Formel von 1576 das so genannte Torgauer Buch vollendet, dieses aber nach dem Einlaufen zahlreicher Gutachten im Kloster Berge bei Magdeburg 1577 von den erwähnten Theologen, zu denen anstatt Georg Lysthenius Nikolaus Selnecker aus Leipzig kam, abermals umgearbeitet und nun das Bergische Buch oder die Konkordienformel genannt.

Durch diese Formel wurde jede Annäherung an die Reformierten unmöglich gemacht. Kirchliche Anerkennung erhielt dieselbe unter anderem in Kursachsen, Kurbrandenburg, der Kurpfalz, 20 Herzogtümern, 24 Grafschaften und 35 Reichsstädten. 8.000 bis 9.000 lutherische Theologen erkannten sie durch ihre Unterschrift an. Jedoch befürworteten nicht alle lutherischen Territorien die Konkordienformel; in der Folge gilt sie auch heute nicht in allen evangelisch-lutherischen Kirchen als Bekenntnisschrift. So wurde sie u.a. in Hessen, Zweibrücken, Anhalt, Pommern (Land), Holstein, Dänemark, Schweden, Nürnberg und Straßburg nicht angenommen.

Quelle: Konkordienformel - Wikipedia


Ich möchte die Konkordienformel und dessen Inhalt nicht insgesamt gutheißen, aber ich finde es gut, dass die lutherische Theologie sich abgegrenzt hatte von der reformierten, d.h. der calvinistischen Theologie.

Diese Trennung zwischen lutherische und calvinistische Theologie sollte nach wie vor allen wichtig sein, denen es ein Anliegen ist, zu der biblischen Lehre über unseren Retter-Gott zu kommen, über den wir lesen: "Dies ist gut und angenehm vor unserem Retter-Gott, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen" 1.Tim 2,3-4.

Vielleicht ist dieses Thema auch für andere hilfreich. Gott ist ein gnädiger Gott, der gerne alle Menschen erretten möchte (siehe Punkt 11 in der Konkordienformel). Diese Überzeugung dürfen wir uns nicht rauben lassen.

José
« Letzte Änderung: 23 August 2012, 20:59:49 von Jose »

BOB

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Re: Lutherische Theologie zur Vorherbestimmung - Konkordienformel (1577)
« Antwort #1 am: 14 Oktober 2012, 14:54:47 »
Ich bin froh, daß hier im Forum klar die Prädestination abgelehnt wird, sonst wäre ich nicht hier!

Luther aber hat eine andere Form der Prädestination benutzt, Vorherbestimmt auf Grund des Vorherwissen Gottes, wie sich die Person entscheiden wird.
Ist genauso Müll wie die Calvin Prädestination. >:(

Offline Jose

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Vorherbestimmt nach Vorkenntnis Gottes
« Antwort #2 am: 14 Oktober 2012, 15:58:10 »
Zitat von: BOB
Luther aber hat eine andere Form der Prädestination benutzt, Vorherbestimmt auf Grund des Vorherwissen Gottes, wie sich die Person entscheiden wird.
Ist genauso Müll wie die Calvin Prädestination.

Hallo „BOB“,
das verstehe ich nun nicht. Es geht mir in diesem Thema darum, dass Gott niemand zum Verderben vorherbestimmt hat. Wenn nun die Bibel von „Auserwählung“ redet, und das steht in Verbindung mit Prädestination, so müssen wir uns schon Gedanken machen, was die Bibel damit meint. Luther hat m.E. hier, in diesem Punkt, die richtige Haltung eingenommen.

Im Übrigen schreibt Paulus: "Denn die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt" Röm 8,29a, und hier ist doch von der Vorkenntnis Gottes die Rede, die zur Vorherbestimmung führte. Wäre ja interessant zu wissen, wie du das Wort aus Römer 8, 29 verstehst.

Herzliche Grüße,
José

Pilger

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Re: Lutherische Theologie zur Vorherbestimmung - Konkordienformel (1577)
« Antwort #3 am: 15 Oktober 2012, 20:57:33 »
Lieber Jose,
ich zitiere aus deinem Beitrag:
11. Daß aber viel berufen und wenig auserwählet sind, hat es nicht diese Meinung, als wölle Gott nicht jedermann selig machen, sondern die Ursach ist, daß sie Gottes Wort entweder gar nicht hören, sondern muthwillig verachten, die Ohren und ihr Herz verstecken, und also dem heiligen Geist den ordentlichen Weg verstellen, daß er sein Werk in ihnen nicht haben kann, oder do sie es gehöret haben, wiederum in Wind schlahen und nicht achten, daran nicht Gott oder seine Wahl, sondern ihre Bosheit schuldig ist.

