Argumente gegen den Dispensationalismus

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Wahrheit oder TraditionDas einfachste und naheliegendste Argument gegen den Dispensationalismus lautet: Er steht nicht in der Bibel. Auf ihn trifft nicht zu, es steht geschrieben ... Damit meine ich nicht, dass dieses Fremdwort nicht in der Bibel vorkommt, sondern die speziellen Lehren des Dispensationalismus sind nicht direkt der Schrift zu entnehmen. Es sind konstruierte Lehren. Wenn man nicht über das hinaus denkt, was geschrieben steht, wird man den Dispensationalismus nicht bestätigt finden.


Übrigens ist die Schriftstelle, die besagt, dass wir nicht über das hinaus denken sollen, was geschrieben steht, sehr wichtig für den Umgang mit diesem Thema, das leicht zu Streit und Rechthaberei führen kann. Denn das Über-die-Schrift-Hinaus-Denken führt nach 1. Korinther 4,6 dazu, dass man sich gegeneinander aufbläht, also in Hochmut und Rechthaberei verfällt. In dem, was geschrieben steht, können wir uns in Demut einig sein. In dem, was darüber hinaus geht, brauchen wir uns nicht einig sein. Man kann für sich selbst unterschiedliche Ansichten haben, aber nicht von anderen erwarten, die eigenen Ansichten würden auch verbindlich für andere Christen gelten. Wenn man jedoch Ansichten vertritt, die dem widersprechen, was geschrieben steht, sollte man bereit sein, seine Sicht zu revidieren. So werde ich im Folgenden kurz aufzeigen, welche Lehren des Dispensationalismus nicht in der Bibel gelehrt werden oder sogar der Bibel widersprechen.


1. Der Dispensationalismus lehrt, dass die Bibel und die Heilsgeschichte in mehrere Heilszeitalter (Haushaltungen oder Dispensationen) aufzuteilen sind. Zwischen den einzelnen Heilszeitaltern bestehe eine unüberbrückbare Diskontinuität.
Antwort: Das Beachten der heilsgeschichtlichen Epoche ist bei der Bibelauslegung fraglos wichtig und daher als hermeneutisches Hilfsmittel richtig. Die Schrift selbst lehrt die dispensationalistische Einteilung in Haushaltungen jedoch nicht und deshalb darf dieses Einteilen nicht zu einer Maxime werden, die unser Schriftverständnis bestimmt und überfremdet. Die Betonung von Diskontinuität lehrt die Schrift ebenfalls nicht, dazu werden wir unten am Beispiel des Verhältnisses zwischen Israel und Gemeinde noch näher eingehen. Außerdem wird die Einheit der Schrift durch dieses Fragmentieren untergraben. Dieses „Zerschneiden“ der Schrift mit 2Tim 2,15 zu begründen, beruht auf einer falschen Auslegung („Hineinlegung“) dieser Schriftstelle. Die Schrift ist eine Einheit, weil es nur einen Heilsweg und einen Heiland gibt, der bereits auf den ersten Seiten der Bibel angekündigt und dessen vollendeter Triumph auf ihren letzten Seiten beschrieben wird.
Das dispensationalistische Zerteilen der Schrift führt auch dazu, dass das im NT in Christus vollkommen offenbarte Heil nur als eine von mehreren Phasen der Heilsgeschichte angesehen wird, anstatt als ihr erfüllender Gipfel und Endpunkt. So meinen Dispensationalisten z.B., künftig werde wieder ein Rangunterschied zwischen Gläubigen aus den Juden und aus den Heiden bestehen, entgegen der biblischen Lehre, dass in Christus nicht Jude noch Grieche ist und alle Gläubigen durch Christus Abrahams Nachkommenschaft sind (Gal 3,28-29). So dominiert das dispensationalistische Prinzip der Diskontinuität beim Verstehen der Schrift über das biblische Prinzip der fortschreitenden, aufeinander aufbauenden Heilsoffenbarung.


