Ekklesiologie
Marith Nachal
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- Published on Saturday, 14 January 2012 22:59
- Written by Roland Odenwald
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Wie die geistlichen Leiter des alttestamentlichen Gottesvolkes die Gläubigen wieder für die Anbetung Jahwehs erreichen wollten - Eine fiktive Geschichte
Vorbemerkung: Marith Nachal ist hebräisch und steht im Deutschen für die Worte Weide und Bach - im Englischen für Willow und Creek. Die folgende Geschichte ist, abgesehen vom wahren geschichtlichen Hintergrund, frei erfunden und hat sich als solche niemals ereignet. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, realen Handlungen oder gegenwärtigen Strömungen unter dem Volk Gottes von heute sind beabsichtigt.
Von der Zeit Jerobeams bis zur Herrschaft Ahabs erlebte das israelitische Gottesvolk einen geistlichen Niedergang wie nie zuvor in seiner Geschichte. Viele der Könige des Nord- und Südreichs lebten vor ihrem Bundesgott nicht wohlgefällig; sie errichteten Höhen für fremde Götter und verführten das Volk überdies dazu, heidnische Götzen anzubeten. Das Volk Gottes wandte sich von der Anbetung ihres lebendigen Bundesgottes ab und verfiel einer oberflächlichen Religiosität, Weltlichkeit und dem Götzendienst.
Asa war einer jener gottesfürchtigen Könige des Südreichs, der die Höhen vernichtete und das Volk dazu aufrief, sich mit ganzem Herzen dem Gott ihrer Väter zuzuwenden. Doch als der König des Nordreichs Israel in Asas Reich eindrang, vertraute er nicht dem wahren, lebendigen Gott, sondern er schloss einen Bund mit Benhadad, dem König von Syrien, um die feindliche Armee der eigenen Brüder aus dem Nordreich zurückzuschlagen, die bereits weniger als 10 Kilometer vor Jerusalem stand.
Der Prophet Hanani tadelte Asa. Doch Asa demütigte sich nicht vor seinem Gott und erkrankte in seinem 39. Regierungsjahr an einer Krankheit, die ihn zwei weitere Jahre bis zu seinem Tod begleitete. Es war in diesem 39. Regierungsjahr Asas, als der gottlose Ahab König über das Nordreich wurde. Ahab war eine moralisch schwache Persönlichkeit, was durch seine Heirat mit der heidnischen Isebel nur noch mehr Unglück über sein Königshaus und das Volk brachte, über das er regierte. Unter dem Einfluss seiner Frau Isebel führte er den Baalskult in Israel ein und baute dem Götzen Baal sogar einen Tempel.
Der dunkle Schatten des Abfalls lag über dem ganzen Land. Würde es noch einen Ausweg aus dieser düsteren Situation geben? Die geistliche Elite in Jerusalem, bestehend aus dem damaligen Hohepriester, aus Priestern und Leviten sowie aus einflussreichen Fürsten, fand sich in Jerusalem zu Beratungen zusammen. Sogar das Nordreich sandte eine Reihe von hohen Vertretern nach Jerusalem, um an den Beratungen teilzunehmen – darunter sogar Personen, über die man im Volk sagte, sie seien Baalsdiener und falsche Propheten. Der Prophet Hanani erkannte in ihrem Tun von Anfang an den schwachen Arm menschlichen Fleisches, und als er sich offen gegen die Pläne seiner Mitgenossen aussprach, wurde er als „Ruhestörer“ kurzerhand ins Gefängnis geworfen.
So konnte der Rat in aller Eintracht und ungestört von den immerzu nörgelnden Propheten des HERRN zusammentreten. Zuerst musste ein Name für diesen neu geschaffenen Rat gefunden werden. Marith Nachal schien allen Anwesenden ein passender Name zu sein. Das Hebräische marith stand für Weide und das Hebräische nachal für Bach. Die Herde der Weide des HERRN sollte sich endlich wieder am Bach des HERRN laben und erfrischen. Um dieses Ziel zu erreichen, waren sie alle zusammengekommen.
Der zaghafte Vorschlag eines unbedeutenden Leviten, der noch dazu aus dem schwächsten Stamm Benjamin stammte, die Torah zur alleinigen Grundlage ihrer geistlichen Erneuerung zu wählen, wurde mit spöttischen Bemerkungen abgeschmettert. Schnell wurde allen klar, wer hier das Zepter in der Hand hatte: der Hohepriester und seine gelehrten Berater, die er um sich geschart hatte, sowie die einflussreichen Fürsten Israels sollten von nun an den Ton angeben. Niemand mehr wagte es, tadelnde Worte über die vielen irdisch gesinnten und heidnisch beeinflussten Berater auszusprechen.