Das ist wieder eine typische Aussage, die Jesus den Juden zu seiner Zeit machte und nicht uns!!!
Das ist der große Fehler, dass man alles 1 zu 1 auf uns heute münzt.

Ganz Israel war berufen, auserwählt nur wenige, eben die, welche der Vater Jesus gab.

Aber heute wirkt der Heilige Geist an allen Menschen nach Joh 16,8. Deshalb mein Statement:
Alle sind berufen, aber nicht alle nehmen das Wirken des Geistes an ihnen an.

Der Heilige Geist überführt die Welt von der Tatsache der Sünde. (Joh.16,8)
Im griech. Grundtext heisst "überführen" etwas demonstrativ jemandem vor Augen stellen".

Jemand schrieb mir in einem anderen Forum:
Er könne sich nicht vorstellen, dass Gott jemand braucht um dies zu tun.

Aber wenn es so geschrieben ist, dann ist es so.

Wir müssen vorsichtig sein und unterscheiden, was hat Jesus vor Golgatha zu den Juden gesagt und was haben die Apostel dann gesagt.
Natürlich ist in keinem Fall eine Irritation, die liegt nur in unserem Verständnis.

Übrigens sagen die Apostel in Aog.15, nachdem Petrus seine Verantwortung abgegeben hatte wegen des Umgangs mit Heiden:
Also hat Gott auch den Heiden Gnade geschenkt...und Jakobus, der Bruder der Herrn fügt hinzu:
Das ist es, was der Prophet Micha sagte: Gott erettet aus den Nationen ein Volk, darnach die zerstoßene Hütte Davids (Israel)

Liebe Grüße
Pilger



Offline Jose

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Lutherische Theologie zur Vorherbestimmung
« Antwort #4 am: 15 Oktober 2012, 23:32:43 »
Zitat von: Pilger
Das ist wieder eine typische Aussage, die Jesus den Juden zu seiner Zeit machte und nicht uns!!!

Lieber "Pilger",
vieleicht kannst du versuchen es anders zu erklären. Im Moment sehe ich nicht, wo du ein Problem hast.


Zitat von: Pilger
Ganz Israel war berufen, auserwählt nur wenige, eben die, welche der Vater Jesus gab.

Du beziehst das Wort nur auf Israel? Du weißt sicherlich, dass Calvinisten gerne dieses Wort gebrauchen, als Argument für die doppelte Prädestination. Ich teile die Meinung nicht, aber deine Meinung erschließt sich mir auch nicht.

Ich sehe das Wort als Beleg, das wir von uns aus nicht zu Jesus kommen können, aber Gott will ja, dass alle Menschen gerettet werden. Nur wollen nicht alle Menschen Buße tun. Darin verhalten sie sich wie das auserwählte Volk Israel, denn die meisten  hatten am Ende nichts von ihrer Auserwählung.

Liebe Grüße,
José

Offline Jose

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Lutherische Theologie zur Vorherbestimmung vs. Calvinismus
« Antwort #5 am: 16 Oktober 2012, 18:19:36 »
Zitat von: Pilger
Zitat von: Jose
11. Daß aber viel berufen und wenig auserwählet sind, hat es nicht diese Meinung, als wölle Gott nicht jedermann selig machen, sondern die Ursach ist, daß sie Gottes Wort entweder gar nicht hören, sondern muthwillig verachten, die Ohren und ihr Herz verstecken, und also dem heiligen Geist den ordentlichen Weg verstellen, daß er sein Werk in ihnen nicht haben kann, oder do sie es gehöret haben, wiederum in Wind schlahen und nicht achten, daran nicht Gott oder seine Wahl, sondern ihre Bosheit schuldig ist.

Lieber „Pilger“,
du hast hier einen Teil der Konkordienformel aus meinem Eröffnungsbeitrag zitiert und ich möchte, ergänzend zu meinem vorherigen Beitrag, doch noch auf die Aussage von dir in deiner Antwort zurück kommen.