2. Der Dispensationalismus lehrt, er selbst sei der Schlüssel zum einzig richtigen Bibelverständnis
Dispensationalisten sehen ihr System als Schlüssel zur Schrift an. Der führende Dispensationalist Dwight L. Pentecost schreibt in seinem Werk „Bibel und Zukunft“: „Die Schrift bleibt unverständlich, solange man nicht eindeutig zwischen Gottes Heilsplan für Sein irdisches Volk Israel und dem für die Gemeinde unterscheidet“ (S. 543).
Wenn jemand behauptet, eine spezielle Lehre sei der einzig wahre Schlüssel zur Schrift, müssen wir sehr skeptisch sein. Der einzige „Schlüssel zum richtigen Schriftverständnis“ ist der Herr Jesus Christus (vgl. Lk 24,45ff). Die biblische Lehre lässt sich nicht auf eine minimale Formel reduzieren, sondern es muss der ganze Ratschluss Gottes verkündigt werden (Apg 20,27). Es gibt keinen Geheimcode in der Schrift, den man mit einem Schlüssel dechiffrieren kann.

3. Der Dispensationalismus lehrt, dass die Zeit zwischen Pfingsten und Entrückung ein „Einschub“ oder eine „Einschaltung“ in der Heilsgeschichte Gottes sei.
Die meisten Dispensationalisten bezeichnen diese Zeitspanne als „Haushaltung der Gnade“ oder „Zeitalter der Gemeinde“ oder ähnlich. Darby meinte, dieser Einschub sei gar keine Haushaltung, sondern eine Art Pause in Gottes Plan, während der die „prophetische Uhr“ stillstände. Dispensationalisten meinen, die Gemeinde – die Gesamtheit der Gläubigen zwischen Pfingsten und Entrückung – sei im Alten Testament nicht erwähnt und ein „Geheimnis“, das erst im NT offenbart werde. Seinen eigentlichen Heilsplan – den Heilsplan mit dem Volk Israel – nehme Gott erst nach der Entrückung wieder auf.
Diese Sichtweise erscheint schon von daher fragwürdig, dass das jetzige Zeitalter als eine Art Lückenfüller gesehen wird und es demzufolge in der Bibel und in Gottes Heilsplan hauptsächlich um das nationale Volk Israel gehe. Aber hat Gottes Heil nicht gerade in der Jetztzeit seine größte Entfaltung gefunden, da das Evangelium bis an die Enden der Erde ausgebreitet wird? Ist nicht „über uns das Ende (oder Ziel) der Zeitalter gekommen“ (1Kor 10,11)? Die Schrift lehrt weder, dass zu Pfingsten ein abrupter Bruch zwischen zwei Heilszeitaltern aufgetreten sei, noch dass wir jetzt in einer „Einschaltung“ leben. Im Gegenteil finden wir neben dem, was zu Pfingsten neu eingeführt wurde (das Kommen des Heiligen Geistes) deutliche Kontinuitäten zwischen vorher und nachher.
Das „Geheimnis“, das im NT offenbart wird, ist keineswegs die angebliche Einschaltung eines zuvor verborgenen Zeitalters. Vielmehr besagt dieses Geheimnis, dass außer Israel auch die Nationen an Gottes Heil teilhaben und in gewisser Weise als „Mitbürger“ und Miterben“ zu Israel dazugehören sollen (Eph 3,3-6; 2,19) und dass Israel zum Teil verstockt wurde, eben damit auch die Heiden in Genuss des Heils kommen können (Röm 11,25). Eben weil dies ein Geheimnis war, müssen wir bei manchen alttestamentlichen Prophezeiungen, die augenscheinlich nur das Volk Israel betreffen, erwägen, ob diesem Geheimnis zufolge auch die Gläubigen aus den Nationen darin eingeschlossen sind.
Es ist eine unwahre dispensationalistische Behauptung, dass die Propheten des AT nichts über diese Heilszeit zu sagen gehabt hätten. Laut einer nach-pfingstlichen Aussage von Petrus ist das Gegenteil der Fall: Alle Propheten, von Samuel an und der Reihe nach, so viele geredet haben, haben auch diese Tage verkündigt (Apg 3,24; vgl. 1Petr 1,10).