Schnell wurde der Hohepriester zum Haupt von Marith Nachal gewählt. Er und seine engsten Berater schienen nicht allzu viel Vertrauen in die Torah zu setzen, da ihnen das Studium der Torah, das sie seit Jahrhunderten praktiziert hatten, als nicht mehr wirksam genug erschien, eine geistliche Reformation im Volke Israel einzuläuten. Schnell waren auch die Vertreter des Nordreichs, die ohnehin wenig Interesse an der altmodischen Torah zeigten, überzeugt. Es galt, neue Wege zu gehen. Neue Wege, die nichts mit dem Götzendienst der Heiden zu tun hatten und doch so viele Traditionen des israelitischen Glaubens wie nötig beinhalteten. Es musste etwas ganz Neues, etwas Besonderes ersonnen werden. Nur ein frischer Wind würde das Volk wieder ermuntern, Jahweh anzubeten.
Einer der engen Berater des Hohepriesters machte den Vorschlag, man solle Boten in das ganze Land zu jedem der 12 Stämme Israels aussenden, um alle Israeliten zu befragen, wie der in die Jahre gekommene Jahweh-Kult verändert werden könne, um neues Leben und Frische in ihr geistliches Leben zu bringen. Derartiges hatten die Mitglieder des Rates noch nie gehört. Sie waren es seit Bestehen ihres Volkes gewohnt von geistlichen Führern wie Mose und Josua geleitet zu werden. Begeistert von einem so innovativen Vorschlag stimmten alle sofort zu. Noch am selben Tag wurden 144 Boten durch Marith Nachal zu den 12 Stämmen Israels gesandt, je 12 Boten zu jedem Stamm. Mit Schriftrollen und Schreibgeräten ausgestattet machten sich die Boten wohlgemut auf den Weg.
So strömten die Boten ins ganze Land aus und befragten eifrig jeden Israeliten. Aus dem Gefängnis war zu hören, dass Hanani polterte, man solle lieber Jahweh und die Torah befragen, was zu tun sei. Doch alle Mitglieder von Marith Nachal betrachteten die Ratschläge Hananis als rückständig und irrelevant. Ein Umstand, der diese Situation begünstigte, waren die vielen falschen Propheten jener Zeit. Sie betrachteten den Bund Gottes mit dem Volk Israel als eine Versicherung vor allem Unheil und aller Drangsal. Anders als die wahren Propheten konnte aus ihrer Sicht selbst Ungehorsam gegenüber Jahwehs ewigem Wort niemals eine negative Reaktion Jahwehs hervorrufen. Und ständig waren sie damit beschäftigt, den Massen nur das zu verkünden, was sie hören wollten, um ihre Macht und ihren Status Quo zu erhalten (Jer 23,9-40).
Nach wenigen Wochen kehrten die 144 Boten von ihrer Reise zurück und legten Marith Nachal ihre Papyrusrollen vor. Der Hohepriester, die Priester und Leviten sowie alle, die sich berufen fühlten, neue Wege zu gehen, damit das Volk Gottes eine Wiederbelebung erfahre, machten sich an die Arbeit. Da die meisten Ergebnisse doch sehr ähnlich waren, kamen die Beratschlagungen überraschend schnell zu einem Ende, und der Hohepriester durfte voller Stolz die neu gewonnenen Einsichten verkünden.
Einmütig war man zu der Überzeugung gekommen, dass man mehr auf die gefühlten Bedürfnisse der Israeliten eingehen müsse. Zu lange Gottesdienste und vor allem zu lange Schriftlesungen und Auslegungen der Torah sollten von nun an der Vergangenheit angehören. Stattdessen sollten sich alle verantwortlichen geistlichen Leiter überlegen, wie sie den Gottesdienst am Sabbat durch Tänze, Musikspiel mit Flöten und Trommeln sowie Darstellungen von Begebenheiten aus der Geschichte Israels, Musikeinlagen und gelegentliche kurze Anspiele auflockern konnten. Etwas Unbehagen kam dann doch in mancher jüdischer Seele hoch, als eine Diskussion entbrannte, ob man nicht auch die gojim, die gottlosen Heiden, zu den Gottesdiensten zulassen könne. Doch einige argumentierten, dass der Lebensstil so mancher Israeliten sich ohnehin kaum noch von dem der gojim unterschied und es schließlich eine Möglichkeit sei, den einen oder anderen Heiden für den jüdischen Glauben zu gewinnen. Auch könne ein Beitrag der gojim in Form eines Fruchtbarkeitstanzes oder eines Trommelspiels durchaus als eine Belebung des Gottesdienstes betrachtet werden.