Persönlich finde ich die Erklärung aus der Konkordienformel richtig, und im Grunde, so denke ich, hast du es auch in deinem Beitrag bestätigt, daher kann ich nicht verstehen, wo du ein Problem hast.

Du hast z.B. geschrieben:
Zitat von: Pilger
Alle sind berufen, aber nicht alle nehmen das Wirken des Geistes an ihnen an.

Und das ist es eben: Es geht genau darum, dass das Heil allen Menschen gilt. Somit ist die Ursache, dass nicht alle Menschen gerettet werden, nicht bei Gott zu suchen, denn Got hat keine Freude am Tod des Gottlosen und möchte, das alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Das ist das Schlimme am Calvinismus, dass die doppelte Prädestination des Augustinus - also die Vorbestimmung zum Heil oder Verdammnis, übernommen wurde. Diese Lehre dann auch noch als Gnade zu verkündigen, ist ein Widerspruch in sich, denn Gnade vergibt und verdammt nicht.

Ich erwähne den Calvinismus hier, weil m.W. die Lutherische Theologie zur Vorherbestimmung, die zusammengefasst wurde in der Konkordienformel von 1577, eine Abgrenzung zur reformierten Lehre des Calvinismus sein sollte.

Luther hat die einfache Vorherbestimmung, Erwählung oder Berufung gelehrt - wie man es auch nennen möchte. Gott hat niemand zur Verdammnis bestimmt.

Das Heil gilt allen Menschen. Ich denke, dass wir diese Überzeugung mit Luther teilen.

Liebe Grüße,
José

Nachträglich überarbeitet zum besseren Verständnis.
« Letzte Änderung: 17 Oktober 2012, 10:49:55 von Jose »

Offline Jose

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Die Zeiten der Unwissenheit Übersehen
« Antwort #6 am: 17 Oktober 2012, 22:43:18 »
Lieber „Pilger“,
in deiner Antwort vom 15.10.2012 20:57 hast du einige „Fragezeichen“ mit hineingepackt, zumindest für mich. Vielleicht kannst du mir noch helfen, diese Verständnisprobleme zu klären.

Du hast z.B. geschrieben:
Zitat von: Pilger
Wir müssen vorsichtig sein und unterscheiden, was hat Jesus vor Golgatha zu den Juden gesagt und was haben die Apostel dann gesagt.
Wäre schön, wenn du genauer erläutern könntest, was du hier meinst.


Auch diese Aussage ist für mich nicht ganz klar:
Zitat von: Pilger
Übrigens sagen die Apostel in Aog.15, nachdem Petrus seine Verantwortung abgegeben hatte wegen des Umgangs mit Heiden:
Also hat Gott auch den Heiden Gnade geschenkt...und Jakobus, der Bruder der Herrn fügt hinzu:
Das ist es, was der Prophet Micha sagte: Gott erettet aus den Nationen ein Volk, darnach die zerstoßene Hütte Davids (Israel)

Von der Schrift wissen wir, dass Gott zuerst darauf gesehen hat, aus den Nationen ein Volk zu nehmen für seinen Namen (Apg. 15,14), aber deswegen waren die Heiden nicht pauschal verloren, nur Gott hatte vorrangig mit Israel Seinen Plan, gebrauchte Israel als „Lehrstück“ für die Nationen.

Was ich besonders wichtig finde, ist das Wort: "Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen" Apg 17,30. Die Gnade Gottes war in der Zeit des Gesetzes auch für die Nationen dar, auch wenn die Nationen sich dessen nicht bewusst waren. Die Aussage: „die Zeiten der Unwissenheit übersehen“ deutet für mich daraufhin, dass Gott die Zeit unter dem Gesetzt für die Nationen anders bewertet, als für Israel. Aber nun gilt es, auch für die Nationen und nicht nur für die Juden, überall Buße zu tun.

Weil mich deine Aussagen in verschiedenen Beiträgen besonders beschäftigen, gehe ich sie öfters durch. Mir ist es ein Anliegen, dich und andere zu verstehen. Nur so, kann ich mich und mein eigenes Verständnis überprüfen.