4. Der Dispensationalismus lehrt eine künftige Wiederherstellung Israels und des jüdischen Systems samt Tempel- und Opferdienst
Antwort: Das Neue Testament lehrt keine künftige Wiederherstellung Israels. Auch von Dispensationalisten angeführte Einzelverse wie Mt 23,29; Röm 11,26; 2Kor 3,16; Apg 1,6 und 3,21 u.a. lehren nicht diese dispensationalistischen Auffassungen. Vielmehr lehrt das NT, dass jetzt das Ende der Zeitalter gekommen ist (1Kor 10,11; vgl. Hebr 9,26; 1Petr 4,7). Wir leben in den letzten Tagen (Apg 2,17; Jak 5,3; Hebr 1,2).

Was aber ist dann mit den alttestamentlichen Verheißungen? Genau diese Frage beantwortet Paulus in Römer 9-11, wo er zeigt dass ganz Israel gerettet wird (11,26). Ich habe lange Zeit gedacht, in Römer 11,26 stünde „danach wird ganz Israel gerettet“. Das steht dort aber nicht, sondern dort steht „so – auf diese Weise – wird ganz Israel errettet“. Auf welche Weise? Wie Paulus es zuvor beschrieben hat: Ein Teil der Israeliten wurde verstockt (V. 25), d.h. das Gericht wurde zeitlich aufgeschoben, sodass jetzt eine lange Zeit der Gnade ist, wo sowohl Juden wie Heiden zum Glauben an Jesus Christus kommen können und, bildhaft gesprochen, in den einen Ölbaum eingepfropft werden. Durch die Errettung der Vollzahl der Juden (V. 12) und der Vollzahl der Heiden (V. 25) wird ganz Israel errettet. Dabei ist wichtig zu beachten, dass auch die Vollzahl der Juden (V. 12) bereits in der Jetztzeit gebildet wird, siehe diese Verse 5.12-15.31.
Auch in der einzigen Stelle in der Bibel, wo von einem „tausendjährigen Reich“ die Rede ist, in Offb 20, steht nichts von einer Wiederherstellung Israels oder der Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen – und schon gar nicht von einem wiedereingeführten Tempel- und Opferdienst.
Auch Petrus, der Apostel der Beschneidung, hat zwar zwei Briefe mit Lehren über die Zukunftserwartung geschrieben, aber darin schreibt er nichts von einer Wiederherstellung Israels (siehe 2Petr 3).
Auch Matthäus 24-25, die bedeutendste prophetische Rede des Herrn Jesus, sagt nichts über eine Wiederherstellung Israels (der erste Teil von Kap. 24 spricht von der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n.Chr., siehe 24,2) oder einem tausendjährigen Reich. Im Gegenteil sagt der Herr, dass nach seiner Wiederkunft und seinem Gericht die einen ins ewige Leben und die anderen ins ewige Verderben eingehen (25,46).
Dem Hebräerbrief zufolge ist eine Wiedereinführung des schattenhaften Opfer- und Tempeldienstes unmöglich. Wenn man Hesekiel 40ff konsequent wortwörtlich versteht – wie Dispensationalisten es tun – müsste es wieder Sündopfer und eine aaronitische Priesterschaft geben. Die Tier-Sündopfer sind aber ein für allemal abgeschafft, und Christus ist Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks. Wie soll da wieder eine aaronitische Priesterschaft eingeführt werden, die der Hebräerbrief eindeutig als veraltet und überholt bezeichnet?

Dispensationalisten behaupten auch vielfach, der Herr Jesus habe die irdische Reichserwartung der Juden letztlich bestätigt. Nach meinem Verständnis von Jesu Dienst und Verkündigung hat er diese Erwartung jedoch korrigiert zu einem geistlich-neuschöpflichen Verständnis. Allein die Tatsache von Kreuz und Auferstehung machen dies deutlich, ferner Schriftstellen wie Mt 5,3.10.19.20; 11,11; 12,28; 13,11.19.24.31.33.43-47; 16,19; 18,3ff; 19,14; Joh 18,36 u.a.