Vor allem sollte jeder geistliche Leiter von nun an darauf achten, nicht zu viel Tradition oder Symbolik des jüdischen Glaubens zu pflegen. Die Versammlungsorte sollten keinen sakralen Charakter mehr aufweisen. Ferner sollten die Vorschriften für die Versammlungen vereinfacht und die Versammlungsorte so gehalten werden, dass sich niemand durch zu viele Hinweise auf Jahweh bedrängt fühlen könnte. Auf diese Weise würden sich wieder mehr Besucher einfinden, so glaubte man zumindest. Ferner rief der Hohepriester dazu auf, in Zukunft die Übertretung der Gebote nicht mehr so hart zu ahnden, wie es bisher der Fall war. Wer in Ehebruch lebte, sollte nicht mehr gesteinigt werden, sondern man musste vielmehr verstehen, was denn der arme Mann oder die arme Frau gerade durchmache. Schließlich habe ja auch Israel zu oft versagt, als dass man den erhobenen Zeigefinger auf irgendjemanden richten könne.
Dass es sich um eine Verwässerung der Torah oder gar um offenkundigen Abfall von den Geboten Jahwehs handelte, wollte niemand so recht einsehen. Ja, da waren noch diejenigen, die sich selbst als „heiliger Überrest“ bezeichneten, jene streitsüchtigen und engstirnigen Anhänger der Überlieferungen des Fundamentalisten Mose, die nichts anderes zu tun hatten, als Marith Nachal zu kritisieren. Und da waren noch diejenigen, die sich als „wahre Propheten des HERRN“ betrachteten. Auch diese wollten die Pläne von Marith Nachal keineswegs gutheißen, weil sie der Ansicht waren, dass diese menschlichen Pläne mehr danach fragten, was der Mensch will, statt zu fragen, was der Wille Jahwehs war.
So trat die neue Lehre von Marith Nachal ihren Siegeszug an. Innerhalb von kürzester Zeit war sie in aller Munde, und es gab nur noch eine Minderheit, die sich ihr widersetzte, weil sie der Torah und ihrem Bundesgott Jahweh treu bleiben wollte. Eine ungeheure Euphorie hatte das Volk Israel erfasst. Vom Nordreich bis zum Südreich führte man die Empfehlungen des Hohepriesters ein. Und sogar der Tempeldienst, wie er seit Jahrhunderten überliefert und praktiziert worden war, wurde tiefen Veränderungen unterzogen. Vorbei waren die Zeiten, in welchen man in einer übertriebenen Weise auf all die pedantischen Gebote Jahwehs achtete. Statt der drei Musikinstrumente, die für die Tempelanbetung nach dem Gebot des HERRN zugelassen waren, verwendete man nun alle Instrumente, die den Israeliten zur Verfügung standen. Und zu den großen jüdischen Festen erklangen mehrmals im Jahr auch heidnische Melodien, um den Gottesdienst zu bereichern.
Die trockenen, ernsten Tempelzeremonien wurden überdies mit Tänzen und musikalischen Darbietungen umrahmt. Die Kleidung der Priester war obendrein viel legerer geworden und der Alltagskleidung angepasst worden als noch in früheren Tagen. Und was die Opfertiere anging, tat es auch ein krankes Tier, das ja ohnehin sterben musste. Pragmatisch waren viele eben geworden, was nicht wenige zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen wussten.
Wären da nicht die ewigen Nörgler gewesen, jene „wahren Propheten“ und jene Frömmler, die an den alten Geboten und Lehren und Traditionen festhielten. Sie konnten den anderen hie und da den Spaß verderben. Oder war es vielleicht doch das Gewissen, das sich in manchem Israeliten regte und für eine innere Unruhe sorgte? Nein, solche Gedanken waren schnell verdrängt, da die Erfolge den Unternehmungen von Marith Nachal doch offenkundig recht zu geben schienen. Es waren wieder mehr Menschen in den Gottesdiensten und sogar viele der gojim besuchten die Veranstaltungen, in denen Jahweh angebetet wurde. Leider war die Hinwendung der gojim zum jüdischen Glauben mehr als enttäuschend, denn sie verließen die Gottesdienste so, wie sie gekommen waren und lebten ihr Leben weiter, ohne dass sie verändert wurden – ein Phänomen, das übrigens auch den allermeisten Israeliten zu eigen war.