Liebe Grüße,
José

Pilger

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Re: Lutherische Theologie zur Vorherbestimmung - Konkordienformel (1577)
« Antwort #7 am: 18 Oktober 2012, 14:52:05 »
Lieber Jose,
entschuldige, ich bin manchmal mit meinen Gedanken nicht ganz dabei und vergesse, dass die Leser nicht automatisch wissen, was ich sagen wil:

wenn Jesus zum Beispiel zu dem Schriftgelehrten sagt nach dessen Frage nach dem ewigen Leben: Halte die Gebote; so gilt das uns nicht in erster Linie.
Oder auch zum reichen Jüngling.
Es ging also um das Halten der Gebote vor Golgatha und die Apostel lehrten die Rechtfetigung aus Glauben - dem aber Handlungen des Glaubens (Werke) folgen müssen um die Echtheit zu zeigen.

Genauso würde ich auch die sog. Bergpredigt einordnen:
Nicht der Buchstabe rettet.
Es gab vor vielen Jahren einmal ein Buch von einem Herrn Alt: Frieden ist möglich; dessen Grundlage die Bergpredigt war.
Derweil war dieser Herr selbst nicht gläubig, versuchte aber menschlich etwas weiterzugeben, weil er meinte, wenn der Mensch wollte, könnte er Frieden halten.

Was ich mit meinem Zitat aus Apg.15, 14 sagen wollte ist eben dies, dass es eine Zeit für Israel gab und dann eine Zeit aus den Nationen und dann die Übrigen der Menschen.

Ich hoffe, ich konnte mich jetzt klarer ausdrücken.

Liebe Grüße
Pilger

Offline Jose

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Es gibt niemand, den Gott nicht liebt!
« Antwort #8 am: 18 Oktober 2012, 19:59:08 »
Lieber „Pilger“,
danke, nun kann ich dich besser verstehen.

Zitat von: Pilger
wenn Jesus zum Beispiel zu dem Schriftgelehrten sagt nach dessen Frage nach dem ewigen Leben: Halte die Gebote; so gilt das uns nicht in erster Linie.
Oder auch zum reichen Jüngling.
Es ging also um das Halten der Gebote vor Golgatha und die Apostel lehrten die Rechtfetigung aus Glauben - dem aber Handlungen des Glaubens (Werke) folgen müssen um die Echtheit zu zeigen.

Was ich wunderbar finde, ist dass Jesus die Menschen abholt, wo sie sind, aber dann auch zeigt, wo sie hin sollen. Ich bin überzeugt, dass das Gesetz, also der Weg Gottes mit Israel, ganz besonders aufzeigen sollte, dass die Menschen, selbst wenn sie genau wussten, was Gott von ihnen erwartete, nicht in der Lage wären, es zu erfüllen. Somit wurden die Israeliten, unter dem Gesetz als Zuchtmeister, auf die Gnadenzeit vorbereitet, die allen Menschen gilt, im Grunde von Anfang an. Auch die Tatsache, dass Jesus, vor Grundlegung der Welt auserwählt wurde, um für uns am Kreuz zu sterben, ist nichts anderes als Gnade, ewige Gnade.

Aber zu deiner Antwort: Du erwähntest den reichen, der danach fragte, was er gutes tun muss, um ewiges Leben zu haben. Du erwähntest auch den reichen Jüngling. Ich denke, es handelt sich hier um die gleiche Person, aber selbst wenn es sich nur um eine ähnliche Begebenheit gehandelt haben sollte, so lesen wir in der einen Stelle: "Lehrer, was soll ich Gutes tun, damit ich ewiges Leben habe?", Mt 19,16, und in der anderen: "Guter Lehrer, was soll ich tun, damit ich ewiges Leben erbe?" Mk 10,17. Wie erwähnt, persönlich gehe ich davon aus, es ist die gleiche Begebenheit, aber auch wenn der Wortlaut nicht in beiden Stellen der gleiche ist, so ergänzt er sich. Die Antwort des reichen jungen Mannes, laut dem Matthäusevangelium, lautete: "Der junge Mann spricht zu ihm: Alles dies habe ich befolgt. Was fehlt mir noch?" Mt 19,20, und das müssen wir festhalten: Auch die Juden, unter dem Gesetz, wussten im Grunde, dass das Halten der Gebote alleine nicht ausreichte, um Gott wirklich zu gefallen.