Was aber ist mit dem im Alten Testament angekündigten Friedensreich?
Im Alten Testament wurde das messianische Reich angekündigt und bildete die Heilserwartung der Juden. Mit dem ersten Kommen Jesu in Niedrigkeit und seinem Erlösungswerk mit Kreuz und Auferstehung wurde deutlich, dass sich das messianische Reich in zwei Phasen aufteilt: in die jetzige Phase der verborgenen Gestalt dieses Reiches, und in die zweite Phase der Vollendung in Herrlichkeit, wenn Christus wiederkommt. Dann wird es neue Himmel und eine neue Erde geben. Auf der neuen Erde können viele alttestamentliche Prophezeiungen buchstäblich in Erfüllung gehen, z.B. dass der Löwe beim Lamm liegt usw. Dispensationalisten führen jedoch eine dritte Phase ein, das Zwischenreich des irdischen Milleniums.

Viele Prophezeiungen über die Rückkehr von Juden in ihr Land wurden bereits erfüllt in der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft. Manche gehen aber darüber hinaus: Z.B. die Prophezeiungen über die Wiederaufrichtung der Hütte Davids (des davidischen Königtums) aus Amos 9,11ff wird in Apostelgeschichte 15,16 von Jakobus als erfüllt erklärt, nämlich in der Auferstehung und Himmelfahrt Christi, der sich zur Rechten Gottes auf den Thron Davids gesetzt hat (Apg 2,34; vgl. Apg 13,34; Hebr 10,12-13 u.a.). Sein Reich ist nicht von dieser Welt, sondern von der künftigen. Dann, in der neuen Welt, werden die gläubigen Israeliten das ihnen verheißene ewige Heil erben – zusammen mit den gläubigen Heiden. Dort werden sie aus der jetzigen Zerstreuung als Fremdlinge in dieser Welt alle zu einer einzigen Herde versammelt sein und Gott und das Lamm wird in ihrer Mitte wohnen und regieren.

(Nachbemerkung: Es gibt jedoch eine Kompromisslösung: Der Glaube an ein buchstäbliches irdisches Tausendjähriges Reich, allerdings ohne Unterscheidung zwischen Gläubigen aus Israel und aus den Nationen. Diese Sichtweise nennt sich „historischer Prämillenialismus“ und kommt auch dem „progressiven Dispensationalismus“ nahe. Ich persönlich glaube dies zwar nicht, aber diese Auffassung steht nicht so sehr im Widerspruch zur Bibel wie der herkömmliche Dispensationalismus.)

Eine Wiedereinführung von Tieropfern ist dem NT zufolge unmöglich. Das NT lehrt eine solche Opfer-Wiedereinführung nicht. Ganz im Gegenteil, widerspricht das NT einer solchen Erwartung und warnt davor. Dem Hebräerbrief zufolge ist Christus Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks, die Tieropfer gehören aber zur Ordnung Aarons. Auch die in Hesekiel 40ff beschriebenen Opfer sind aaronitischer Art. Dort werden auch Sündopfer erwähnt (Hes 40,39; 42,13; 44,19ff etc ). Somit ist eine künftige konsequent-buchstäbliche Erfüllung ausgeschlossen, da Christi Sündopfer ein für allemal alle anderen Sündopfer überflüssig gemacht hat. (Zum richtigen Verständnis von Hes 40ff beachte man die vielen Parallelen zu Offb 21-22)

 

 

Alter Bund

Neuer Bund

Veraltet (Hebr 8,13)

Besser (Hebr 7,22; 8,6)

Abbild, Schatten, Gegenbild (Hebr 8,5; 9,23-24; 10,1)

Die Erfüllung in Christus

Wiederholte Tieropfer und dementsprechender Gottesdienst

Christi einmaliges, vollkommenes Opfer und dementsprechender Gottesdienst, keine weiteren Opfer mehr

Hohepriestertum vieler nach der Ordnung Aarons, sündig (Hebr 6,19 – 7,27;