Die Gelehrten von Marith Nachal hatten zudem einen Ruf über die Grenzen Israels hinaus erlangt, weil sie die ersten waren, die sich über das Menschenbild der Torah hinwegsetzten und ganz neue Einsichten formulierten. Die Torah kannte so viele negative Worte, die den Menschen als Sünder, Übertreter, Rebell, Gottloser, Gesetzesübertreter oder Schuldiger und vieles mehr definierte. Marith Nachal legte in seiner ganzen Gelehrsamkeit ein völlig neues, anderes Menschenbild dar. Der Mensch war nicht mehr schuldig, sondern er hatte lediglich menschliche Schwächen und seelische Defizite, die es zu erkennen galt und die man nur kurieren konnte, indem man dem Israeliten nahebrachte, was für ein wunderbares göttliches Geschöpf er doch im Grunde sei und wieviel eigene Stärke und kreatives Potential in ihm schlummere. Er müsse dies nur erkennen, und dann würde er ein wunderbarer Mensch werden, so wie Jahweh ihn in seinem Bilde geschaffen hatte. Dies würde selbstverständlich auch für die gojim gelten, auch wenn man lange Zeit äußerlich keine Frucht der Bekehrung wahrnehmen könne, so die Gelehrten.
Über Jahrzehnte war Marith Nachal unangetastet einer der wichtigsten Meinungsmacher unter Gottes Volk. Die Hoffnung, die wahren Propheten und der treue Überrest würde mit der Zeit ganz verschwinden, erwies sich als trügerisch. Und so folgte fast eine ganze Generation den Lehren Marith Nachals, ohne sich je zu fragen, wie denn Jahweh über all dies denkt. Das Volk genoss die neue Freiheit. Die Popularität von Marith Nachal unter dem Volk war so groß, dass ein jeder mehr oder weniger tun und lassen konnte, was er wollte.
Doch diese Ruhe wurde durch ein trauriges Ereignis gestört, als nämlich der Hohepriester im Jubeljahr am großen Versöhnungstag nicht aus dem Allerheiligsten zurückkehrte, sondern nur noch tot an einem Seil hinter dem schweren Vorhang herausgezogen werden konnte. Was war geschehen? Der Hohepriester war so selbstsicher geworden, dass er die Torah aus der Bundeslade im Allerheiligsten durch sein Lebenswerk, das den Titel Marith Nachal trug, ersetzen wollte. Doch schon bevor er überhaupt den Deckel der Bundeslade entfernen konnte, fiel er tot zu Boden.
Sollte dies ein Zeichen Jahwehs gewesen sein? War der Bundesgott möglicherweise doch über all diese Methoden des Fleisches so erzürnt, dass er ein Zeichen setzen wollte, ganz wie die Propheten des HERRN immer wieder gesagt hatten? Diese Frage wurde schnell wieder verdrängt, denn ein so populäres wie erfolgreiches Programm wie Marith Nachal konnte unmöglich nicht von Jahweh sein. Der neue Hohepriester sandte erneut Boten ins ganze Land und wollte von allen Leitern hören, wie sich die Schafe Israels denn so entwickelten. Nach der Rückkehr der Boten mussten der Hohepriester und seine Gelehrten, die er um sich geschart hatte, allerdings eine ernüchternde Tatsache zur Kenntnis nehmen. Das eigentliche Ziel, die Israeliten wieder für ein brennendes geistliches Leben zu gewinnen und möglichst viele gojim für die Religion Jahwehs zu gewinnen, hatten sie in all den Jahrzehnten nicht erreicht.
Was war nun zu tun? Sollten sie doch wieder zu den alt bewährten Wegen Jahwehs zurückkehren? Doch es geschah genau das, was die wahren Propheten voraussagten. Die Vertreter von Marith Nachal waren schon zu lange auf falschen Wegen gegangen, so dass sie gar nicht mehr umkehren konnten. Und so beschlossen sie ein eine neue Vorgehensweise, die der alten im Grunde äußerst ähnlich war. Durch beeindruckende Worthülsen und geistlich erscheinende Floskeln erweckten sie den Eindruck, dieses Mal sei der große geistliche Wurf gelungen.
Und wie endete die Geschichte? Die Geschichte geht heute noch weiter und wird sich, solange es religiöse Menschen gibt, bis ans Ende der Zeit wiederholen. Der Mensch mag eigenwillig entscheiden, was er für richtig, was er für gut oder was er für geistlich hält, ohne Jahweh zu befragen. Doch wer wahrhaftig im Glauben in das Allerheiligste eintritt und nach dem heiligen Willen Jahwehs fragt und seinen göttlichen Ratschluss sucht, wird als ein treuer Knecht in die Ewigkeit eintreten und dereinst freimütig vor Jahweh erscheinen dürfen.
Quelle: http://distomos.blogspot.com/2012/01/marith-nachal.html