Jesus gab die richtige Antwort, dass es darum geht, Gott über alles zu lieben, Gott wirklich an die erste Stelle zu setzen. Die Aussage eines Schriftgelehrten, bei einer anderen Begebenheit, zeigt übrigens, dass sie es wussten: "Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Recht, Lehrer, du hast nach der Wahrheit geredet; denn er ist einer, und es ist kein anderer außer ihm; und ihn zu lieben aus ganzem Herzen und aus ganzem Verständnis und aus ganzer Seele und aus ganzer Kraft und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist viel mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer" Mk 12,32-33. Die Juden wussten im Grunde, dass das Halten der Gebote und die Schlachtopfer alleine, nicht ausreichten, so meine Überzeugung. Und was das trennen zwischen Israel, Nationen usw., so sollten wir m.E. damit sehr vorsichtig sein, denn letztlich gehört alles und gehören alle zusammen.


Du hast auch geschrieben:
Zitat von: Pilger
Was ich mit meinem Zitat aus Apg.15, 14 sagen wollte ist eben dies, dass es eine Zeit für Israel gab und dann eine Zeit aus den Nationen und dann die Übrigen der Menschen.

Ich denke, Gott hat sich zu allen Zeiten auch über Menschen erbarmt, die nicht zu Israel gehörten. Seine Gnade war schon immer da für alle, auch wenn Er sich nach der Sintflut besonders an Israel und durch Israel offenbart hatte.

Was dein Hinweis auf Franz Alt und sein Buch:  „Frieden ist möglich: Die Politik der Bergpredigt“, anbetrifft, so merken wir, dass hier die Basiserkenntnis fehlt. Die Bergpredigt beginnt nicht umsonst mit den Worten: "Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel" Mt 5,3. Es geht hier doch darum, dass wir in unserem eigenen Geist, in uns selbst arm sind und wissen müssen, dass wir von uns aus, ohne Gott, nichts können.


Viele Christen unserer Tage können von dem reichen Jüngling lernen, der alle Gebote erfüllt hatte und doch wusste, dass ihm etwas fehlte. Als Jesus es aufzeigte, ging er traurig hinweg. Es war ein Mann des Alten Bundes, aber viele Christen handeln genauso oder noch schlimmer: Jesus zeigt ihnen wo es bei ihnen fehlt, aber sie drehen sich um und gehen weg. Gehen sie traurig weg? Ich befürchte viele nicht, weil ihnen der Teufel einflüstert: Die Gnade genügt.

Daher freute ich mich von dir zu lesen:
Zitat von: Pilger
Es ging also um das Halten der Gebote vor Golgatha und die Apostel lehrten die Rechtfetigung aus Glauben - dem aber Handlungen des Glaubens (Werke) folgen müssen um die Echtheit zu zeigen.
Ja, die Gnade genügt für die, die wissen, dass sie nur aus Gnade gerettet werden können, und nicht durch des Gesetzes Werke, die aber dann nicht an der Sünde festhalten, sondern Werke des Glauben tun und im Glauben gehorsam sind.


Wenn ich nun versuchen möchte, deine Beiträge und meine Beiträge im Zusammenhang mit dem Thema hier zu bringen, wo es um die Vorherbestimmung geht, so möchte ich aus der Begegnung des reichen Jünglings mit Jesus aus der Bibel zitieren:

"Jesus aber blickte ihn an, gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eins fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib den Erlös den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! Er aber ging, entsetzt über das Wort, traurig weg, denn er hatte viele Güter. Und Jesus blickte umher und spricht zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die, welche Güter haben, in das Reich Gottes hineinkommen!" Mk 10,21-23.

Jesus hatte den Mann lieb - es gibt überhaupt niemand, den Gott nicht liebt. Gott möchte, dass alle Menschen gerettet werden. Jesus starb für alle am Kreuz.

Der Mann ging traurig weg, weil er sein Herz nicht ganz Jesus öffnen wollte. Es war seine persönliche Entscheidung und Gott zwang ihn nicht dazu, Jesus nachzufolgen.

Jesus erwähnte die Sünde konkret, dass irdische Reichtümer, ja Reichtum überhaupt, ein Hindernis für viele ist, sich zu bekehren. Aber auch die Furcht vor Mensch, die Ehre bei den Menschen und vieles mehr, könnte erwähnt werden. Der einzelne ist gefordert, sich für Jesus zu entscheiden, Seine Arme stehen offen für jeden, der kommen will. Es gibt niemand, den Gott nicht liebt!