Hohepriestertum Christi nach der Ordnung Melchisedeks, sündlos (Hebr 7,26)

„Satzungen des Fleisches, auferlegt ... „(Hebr 9,10)

„... bis zur Zeit einer richtigen Ordnung““ (Hebr 9,10)

„das Erste“ hat Christus „weggenommen“ (Hebr 10,9)

„... um das Zweite aufzurichten“ (Hebr 10,9)

Alljährliches Erinnern an die Sünden (Hebr 10,3)

Kein Gedenken mehr an die Sünden (Hebr 10,17; Jer 31,43)

Der Weg ins Heiligtum war durch den Vorhang versperrt

Freimütigkeit zum Eintritt in das Heiligtum „durch den Vorhang, das ist durch sein Fleisch“ (Hebr 10,19; vgl. Mt 27,51)

Priesterschaft endete mit dem Tod (Hebr 7)

Ewige Priesterschaft

Versöhnung einmal jährlich (Hebr 7,25; 9,12.15; 10,1-4.12)

Eine ewige Versöhnung

 

 

5. Der Dispensationalismus lehrt, der neue Bund sei noch nicht in Kraft und gelte nur dem nationalen Israel im tausendjährigen Reich
Diese Auffassung variiert in den verschiedenen Schulen des Dispensationalismus; manche gestehen ein, dass der neue Bund auch uns gelte oder wir zumindest auf eine geheimnisvolle Weise daran teilhätten oder davon nutznießen. Tenor aller Dispensationalisten ist, dass sich der „neue Bund“ aus Jeremia 31 auf die Aufrichtung eines irdischen tausendjährigen Reiches für das nationale Israel beziehe. Für sich allein genommen, mag man dies tatsächlich aus Jeremia 31 schließen. Das neue Testament gibt jedoch eindeutig Aufschluss über den neuen Bund: Er wurde durch das vergossene Blut Jesu eingeweiht und ist die einzige Grundlage, um Sündenvergebung, Erlösung und einen himmlischen Fürsprecher zu haben. Schauen wir uns den neutestamentlichen Befund zum neuen Bund an:

• In Lk 22,20 spricht der Herr vom neuen Bund, der durch sein vergossenes Blut geschlossen wird. Durch dieses vergossene Blut hat der Herr Jesus uns das Heil, das ewige himmlische Heil, erkauft. Wenn das nicht uns – Juden- und Heidenchristen der Jetztzeit - gelten würde, dann hätten wir offenbar gar kein Heil. Diese Aussage aus Lk 22,20 wird in 1Kor 11,25 von Paulus in einem Brief an eine vorwiegend heidenchristliche Gemeinde wiederholt und bestätigt. Wenn der neue Bund nicht uns gelten würde, bräuchten wir auch gar kein Abendmahl feiern.

• In 2Kor 3,6 bezeichnet Paulus sich, den Heidenapostel, als Diener des neuen Bundes. Wie könnte Paulus das sein, wenn der neue Bund nur dem ethnischen Israel im Hinblick auf das taus. Reich oder rein „irdische Segnungen“ gelte?

• Laut Hebr 7,22 beruht Jesu Hohepriestertum für uns darauf, dass er Bürge eines besseren Bundes geworden ist. Wenn der neue Bund also noch nicht in Kraft wäre, dann hätten wir nicht nur kein Heil, sondern auch keinen himmlischen Hohenpriester (Hebr 7,26)!

• Die Verheißung des neuen Bundes aus Jer 31 wird in Hebr 8,8-12 mit dem längsten AT-Zitat im NT zitiert. Aus dem Zusammenhang (bes. V. 6.13) geht klar hervor, dass der neue Bund für die Jetztzeit gilt, dies ist die gesamte Aussageabsicht dieses Abschnitts.

• Auch aus Hebr 9,15ff geht hervor, dass der neue Bund mit dem Tod Jesu am Kreuz in Kraft getreten ist und uns gilt: dieses Bundesblut hat unser Gewissen gereinigt (V. 14) und die zu diesem Bund Berufenen empfangen ein ewiges Erbe (V. 15).

• In Hebr 10,16 wird nochmals der neue Bund aus Jer 31 zitiert und eindeutig auf die Jetztzeit gedeutet, denn das Bundes-Zitat wird angeführt als Beleg für unsere vollkommene Heiligung durch das Opfer Jesu (V. 14). Dann wird aus diesem Bundes-Zitat auf unsere jetzige Vergebung geschlossen (V. 18).

• Laut Hebr 12,24 sind wir zu Jesus, dem Mittler eines neuen Bundes gekommen. Dies würde keinen Sinn machen, wenn er nicht auch für uns der Mittler dieses Bundes wäre. Man beachte auch den Zusammenhang, der Realitäten aus dem AT geistlich auf uns überträgt: himmlisches Jersusalem, Zion usw. (V. 12ff).

Dieser Befund bringt Dispensatioanlisten in ernste exegetische Schwierigkeiten. Deshalb sind die einzelnen Schulen des Dispensationalismus mittlerweile zum Teil von dieser Lehre abgerückt (insb. der „progressive Dispensationalismus“). Dies ist quasi ein Eingeständnis der exegetischen Unhaltbarkeit der klassisch-dispensationalistischen Sicht.

Jedoch haben sich manche, die am klassischen Dispensationalismus festhalten wollen, ein raffiniertes Argument ausgedacht: Der neue Bund gelte jetzt nur nach dem Geist, aber in der Zukunft, im tausendjährigen Reich Israels, nach dem Buchstaben. So erklären sie, dass Paulus ein Diener des neuen Bundes war, aber eben nicht des Buchstabens, sondern des Geistes (alle Zitate aus 2Kor 3,6). Die Widerlegung dieses Argumentes findet sich jedoch noch im selben Vers: Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. Mit dem Buchstaben ist hier das Gesetz des alten Bundes gemeint. Unmöglich kann mit dem Buchstaben eine künftige Erfüllung des neuen Bundes gemeint sein, denn der Dienst des Todes, mit Buchstaben geschrieben (2Kor 3,7) war genau das Gegenteil: der alte Bund, der in den von außen an den Menschen herangetragenen Gesetzen bestand, im Gegensatz zum neuen Bund, der den Menschen innerlich erneuert und den Willen Gottes innerlich aufs Herz schreibt (Hebr 8,10; 10,16).


6. Der Dispensationalismus lehrt ein literalistisch-irdisches, engsichtiges Verständnis des Alten Testaments
Antwort: Natürlich bekenne ich mich bei der Exegese ausdrücklich zum Literalsinn der Schrift. Zum Literalsinn kommt jedoch noch eine hermeneutische Regel hinzu: die fortschreitenden Offenbarung, aufgrund der das Alte Testament im Licht des Neuen Testaments ausgelegt werden muss (1Kor 2,6-13; 1Petr 1,10). Wenn man das Alte Testament so auslegt, als gebe es das Neue gar nicht, könnte man bei vielen Aussagen tatsächlich zu der Auffassung kommen, dass ein irdisches Königreich für das nationale Israel zu erwarten sei. Aber das Neue Testament bringt uns unverzichtbares Licht für das Verständnis des Alten Testamentes. Dazu gehören z.B. folgende Punkte:

• Christus ist das Ziel, Erfüllung und zentraler Inhalt des Alten Testamentes. Er ist der wahre Auserwählte, der wahre Erbe, der wahre Weinstock (Weinstock war ein Bild für Israel). Er ist der wahre Same Abrahams und in ihm sind alle, die an ihn glauben, wahre Kinder Abrahams (Gal 3,29). In ihm sind durch Abraham alle Nationen gesegnet. Er ist gegen die Erwartung der Juden gekreuzigt worden und als Erstling einer neuen Schöpfung auferstanden. In dieser Weise muss das Alte Testament Christus-zentriert gesehen und viele Prophezeiungen neuschöpflich verstanden werden.