Herzliche Grüße,
José
« Letzte Änderung: 18 Oktober 2012, 20:01:00 von Jose »

Pilger

  • Gast
Re: Lutherische Theologie zur Vorherbestimmung - Konkordienformel (1577)
« Antwort #9 am: 18 Oktober 2012, 20:45:51 »
Lieber Jose,

zu allem ein lautes "Amen".

Liebe Grüße
Pilger

Offline Jose

  • Benutzer
  • Beiträge: 1709
Der reiche Jüngling
« Antwort #10 am: 19 Oktober 2012, 13:18:05 »
Als ich mich wieder mit dem „reichen Jüngling“ beschäftigte, dachte ich auch daran, darüber mich bereits in einem calvinistischen Forum ausgetauscht zu haben und versucht zu haben, einen eifrigen „reformierten“ davon zu überzeugen, dass es auch unsere Verantwortung ist, uns für Jesus zu entscheiden und dass wir nicht entbunden sind von unserem eigenen Willen, wenn es gilt, uns zu bekehren.

Im Markusevangelium lesen wir: "Er aber sagte zu ihm: Lehrer, dies alles habe ich befolgt von meiner Jugend an. Jesus aber blickte ihn an, gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eins fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib den Erlös den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! Er aber ging, entsetzt über das Wort, traurig weg, denn er hatte viele Güter. Und Jesus blickte umher und spricht zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die, welche Güter haben, in das Reich Gottes hineinkommen!" Mk 10,20-23. Wenn wir die Schilderung aus dem Matthäusevangelium noch dazu nehmen, so lautet die Feststellung des reichen jungen Mannes: "Alles dies habe ich befolgt. Was fehlt mir noch?" Mt 19,20, und Jesus hatte ihm geantwortet, was ihm fehlte.

In jenem calvinistischen Forum erinnerte ich an die calvinistische Lehre, dass die Gnade unwiderstehlich ist. Ich fragte: „Wenn Jesus den Mann „lieb gewann“, so wird doch Gottes Gnade wohl an dem Herzen dieses Mannes unwiderstehlich gewirkt haben und ihn zur Buße geleitet haben?“, aber auf die Frage ging niemand ernstlich ein sondern sie waren wohl überfordert und nicht in der Lage, sich damit auseinanderzusetzen, aber  vielleicht trauten sich welche auch nur nicht. Dabei kann bereits so eine Begebenheit deutlich machen, dass die Theorie Calvins nicht der Weisheit Gottes entspricht.

Ich fragte auch in jenem Forum, warum Jesus behauptete: "Wie schwer werden die, welche Güter haben, in das Reich Gottes hineinkommen!", wenn es laut Calvin ohnehin nicht von der Willensentscheidung des Menschen abhängt, ob er sich bekehrt oder nicht? Wenn es ohnehin Gott ist, der einen Menschen unwiderstehlich zur Bekehrung zieht, dann müssten doch die Umstände auch das finanzielle Umfeld absolut unwichtig sein. Aber auch hier, kein ernster Versuch, sich mit Gottes Wort auseinanderzusetzen und die eigene Meinung zu hinterfragen.

Gerade aus der Verfassung des reichen Mannes wird deutlich, dass er verstanden hatte, was ihn von dem „ewigen Leben“ trennte, also die Antwort auf seine Frage: „Was fehlt mir noch?“. Wir lesen: "Er aber ging, entsetzt über das Wort, traurig weg, denn er hatte viele Güter" Mk 10,22. Da spielt es auch keine Rolle, dass es ein Israelit war, noch unter dem Gesetz. Er musste sich entscheiden, für seinen „Götzen“, den Reichtum, oder für Gott. Und in dieser Verantwortung stehen wir alle, denn die Aufforderung Jesu gilt uns allen: "komm, folge mir nach!" Mk 10,21. Auch wir, müssen uns entscheiden.

Es geht nicht darum, allen Besitz herzugeben, aber es geht darum, Jesus den ersten Platz im eigenen Leben und Herzen zu geben und zu wissen, dass es nicht in unserem Vermögen liegt, uns das Heil durch eigene Verdienste zu erwerben. Aber entscheiden müssen wir uns: Die Hände Jesu sind ausgestreckt, auch nach dir.

Herzliche Grüße,
José