• „Israel“ wird im Neuen Testament neu dargestellt, dazu gehört die Einführung himmlischer und neuschöpflicher Begriffe wie das himmlische Jerusalem

• Viele Prophezeiungen über Israel werden im Neuen Testament als erfüllt erklärt, z.B. Amos 9 in Apg 15,16ff; Jeremia 31 in Hebr 8 etc. Andere alttestamentliche Prophezeiungen werden im NT aufgriffen und weiter erklärt, z.B. der neue Himmel und die neue Erde aus Jesaja 65-66 in 2Petr 3 und viele Details aus Hesekiel 40ff in Offenbarung 21-22 (Wasserstrom; Bäume mit 12facher Frucht etc). Wir dürfen diese apostolische Vorgehensweise zwar nicht willkürlich auf alle möglichen atl. Prophezeiungen anwenden, jedoch zeigt es, wie die inspirierten Autoren des NT das AT gedeutet haben. Die neustamentliche Deutung des AT entspricht nicht der irdisch-literalistischen Deutung der Dispensationalisten.

• Im NT werden Geheimnisse offenbart, die zum rechten Verständnis des Heilsplans und der Eschatologie – und damit auch diesbezüglicher alttestamentlicher Aussagen – berücksichtigt werden müssen. Z.B. wird in Epheser 3 das Geheimnis erklärt, dass die gläubigen Heiden Miteinverleibte im Volk Gottes sein sollen. Da dies im AT nicht bekannt war, muss man dies bei der Auslegung von alttestamentlichen Verheißungen, die nur von „Israel“ sprechen, berücksichtigen.


7. Der Dispensationalismus geht nicht in textauslegender Weise (exegetisch) an die Schrift heran, sondern argumentiert mit einer Methodik, die nicht dem Grundsatz „Sola Scriptura“ entspricht. Beispiele:

• Das theologische System der Dispensationalisten bestimmt über ihre Auslegung. Klare Schriftstellen werden umgedeutet, um dem theologischen System zu entsprechen. Dies ist unzulässig, denn allein durch das unvoreingenommene Annehmen der klaren Schriftaussagen bekommen wir das Bild gesunder Worte (2Tim 1,13). Wir müssen von dem ausgehen und bei dem bleiben, was die Schrift sagt. Die Gesamtheit der biblischen Lehre ist zwar nicht unsystematisch, aber ein theologisches System darf nicht das Verständnis der Schrift bestimmen, sondern umgekehrt. Theologisch ausgedrückt: Nicht die Dogmatik bestimmt die Exegese, sondern die Exegese bestimmt die Dogmatik. Aus diesem Grund sind bereits viele exegetisch arbeitende bibeltreue Theologen vom herkömmlichen Dispensationalismus abgerückt (siehe dazu das Buch „Darby, Dualism und the Decline of Dispensationalism“ von Ronald M. Henzel).

• Oft kombinieren Dispensationalisten einzelne passend scheinende "Hinweise" aus der Schrift wie bei einem mystischen Puzzlespiel zu einer wichtigen Lehre. Doch Gott offenbart seine Wahrheit nicht in einem Geheimcode, sondern in den klaren Lehraussagen der Schrift. Mit dem willkürlichen Kombinieren von einzelnen Rückschlüssen aus einzelnen Versen ließen sich beliebige Falschlehren „beweisen“.

• Bisweilen verweisen Dispensationalisten auch darauf, nur besonders „geistliche“ Christen oder Eingeweihte könnten diese Lehre verstehen. Diese Ansicht steht in direktem Widerspruch zu 1Kor 4,6: Geistliche Christen denken nicht über das hinaus, was geschrieben steht. Die echte biblische Lehre entnehmen sie in Einfalt und Demut den klaren Schriftaussagen, anstatt diese zu verdrehen (2Petr 3,16).

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Dispensationalismus ist offenbar nicht das Ergebnis einer gesunden Schriftauslegung nach dem Grundsatz „Sola Scriptura“ - „allein die Schrift“.

 

Quelle: http://www.glaube-aktiv.de/index.php?option=com_content&;view=article&id=918:argumente-gegen-den-dispensationalismus&catid=5:themen&Itemid=13